23. Februar 2026 Timo Rieg
Bild: shutterstock.com
Der Umgang des ZDF mit Kritik, Presseanfragen und Wahrheit ist ein Systemversagen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Ein Kommentar.
Vier Sekunden KI-generiertes Filmmaterial und ein Videoschnipsel von 3 Sekunden, der in einem anderen als dem behaupteten Zusammenhang entstanden ist, sind nicht der ZDF-Skandal, der seit einer Woche verhandelt wird.
In einem Beitrag des "heute journal" über die Arbeit der amerikanischen Abschiebe-Behörde United States Immigration and Customs Enforcement (ICE) waren ein von künstlicher Intelligenz (KI) erzeugtes Video und ein aus einem völlig anderen Zusammenhang stammendes reales Video zu sehen.
Darüber wird heftig diskutiert, doch der Beitrag selbst taugt nicht zum Skandal.
Der Skandal ist allein, wie das ZDF damit umgeht. Viel mehr: Wie es regelmäßig mit Fragen zu seiner Arbeit umgeht.
Fehler passieren überall, und selbst grob fahrlässige oder gar mutwillige Fehltritte von Mitarbeitern wird kein Unternehmen sicher ausschließen können.
Jede Firma, jede Behörde und jeder Verein muss jedoch ausschließen können, dass Fehlverhalten gegenüber Dritten auch noch von der Leitung gedeckt wird.
Der Skandal ist die Kommunikation über einen Fehler
Das ZDF hat keinen Skandal mit einem heute-journal-Beitrag vom 15. Februar 2026, in dem etwas nicht gestimmt hat. Unschön? Ja! Sollte Konsequenzen haben? Klar!
Aber Himmel! Was wird nicht jeden Tag an Fehlerhaftem gesendet, gedruckt und ins Internet gestellt! Entscheidungen des Deutschen Presserats, Leserbriefe und User-Kommentare, Beschwerden bei Rundfunkräten oder nicht zuletzt der Medienjournalismus geben Hinweise genug.
Das ist nicht schön, aber wertneutral betrachtet erst einmal normal. So ist es eben: Ärzte stellen falsche Diagnosen und therapieren fehlerhaft. Polizisten agieren falsch oder unangemessen. Richter fällen Fehlurteile (die möglicherweise in einer höheren Instanz revidiert werden, aber vielleicht kommt es auch erst dort zum Fehlurteil?).
Verheerend aber wird es, wenn die jeweils Gesamtverantwortlichen an der Spitze der entsprechenden Organisationen behaupten, es gebe all diese Fehler nicht – oder wenn sie über deren Ursachen täuschen. Denn dann ist das Vertrauen ins gesamte Unternehmen beschädigt.
ÖRR ist kein Privatunternehmen
Während das bei privatwirtschaftlichen Firmen nur deren eigenes Problem ist, ist im Fall von Behörden und Institutionen der Daseinsvorsorge die gesamte Gesellschaft betroffen.
Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk (ÖRR) wie dem ZDF ist die Gesellschaft darauf angewiesen, dass er sauber arbeitet. Dazu gehört ganz wesentlich auch die sogenannte Unternehmenskommunikation. Denn die ist hier nicht einfach Public Relations (PR), die zu mehr oder weniger wirtschaftlichem Erfolg führen kann, sondern die elementare Schaltstelle zwischen internem Betrieb und der Öffentlichkeit, die diesen Betrieb finanziert und von seinem Output abhängig ist.
Denn der Output des ÖRR beeinflusst die öffentliche Debatte, ob man es will oder nicht.
Das ZDF hat ein massives Problem mit seiner Pressestelle, die Teil der "Hauptabteilung Kommunikation" ist. Der Umgang mit dem fehlerhaften Beitrag im "heute journal" ist kein einmaliges Versagen und ist nicht mit dem Fehlverhalten einzelner Mitarbeiter zu begründen (das eben nie auszuschließen ist).
Es hat System, gehört zu den Wesensmerkmalen des Mainzer Senders. Und das sollte sich die Öffentlichkeit nicht länger bieten lassen.
Unwahre Tatsachenbehauptung des ZDF
In der Causa "ICE-Abschiebungen" behauptete die ZDF-Pressestelle zunächst auf verschiedene Journalistenanfragen hin, die notwendige Kennzeichnung des KI-Videos "wurde bei der Überspielung des Beitrags aus technischen Gründen nicht übertragen" (Beispiele: epd, Nius, t-online).
