KI-Revolution oder Jobkiller: Haben wir demnächst mehr Freizeit?

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Zur Premiere der SXSW London 2025 hofften viele Teilnehmer noch, dass Künstliche Intelligenz ihre Jobs nicht gefährdet. In diesem Jahr hat sich das Blatt gewendet: Sehr viele Vorträge, Diskussionsrunden und Panels drehten sich darum, welche Rolle Menschen künftig überhaupt im Arbeitsprozess einnehmen werden und wie sich die Arbeit von LLMs und KI-Agenten beherrschen lässt.

Laut Tech- und KI-Experte Azeem Azhar von Exponential View wurden 2023 viele KI-Unternehmen gegründet, ohne dass ihre Gründer tiefere Kenntnisse in Künstlicher Intelligenz hatten. 20 Prozent der Unternehmen behaupten aber, dass sie bereits daran verdienen.

Auf die Frage von MIT-Redakteur Will Douglas Heaven, wie viele Jobs durch KI bereits verloren gegangen seien, erklärte Azhar, es gebe keine Beweise, dass KI Jobs gekostet habe. Viele Unternehmen würden vorschieben, dass Entlassungen durch KI entstanden sind. Es klinge einfach besser, wenn jemand behauptet, „wir brauchen nicht mehr so viele Leute, weil wir so erfolgreich KI-Tools einsetzen“, statt einzugestehen, „die Firma läuft nicht so gut, deshalb müssen wir Leute entlassen“.

Laut einer Studie von Anthropic hatte KI bislang keinen messbaren Einfluss auf die Arbeitslosigkeit. Die rote Linie zeigt die Arbeitslosenquote von Arbeitnehmern in einem Job mit starkem KI-Einfluss, die blaue solche ohne KI-Einfluss.

(Bild: Anthropic)

Seine Einschätzung deckt sich mit einer Studie des Claude-Entwicklers Anthropic von März 2026 . Azhar räumte zugleich ein, dass die unsicheren weltpolitischen Umstände nur schwer von den Auswirkungen der KI zu trennen sind. So würden Investitionen angesichts von Kriegen, regionalen Konflikten und nicht zuletzt der Klimakrise zurückgehalten und Unternehmen würden keine neuen Leute mehr einstellen.

KI-Potenzial in einzelnen Berufszweigen laut einer Studie des KI-Betreibers Anthropic.

(Bild: Anthropic)

Die theoretischen Möglichkeiten von Künstlicher Intelligenz würden in der Praxis derzeit kaum umgesetzt, ergab die Anthropic-Studie. Wenn man bedenkt, dass ChatGPT gerade einmal dreieinhalb Jahre für alle verfügbar sei, habe sich bereits sehr viel verändert, findet Heaven. Er glaubt, dass der Einsatz von Künstlicher Intelligenz insbesondere in der medizinischen Forschung und in der Mathematik schnell zu konkreten Anwendungen führen könne. In der Wissenschaft berge KI aber die Gefahr, dass sich Forschungsschwerpunkte unbeabsichtigt verschieben und die Wissenschaftler den Fokus verlieren.

Angesichts der hohen Kosten für Rechenleistung sollten Unternehmen genau überlegen, wofür sie KI nutzen, empfiehlt Ling Ge von Tencent.

(Bild: Ulrike Kuhlmann / heise medien)

Ling Ge von Tencent wies darauf hin, dass Unternehmen KI-Werkzeuge keinesfalls blind und überall einsetzen sollten. Die nötige Rechenleistung sei einfach zu teuer dafür, erklärte die strategische Beraterin des weltgrößten Gaming-Konzerns und Betreibers von WeChat. Die Quantencomputer-Spezialistin ist sich sicher, dass nur diejenigen Unternehmen auf lange Sicht überleben, die den Einsatz von KI-Modellen hinterfragen und sehr gezielt nutzen.

Ein weiteres Problem: KI ist derzeit nicht vertrauenswürdig, findet Douglas Heaven. Dazu tragen aus seiner Sicht insbesondere Deep Fakes bei, die ein mächtiges Werkzeug seien, um andere zu verletzen; bei pornografischen Inhalten seien davon besonders Frauen betroffen. Außerdem würde mit Deep Fakes grundsätzliches Misstrauen erzeugt und die Bevölkerung – frei nach Hannah Arendt – verunsichert.

MIT-Journalist Douglas Heaven und Azeem Azhar diskutierten, wie sich KI auf den Arbeitsmarkt auswirkt.

(Bild: Ulrike Kuhlmann / heise medien)

Das gelte insbesondere für die Gruppe von Menschen, die jeglichen Einsatz von KI ablehnt. Da KI auf den ersten Blick meist sehr ähnliche Ergebnisse erziele wie ein Mensch, seien Deep Fakes zudem nur schwer als solche zu erkennen. Auch deshalb forsche man verstärkt an mechanistischer Interpretierbarkeit, also eine Art Reverse Engineering und Debugging. Es geht darum, die KI-Modelle nicht mehr als Black Box zu akzeptieren, sondern zu verstehen, wie sie reagieren und produzieren, um die Ergebnisse vorhersehbar zu machen.

Auch für Lucy Liu, Gründerin und Präsidentin des Fintech-Unternehmen Airwallex, spielt der Vertrauensaspekt eine wichtige Rolle. So könne man zwar übers Wochenende eine neue Anwendung vibe coden, doch das Vertrauen der Nutzer gewinne man in so kurzer Zeit keinesfalls; hier sei weiterhin viel menschliche Intervention nötig. Relevante Entscheidungen und Strategien müssten ohnehin von Menschen vorgegeben werden, erklärte Liu. Insofern revolutioniere KI die Arbeit nicht, sondern verändere sie nur.

Vibe Coding erlaubt es zwar, in kürzester Zeit Anwendungen zu produzieren, Strategien und relevante Entscheidungen müssen aber weiterhin von Menschen getroffen werden, findet Lucy Liu.

(Bild: Ulrike Kuhlmann / heise medien)

Diese positive Sicht auf KI teilen viele Menschen nicht, meint die ehemalige Präsidentin der britischen Handelskammer, Martha Lane Fox. Etliche hätten stattdessen Angst vor den Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz. Auch Lane-Fox ist sich sicher, dass sich die Rollen im Arbeitsleben in den kommenden Jahren stark verändern werden. Diese Änderungen müssten die Menschen jedoch akzeptieren lernen.

Der (natürlich per Zoom zugeschaltete) Zoom-Chef Eric Yuan ist sich sicher, dass wir künftig nur drei oder vier Tage pro Woche arbeiten werden.

(Bild: Ulrike Kuhlmann / heise medien)

Deutlich optimistischer blickt Zoom-Gründer und CEO Eric Yuan auf die Veränderungen. Er glaubt, dass wir in wenigen Jahren nur noch drei bis maximal vier Tage pro Woche arbeiten werden. Die KI könne dann viele Aufgaben rund um die Uhr, also 24/7 erledigen, ohne zu ermüden, ohne Urlaub zu nehmen. Er forderte die Menschen dazu auf, die längere Freizeit zu genießen, statt der Arbeit hinterherzutrauern. Wer die reduzierte Arbeitszeit finanziert, sagte Yuan auch auf Nachfrage nicht.

(uk)

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