Zwischen Werkzeug und Verantwortung: Künstliche Intelligenz im Journalismus

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14. Februar 2026 Benjamin Roth

Eine Frau und ein Roboter schauen auf ein Tablet

Wie lässt sich künstliche Intelligenz in Medienberufen sinnvoll einsetzen?

(Bild: KI-generiert)

Künstliche Intelligenz verändert journalistische Arbeitsweisen grundlegend. Workshops und Debatten zeigen, wo Chancen liegen – und wo Vorsicht geboten ist.

Künstliche Intelligenz ist längst im journalistischen Alltag angekommen – von Recherche und Transkription bis hin zur Text- und Bilderstellung. Doch wie funktioniert KI eigentlich, und wie lässt sie sich verantwortungsvoll einsetzen?

Workshops der Reporterfabrik vermitteln Grundlagen, praktische Anwendungen und kritische Perspektiven. Sie zeigen, wie Journalisten KI als Werkzeug nutzen können, ohne journalistische Standards aus dem Blick zu verlieren. Neben Effizienzgewinnen rücken auch Risiken wie Halluzinationen, Datenschutz und Transparenz in den Fokus. Der reflektierte Umgang mit KI wird damit zu einer zentralen Kompetenz im modernen Journalismus.

Wie und woran arbeite ich im Journalismus mit Künstlicher Intelligenz? Die Reporterfabrik, ein Bildungsprojekt der Correctiv GmbH, bietet hierzu verschiedene Workshops an. Empfehlenswert sind unter anderem:

Geschichte und Funktionsweise von KI

ChatGPT, genauer gesagt das Modell GPT-4, schaffte 2022/2023 einen großen Durchbruch. Der Erfolg von Chat-GPT resultierte vor allem daraus, dass es kostenlos war, für alle verfügbar, einfach zu bedienen und von relativ hoher sprachlicher Qualität.

Entwicklungen und Debatten um Künstliche Intelligenz reichen aber über 60 Jahre zurück. Schon 1966 entwickelte Joseph Weizenbaum den Chatbot Eliza, welcher täuschend echt eine Psychotherapeutin imitierte – warnte allerdings zehn Jahre später in seinem Buch vor den weiteren Entwicklungen. 2011 nutzte Forbes erstmals eine KI zur Zusammenfassung von Unternehmensberichten, 2014 setzte Associate Press sie zum ersten Mal bei Quartalsberichten ein und 2020 ließ der Guardian den ersten Leitartikel von GPT-3 schreiben.

Allerdings gab es auch Rückschläge: 2016 musste der Chatbot Tay auf Twitter schon nach 24 Stunden deaktiviert werden, da er rassistische Texte verfasste. 2022 musste die KI Galactica des Meta-Konzerns nach einem Tag ausgeschaltet werden, als sie pseudowissenschaftliche Texte hallizunierte.

Der KI-Pionier Andrew Ng betont, dass es vor allem Fortschritte in spezifischer KI (narrow AI) und weniger in allgemeiner KI (general AI) gibt. KI können gut einzelne Aufgaben bearbeiten, sind mit mehreren Aufgaben simultan allerdings noch überfordert.

Die meisten KI-Modelle arbeiten auf Grundlage von Language Learning Models, bei welchen ein regelbasiertes Verfahren mit Daten gefüttert und durch Wiederholungen gefestigt wird. Die Gefahren mit KI, so Alviani im Workshop, sind andere als jener Angsthype vor einer überlegenen und alles kontrollierenden KI suggeriert.

Arbeitsweisen: ihre Vorteile und Risiken

Künstliche Intelligenz kann Journalisten im beruflichen Alltag bei der Erstellung und Bearbeitung von Überschriften und Texten helfen. Auch kann sie Zusammenfassungen, Bilder und Avatare erstellen. Sie kann bei der Recherche, Ideenfindung und Transkription assistieren. Ein Vorteil vieler KI-Modelle ist, dass alle Journalisten inzwischen auf sie Zugriff haben und nicht nur die großen Häuser.

Bei der Interaktion mit KI, dem Prompting, müssen Rolle, Aufgabe, Kriterien und Zielgruppe der KI definiert werden. Die Prompts und Ergebnisse müssen meist überarbeitet werden, was auch der KI bei seiner Verbesserung hilft (Reinforcement Learning from Human Feedback).

Marcus Schwarze empfiehlt im Workshop, die KI "wie einen Praktikanten" in den Arbeitsprozess einzubeziehen: Genaue Aufforderungen und gründliche Nachbesserung der Arbeiten.

Die journalistische Arbeit mit KI, so Schwarze, macht Spaß und bietet sich schon aus Gründen der Neugier ein. Die Vereinfachung repetitiver Arbeitsschritte bringt mehr Zeit für Vertiefung und Spezialisierung, ermöglicht und erfordert mehr Faktenprüfung, Urteilsbildung und Einordnung. Jeder Journalist kann und sollte Potenziale und Gefahren selbst einschätzen lernen, am besten in der eigenen experimentellen Anwendung.

Wichtig ist bei der journalistischen Arbeit mit KI ihre Transparenz. Nutzer und Leser müssen wissen, dass eine KI geholfen hat und wie. Informationen von KI müssen gründlich geprüft werden, da sie bei Überlastung, Überforderung oder widersprüchlichen Aufforderungen zu Halluzinationen neigen.

Beim Datenschutz ist große Vorsicht geboten: Keine Namen, Adressen, Kontaktdaten und Informationen, die eine Quelle enttarnen könnten. Auch sollte in der Interaktion mit KI allzu viel Privatheit und Vertraulichkeit vermieden werden.

Künstliche Intelligenz im Journalismus – konkrete Anwendungen

Inzwischen existieren etliche KI-Anwendungen, welche die Arbeit im Journalismus erleichtern können. There is an AI for that unterstützt bei der Suche nach der passenden KI.

Beim Schreiben von Texten können Claude, ChatGPT und Google Gemini assistieren. Summ.AI hilft, Texte in leichtere Sprache zu übersetzen. Snip Aid erstellt Kurztexte, sogenannte Snippets, für Social Media. Varia Research kann bei der Recherche hilfreich sein.

Zur Bilderstellung eignet sich die KI Midjourney oder Nano Banana (Teil von Gemini). Auf Discord gibt es ein eigenes Tool dafür. Television.AI kann News-Clips zusammenstellen. Mit Bottalk.IO und Anymate.ME können Stimmen und Avatare generiert werden.

Diversity Analysis kann helfen, Inhalte zu diversifizieren. Bei der Transkription von Interviews können Whisper und Audio Index sehr viel Arbeitszeit einsparen. Summarize Tech kann Youtube Videos zusammenfassen.

Trotz aller Vorteile und Möglichkeiten – die Gefahr einer Rationalisierung von Arbeitsplätzen im journalistischen Betrieb ist real.

Julia Timm sagt hierzu in ihrem Workshop, dass KI die Jobs jener Journalisten gefährde, welche sie nicht verwenden. Die Gewerkschaft Verdi fordert deswegen mehr betriebliche Mitbestimmung über die Verwendung von KI im Journalismus und befragt Medien- und Bildschaffende noch bis zum 28. Februar zu Folgen von KI.

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