Lokale Behörden in China statten Millionen alter Kameras mit Computer Vision und Sprachmodellen aus. Polizisten sollen Videomaterial künftig per Texteingabe durchsuchen und Unruhen vorhersagen.
China modernisiert sein landesweites Überwachungssystem mit generativer KI und gibt Polizeibehörden damit deutlich mehr Befugnisse zur automatisierten Verhaltensanalyse und Vorhersage potenzieller Unruhen. Das berichtet die Financial Times nach Auswertung von mehr als einem Dutzend Ausschreibungsdokumenten und Gesprächen mit Branchenkennern.
Gesichtserkennung, Kennzeichenscans und klassische Computer Vision setzt China seit Mitte der 2010er-Jahre flächendeckend ein. Das alte Netz war jedoch auf die Identifikation einzelner Personen ausgelegt, lief auf veralteter Hardware und schickte Material zur Auswertung in zentrale Rechenzentren. "Chinas altes Überwachungssystem ist reaktiv. Es ist nicht gut darin, die Absichten von Personen zu erahnen und zu verstehen, die nicht ausdrücklich überwacht werden", sagt Minxin Pei vom Claremont McKenna College gegenüber der FT.
Hersteller wie Hikvision und Huawei liefern laut dem Bericht inzwischen Kameras mit integrierter Computer Vision und Sprachmodellen. Die Systeme sollen erratisches Fahren, Menschenansammlungen, unbefugten Zutritt oder suizidales Verhalten an Brücken erkennen und Alarme auslösen. Die neueste Hikvision-Generation erlaubt es laut dem Bericht Beamten, Aufnahmen per Texteingabe zu durchsuchen, etwa nach "einer Frau mit rotem Hut".
"Die Polizei muss das Material nicht mehr manuell sichten. Sie füttert das System mit einem Text-Prompt, und es findet die Aufnahmen", sagte ein Hikvision-Manager der FT. Hikvision selbst erklärte, die Produkte digitalisierten "Routineaufgaben, die zuvor stark auf manueller Überprüfung beruhten".
Kleinere Budgets, gezielter Ausbau
Ein Beschaffungsdokument aus Yaodu in Sichuan sieht laut der FT etwa 175 HD-Kameras mit "intelligenter Videoanalyse" vor. Eine Ausschreibung der Polizei in Datong listet Hikvision-Kameras, die Geschlecht, Körperhaltung und Kleidung identifizieren. Die ersten Einsätze konzentrierten sich auf dicht besiedelte Stadtgebiete sowie Zonen um Militär- und Regierungsgebäude. Andere Behörden behalten bereits installierte Kameras, tauschen aber die Zwischenserver gegen "AI PCs" aus, die Video lokal verarbeiten und auch Cloud-Kosten senken sollen.
Die Aufrüstung folgt einer Direktive von Minister für öffentliche Sicherheit Wang Xiaohong aus dem Jahr 2024, die nach einer Serie von Gewalttaten erlassen wurde, die Fachleute auf eine durch Pandemielockdowns und schwächelnde Wirtschaft verstärkte mentale Gesundheitskrise zurückführen. Diese Vorfälle hätten "die Grenzen des derzeitigen Überwachungsapparats" offengelegt, so Pei. Maya Wang von Human Rights Watch warnt, die "Philosophie hinter Chinas Überwachungssystem wird umfassender". Generative KI und Computer Vision verschafften den Behörden "eine beispiellose Kapazität, Verhalten in großem Maßstab zu überwachen".
In einem Policy-Papier warnte Anthropic kürzlich, dass China bei weiter schließender Compute-Lücke bis 2028 nicht nur technologisch aufholen, sondern auch KI-gestützte Überwachung und Repression skalieren könnte.
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