So offensichtlich, dass es wehtut: Microsoft kämpft für Open-Weight-KI und meint damit vor allem Azure

1 month ago 8

Microsoft hat erkannt, dass es als KI-Orchestrator besser aufgestellt ist denn als OpenAI-Weiterverkäufer.

Entsprechend hart lobbyiert das Unternehmen jetzt für Open-Weight-Modelle. In einem offenen Brief mit dem pathetischen Titel "Open Weights and American AI Leadership", den Microsoft zusammen mit Meta, Nvidia, Hugging Face, Mistral und mehr als 20 weiteren Unternehmen unterzeichnet hat, heißt es: "Unsere KI-Führungsrolle wird nicht an einem einzelnen Frontier-KI-Modell gemessen, sondern daran, ob die Vereinigten Staaten ein starkes, offenes Ökosystem aufbauen."

Frei verfügbare Modelle sollen Innovation fördern und Abhängigkeit von wenigen Anbietern verhindern. Auch die sogenannte Destillation, bei der ein kleineres KI-Modell aus den Ausgaben eines fähigeren Modells lernt, sei eine legitime Entwicklungsstrategie. Sie stehe in einer "langen Tradition, von bestehenden Technologien zu lernen, auf ihnen aufzubauen und sie zu verbessern", heißt es in dem Brief.

Gerade chinesische Anbieter stehen für diese Praxis in der Kritik, und die Trump-Regierung will angeblich gegen offene chinesische Modelle vorgehen. Auch das dürfte Microsoft auf den Plan gerufen haben.

Microsoft will KI-Margen optimieren

Der Hintergrund ist natürlich Microsofts eigenes Geschäftsmodell: Das Unternehmen verdient an Cloud-Infrastruktur und den Lock-in-Effekten seines Windows-Office-Ökosystems. Je mehr verschiedene Modelle auf Azure laufen, desto weniger Grund haben Kunden, andere KI-Plattformen zu nutzen. Und je weniger Microsoft für teure externe Modelle von OpenAI und Anthropic zahlen muss, desto höher die Marge.

Das erzeugt ein interessantes Paradoxon: Das Unternehmen, das den Software-Lock-in gewissermaßen erfunden hat, lobbyiert nun für eine offenere KI-Landschaft, um genau diesen Effekt besser aufrechterhalten zu können.

Zudem verhindert ein offenes, fragmentiertes Modell-Ökosystem, dass einzelne KI-Labore zu mächtig werden und Microsoft perspektivisch im Kerngeschäft Cloud und Betriebssystem gefährlich werden könnten. Entsprechend schreibt CEO Satya Nadella auf LinkedIn, der Schlüssel sei, "das richtige Modell für jede Aufgabe" zu nutzen und Kosten zu optimieren. Schon zuvor warnte er, dass wenige KI-Modelle den Wert ganzer Branchen absorbieren könnten.

Weniger KI fürs gleiche Geld

Microsoft baut auch eine eigene Modellfamilie namens MAI, die in Produkten wie GitHub Copilot, Excel und Outlook bereits anstelle von Modellen von Anthropic und OpenAI zum Einsatz kommt. Dass dieser Modellwechsel dem Kunden zugutekommt, darf man bezweifeln. In unabhängigen Benchmarks lagen Microsofts eigene MAI-Modelle bisher deutlich hinter der Konkurrenz von OpenAI und Anthropic, etwa auf dem Niveau von Deepseek V3.2.

Für Copilot-Kunden bedeutet das: weniger KI-Leistung fürs gleiche Geld, dafür bessere Margen für Microsoft. Microsoft behauptet zwar Verbesserungen oder gleichwertige Leistung, vergleicht sich dabei aber nur mit wenig leistungsfähigen kleinen KI-Modellen wie GPT-5.4 Mini, Anthropics Haiku oder "GPT-5.6" ohne Angabe der Version.

Die eigentliche Absicht hinter der ganzen Open-Weight-Innovations-Rhetorik beschreibt Microsoft ziemlich unverhohlen im eigenen Blog: Das kleinere MAI-Modell könne auch auf älteren Nvidia-GPUs (H100, A100) laufen, statt nur auf den neuesten Beschleunigern, was die Kosten für Microsoft "erheblich senke". Weitere MAI-Modelle für Copilot Chat, Outlook und PowerPoint sollen folgen.

KI-News ohne Hype – von Menschen kuratiert

Mit dem THE‑DECODER‑Abo liest du werbefrei und wirst Teil unserer Community: Diskutiere im Kommentarsystem, erhalte unseren wöchentlichen KI‑Newsletter, 6× im Jahr den "KI Radar"‑Frontier‑Newsletter mit den neuesten Entwicklungen aus der Spitze der KI‑Forschung, bis zu 25 % Rabatt auf KI Pro‑Events und Zugriff auf das komplette Archiv der letzten zehn Jahre.

Jetzt abonnieren

Read Entire Article