Das bedeutet nicht nur, dass die Verwendung des nicht-realen Videos als akzeptabel angesehen wurde. Das ZDF behauptete vor allem, die notwendige Kennzeichnung habe es ursprünglich gegeben, sei also wohl von der Autorin irgendwie für den Beitrag vorgesehen gewesen, dann aber auf magische Weise "bei der Überspielung" verloren gegangen.
Wie soll das passiert sein? Und wenn so etwas technisch möglich ist: Was kann noch alles an Informationen auf dem Weg von einem Studio ins andere verloren gehen oder irgendwie verändert werden?
Und wenn so etwas – fürs ZDF offenbar ganz selbstverständlich und nicht weiter der Rede wert – passieren kann: Wie wird dann die korrekte Übertragung geprüft, die Vollständigkeit und Unversehrtheit journalistischer Beiträge?
Das ZDF beantwortet solche Fragen nicht – mal wieder. Stattdessen schickt es dem anfragenden Journalisten einen ersten Standardtext. Und auf die Replik, dass dieser auf die gestellten Fragen mit keinem Wort eingeht, folgt ein weiterer Standardtext ohne jeden Bezug.
Das ZDF verschaukelt Journalisten
Das ist nur dreist zu nennen, ein völlig inakzeptabler Umgang mit der Presse. Das ZDF gibt sich nicht die geringste Mühe, den Verdacht, gelogen zu haben, aus der Welt zu schaffen – obwohl er im Netz natürlich von Anfang an kursierte.
Denn wenn ein öffentlich-rechtlicher Sender (ÖRR) behauptet, es habe eine technische Panne gegeben, ansonsten aber wäre alles korrekt gelaufen, in Wahrheit aber diese Technikpanne gar nicht existierte, dann lügt er die Öffentlichkeit an. Und dann kann man den Auskünften dieses Senders nicht mehr vertrauen.
Wohlgemerkt: Nicht das falsch zugeordnete und das KI-generierte Video im heute journal waren Lügen (wie es in zahlreichen Medien bezeichnet wurde) – denn hier ist bisher kein Vorsatz falscher Tatsachenbehauptungen bewiesen.
Aber etwas zu behaupten, von dem man entweder weiß, dass es unwahr ist, oder von dem man nicht weiß, ob es auch nur annähernd zutreffend sein könnte, ist eine Lüge (so auch turi2).
Insofern war es erhellend, mit welcher Nonchalance das Sprachrohr des ZDF-Intendanten Norbert Himmler auf die Lügen-Recherche reagierte. Denn normalerweise antwortet die Pressestelle dann einfach gar nicht.
ZDF ignoriert regelmäßig Presseanfragen
Auch im aktuellen Fall schreiben zig Medien, dass ihre Presseanfragen unbeantwortet geblieben sind (Beispiele: t-online, Heise, Übermedien). Und auch das ist eben keinesfalls neu und einzigartig, sondern ZDF-System.
Als mal wieder Presseanfragen ans ZDF unbeantwortet blieben und erst auf einen Einschreibebrief hin sich jemand einer Reaktion erbarmte, antwortete der Sender auf die Frage, ob die Chance auf Auskunft von zeitlichen, personellen oder sonstigen Zufällen abhängig sei:
"Regeln für die Nicht-Beantwortung von Journalistenanfragen gibt es im ZDF nicht."
ZDF, Barbara Matiaske, Hauptabteilung Kommunikation, Schlussredaktion, 26. Oktober 2022
Ist das etwas anderes als dreist? Keinerlei Widerspruch zum Vorhalt, dass Presseanfragen ignoriert werden – stattdessen die franke Antwort, dass dies quasi willkürlich geschehe. Also wohl zu übersetzen mit: Fragen, die uns nicht passen, ignorieren wir einfach.
Ja, Sendeanstalten sind nicht wie Behörden grundsätzlich auskunftspflichtig nach den Landespressegesetzen, nur in kleinen Teilbereichen wie der Verwendung von Rundfunkbeiträgen. Bedauerlicherweise schreibt auch der Medienstaatsvertrag hier keine Transparenz vor.
