Ein weiterer Fall zeigt, wie KI das aktuelle Bildungssystem untergräbt. Ein Professor an der Brown University vermutet massenhaftes KI-Schummeln in seiner Klasse. Zwei große Studien stützen seinen Verdacht: Wo Studierende und Schüler KI für Hausaufgaben nutzen, brechen die Leistungen in Präsenzprüfungen ein.
Roberto Serrano, Wirtschaftsprofessor an der Brown University, vermutet, dass die Mehrheit seiner 86 Studierenden bei einer Klausur KI zum Schummeln genutzt hat. Die Klausur war als Heimprüfung angelegt, der Notendurchschnitt lag bei 96 Prozent – historisch üblich sind 65 bis 80 Prozent.
Serrano ließ die Aufgaben durch ChatGPT laufen und erhielt nahezu identische Antworten. Viele Studierende nutzten einen umständlichen mathematischen Beweisweg, den auch ChatGPT wählte, statt des naheliegenden direkten Ansatzes.
Serrano warnte seine Studierenden und machte die Abschlussprüfung zur Präsenzklausur. Das Ergebnis gab ihm recht: 18 Studierende brachen den Kurs ab, neun traten gar nicht zur Prüfung an. Der Durchschnitt fiel auf 48,6 Prozent. Schlechter war das Ergebnis nie, berichtet Inside Higher Ed.
Nur wenige Studierende schnitten ähnlich gut ab wie bei der Heimprüfung. Insgesamt fielen 19 Studierende durch. Serrano erklärte die Zwischenprüfung für ungültig und gewichtete die Abschlussprüfung mit 80 Prozent der Endnote.
Der Notenvergleich in Serranos Kurs zeigt das Ausmaß des mutmaßlichen KI-Betrugs: Fast alle Studierenden erreichten im Midterm (orange) nahezu perfekte Ergebnisse. In der Präsenzprüfung (grau) brachen die Noten drastisch ein. | Bild: Inside Higher EdDie Universität reagierte laut Serrano "zaghaft" und empfahl ihm, jeden Betrugsfall einzeln zu melden. "Lächerlich", aus seiner Sicht. Er fordert ein stärkeres Vorgehen: "Wir können es uns nicht leisten, eine Gesellschaft zu haben, in der ein signifikanter Teil unserer besten jungen Köpfe denkt, dass Schummeln in Ordnung ist. [...] Wir können uns nicht aussuchen, Idioten zu werden." Weitere Gespräche finden statt.
Bessere Hausaufgaben, schlechtere Prüfungen
Serranos Fall ist kein Einzelfall. Zwei aktuelle Studien zeigen dasselbe Muster: gute Noten bei Hausaufgaben, schlechte Leistungen unter Aufsicht.
Eine Studie aus Zentralchina mit über 26.000 Schülerinnen und Schülern der Klassen 7 bis 12 über 30 Monate dokumentiert genau diesen Effekt. Sechs Monate nach dem Einstieg in die KI-Nutzung stiegen die Hausaufgabenergebnisse um 18 Prozent, während die Bearbeitungszeit von 64 auf 45 Minuten sank. Gleichzeitig fielen die Klausurergebnisse um 20 Prozent.
Bei den Aufnahmeprüfungen lag der Verlust langfristig bei 18 bis 24 Prozent, wobei sich der volle Effekt erst nach etwa zwei Jahren zeigte. Rund 81 Prozent der Langzeitnutzer zeigten ein klares Muster: rasche Bearbeitung, hohe Hausaufgabennoten, schlechte Klausuren. Am stärksten betroffen waren Spitzenschüler mit einem Leistungsverlust von 24 Prozent.
Eine UC-Berkeley-Studie mit mehr als 500.000 Noten an einer großen texanischen Forschungsuniversität bestätigt das Bild auf Hochschulebene. In Kursen mit hohem Anteil an Schreib- und Programmieraufgaben stieg der Anteil der Bestnote A seit ChatGPTs Start um 13 Prozentpunkte. Der Effekt konzentrierte sich auf unbeaufsichtigte Hausaufgaben. In Kursen mit hohem Hausaufgabenanteil war der Anstieg um 16 Prozentpunkte höher als in Kursen, die stärker auf beaufsichtigte Prüfungen setzten.
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