Freiwillig macht sich das ZDF nicht ehrlich
Aber akzeptabel ist ein solches Verhalten dennoch nicht. Und man darf sich fragen, woher die dieses Verhalten tragende Arroganz kommt – in Zeiten, da der gesamte ORR in der Kritik steht, übrigens nicht nur in Deutschland (am 8. März wird in der Schweiz mal wieder über eine deutliche Kürzung der dort fälligen Gebühren abgestimmt).
Der ZDF-Fall taugt überhaupt nicht dazu, das Radio-, Fernseh- und Internetangebot des ÖRR insgesamt schlecht zu machen. Die Hauptaussagen des heute-journal-Beitrags wären auch ohne die zwei falschen Videosequenzen unverändert – und nicht zu beanstanden.
Aber der Umgang mit einem "Doppelfehler", wie Anne Gellinek, stellvertretende Chefredakteurin beim ZDF, die zwei falschen Videoschnipsel in ihrer Entschuldigung im heute-journal am 17. Februar nannte, vonseiten der ZDF-Unternehmenskommunikation ist inakzeptabel.
Aufsichtsgremium nicht zuständig für Pressearbeit
Diese Unternehmenskommunikation unterliegt auch keiner – ohnehin reformbedürftigen – Kontrolle durch den ZDF-Fernsehrat. Denn dieser erklärte sich auf Anfrage im Jahr 2022 als dafür nicht zuständig, da er nur über das Programm wacht. Der Fernsehrat teilte seinerzeit allerdings mit: "Die Geschäftsstelle des Fernsehrates hat sich aber versichert, dass Presseanfragen vom Haus zügig bearbeitet werden."
Wobei demnach "ignorieren" und "falsche Aussagen tätigen" unter "bearbeiten" fallen müssen.
ZDF-Intendant Himmler hat sich damals nicht zur Arbeit seiner Pressestelle geäußert – obwohl ihm der nicht zuständige Fernsehrat die entsprechende Beschwerde weitergeleitet hatte. Seitdem gab es zahlreiche Fälle ignoranten Verhaltens dieses Teils der Unternehmenskommunikation (siehe Fall "Weizenbiene").
Beim ZDF steht Intendanten-Wahl an
Am 13. März 2026 kandidiert ZDF-Intendant Norbert Himmler nach derzeitigem Stand der Dinge zur Wiederwahl für seinen Posten. Es wäre mehr als unfair, ihn für jeden Fehler in einer der vielen journalistischen Redaktionen seines Hauses verantwortlich zu machen.
Schließlich wünschen sich Journalisten zurecht möglichst wenig Einfluss auf ihre Arbeit durch jemanden, der im Pressewesen "Verleger" heißen würde.
Aber für Lügen und Dreistigkeiten seiner Pressestelle trägt er die Verantwortung.
Auch wenn das ZDF – wie ebenso alle Landesrundfunkanstalten der ARD – anders als eine klassische Tageszeitung nur quasi nebenbei auch ein Journalismus-Betrieb ist, der ansonsten vor allem mit seinen vielfältigen Unterhaltungsangeboten wahrgenommen wird (Stichwort Fernseh-Lagerfeuer "Wetten, dass...?"): Als Dienstleister für die Gesellschaft versagt das ZDF in der Kommunikation über seine Arbeit langanhaltend und nachhaltig.
ZDF muss jetzt handeln
Bevor man sich der Hoffnung hingibt, neu Besen würden da besser kehren, sollte Norbert Himmler die Zeit nutzen, hier für eine grundlegend andere Arbeitsweise zu sorgen – auch ohne gesetzliche Verpflichtung, die natürlich jederzeit möglich wäre.
Das ZDF muss jede Journalistenanfrage nach bestem Wissen beantworten – schnell, vollständig und absolut wahr. Denn eine wechselseitige Kontrolle aller Medien untereinander ist das tragende Argument gegen jede Art von staatlicher Überwachung und Wahrheitsprüfung, wie wir sie inzwischen – höchst bedenklich – durch die Landesmedienanstalten erleben (als wenigstens mittelbare Staatsverwaltungen).
Und auch für die ARD-Anstalten muss der ZDF-Fall zu einer Transparenzoffensive der Presse gegenüber führen. Denn absolutistisches Verhalten finden Medienjournalisten keineswegs nur beim ZDF.
Aber gerade das ZDF kann nun seine konkrete Krise als Chance begreifen.



