Sam Altman bei einer Anhörung in Washington: »Nutzlos« gefühlt
Foto: Justin Sullivan / Getty ImagesOpenAI hat am Donnerstagabend die neue Version seiner künstlichen Intelligenz GPT-5 veröffentlicht. Die KI sei nicht weniger als das »schlaueste, schnellste und praktischste« Modell, das man je entwickelt habe, teilte das Unternehmen mit. Nutzerinnen und Nutzer des KI-Chatbots ChatGPT können das Modell ab sofort verwenden, wobei zahlende Kunden deutlich mehr Optionen bekommen und etwa mehr Fragen stellen dürfen.
OpenAI-Chef Sam Altman trommelt schon seit Wochen für GPT-5. In einem Podcast sprach er davon, wie das Modell Aufgaben ohne Probleme erledigt habe, an denen er selbst gescheitert sei. Und mit Postings für seine Millionen Social-Media-Follower gab er erste Einblicke in besonders alltagstaugliche Antworten des Chatbots. Entsprechend hoch waren die Erwartungen an GPT-5 in der Techbranche.
Hier sind einige der angekündigten Neuerungen im Überblick:
ChatGPT kann nun auf Nachfrage in vier verschiedenen Persönlichkeiten mit Nutzerinnen und Nutzern reden: Nutzer können zwischen Zyniker, Roboter, Zuhörer und Nerd wählen oder bei der neutralen, bisher bekannten ChatGPT bleiben. Was wie eine Spielerei wirkt, könnte ein Schritt in Richtung stärker personalisierter Versionen des Chatbots sein.
Nutzer sollen externe Konten bei Diensten wie Gmail oder ihren Google-Kalender einfacher mit ChatGPT verbinden können, und die KI soll automatisch erkennen, wann E-Mails oder Kalendereinträge für sie relevant sind.
GPT-5 soll weniger halluzinieren und genauere Antworten als bisherige sogenannte Reasoning-Modelle liefern.
Die Sprachfunktion soll deutlich besser auf die Anweisungen von Nutzern hören und sich an sie anpassen.
Das Modell soll das »beste aller Zeiten für Programmierer« sein und bei entsprechenden Tests sehr gut abgeschnitten haben.
Chats können in unterschiedlichen, von Nutzern ausgewählten Farben dargestellt werden.
Wirklich ein »iPhone-Moment«?
Am Mittwoch, 24 Stunden vor der Veröffentlichung von ChatGPT-5, sitzt Sam Altman in einem Konferenzraum in San Francisco und spricht über seine Schöpfung. GPT-5 sei das menschlichste KI-Sprachmodell, welches seine Firma hervorgebracht habe. »Es fühlt sich wirklich an, als unterhalte man sich mit einem Experten«, sagt Altman.
Besonders beim Programmieren von Computercode könne die KI inzwischen binnen Minuten Arbeiten erledigen, für die erfahrene Programmierer Stunden oder Tage bräuchten. Niemand, das ist seine Botschaft an diesem Tag, müsse fortan noch coden können, um Websites oder simple Computerspiele zu erschaffen.
GPT-5 sei ein »riesiger Schritt nach vorn«, sagt Altman, während er sich in blauem Pulli und Jeans in einem Stuhl lümmelt. Es ginge in Richtung menschenähnlicher »allgemeiner künstlicher Intelligenz, auch wenn ich diesen Begriff hasse«. Etwas völlig Neues, nie Dagewesenes komme da in die Welt, so beschwört es Altman.
Die Vorstellung von GPT-5 fühle sich an »wie der iPhone-Moment«, sagt Altman gar.
Es ist die wohl größte Metapher, mit der ein Tech-Manager aus dem Silicon Valley seine Ware anpreisen kann. Als Steve Jobs 2007 das iPhone vorstellte, gelang ihm eine technische Innovation, die den Alltag der Menschen von Grund auf veränderte. Und es gelang ihm, seinem Konzern auf viele Jahre eine Vormachtstellung auf einem entstehenden Markt zu sichern. Ein Ziel, das auch Altman verfolgen dürfte – wobei er die Konkurrenz von Firmen wie Google oder Anthropic, die ebenfalls neue Modelle angekündigt haben, nur schwerlich wird abschütteln können.
Die KI kann jetzt als Zyniker antworten
Die am Donnerstag präsentierten Neuerungen allerdings erscheinen deutlich weniger bahnbrechend, als es das erste iPhone für den Smartphone-Markt war. OpenAI scheint seiner KI zwar diverse, kleinere und wichtige Updates verpasst zu haben, aber ein völlig neues Produkt ist da am Donnerstag nicht auf den Markt gekommen. Bei einer iPhone-Präsentation würde man dazu wohl sagen: Ja, die Kamera ist besser und der Prozessor schneller, aber es ist immer noch ein Smartphone.
Andererseits könnte sich das volle Potenzial der Neuerungen wie beim iPhone auch erst nach und nach zeigen. Nämlich dann, wenn andere Unternehmen die Möglichkeiten der Technik nutzen und daraus eigene Anwendungen generieren oder ihre Produkte damit besser machen.
Neben der Ankündigung von konkreten Funktionen hat OpenAI am Donnerstag auch veröffentlicht, wie viel besser GPT-5 bei Vergleichstests mit früheren Modellen abschneidet. Bei mathematischen Vergleichstests etwa erweist sich das GPT-5 demnach als intelligenter als vorherige Modelle. Solche Vergleiche sind eine inzwischen branchenübliche Praxis, um den Fortschritt der Modelle vorzuführen.
Sam Altman bei einer Konferenz in San Francisco im Juli: Mahnen als Geschäftsmodell
Foto: Justin Sullivan / Getty ImagesDie neuen GPT-Funktionen sollen überwiegend ab Donnerstagabend verfügbar sein. Allerdings sind die Updates an GPT-5 so umfassend, dass einige Funktionen auch erst in den kommenden Tagen Schritt für Schritt ausgerollt werden sollen. Eine im Silicon Valley verbreitete Vorgehensweise bei großen Updates. Teilweise kommen auch zahlende Kunden schneller an bestimmte Features oder können diese häufiger benutzen als Nutzer ohne ein Abo.
Firmenkunden als wichtigste Zielgruppe
Ohnehin war am Donnerstag auffällig, wie sich OpenAI immer wieder bemühte, die Vorzüge seiner Bezahlmodelle herauszustellen. So gab es etwa einen speziellen Blogbeitrag, in dem es um Fortschritte für Firmenkunden ging. Große Unternehmen, die die Programmierschnittstelle von GPT-5 für ihre Arbeit nutzen, sind als zahlende Kunden für OpenAI besonders wichtig. In dem Blog zitierte OpenAI Zitate gleich sechs führende Manager, darunter von Uber, vom Impfstoffhersteller Moderna und dem Einzelhandelskonzern Lowe’s, die über die Vorzüge von GPT-5 sprachen.
Für Sam Altman dürfte es von großer Bedeutung sein, dass er mit GPT-5 noch mehr solcher Firmenkunden gewinnen kann. Denn noch immer verbrennt OpenAI massiv Kapital – nicht zuletzt weil die für den technischen Fortschritt notwendigen Prozesse und die Rechenleistung laut Analysten viele Milliarden Dollar pro Jahr verschlingen. Auf jene Kunden, die die besonders teuren GPT-Nutzungsverträge abschließen, ist Altman also besonders angewiesen, wenn er beweisen will, dass er nicht nur ein innovatives, sondern irgendwann auch ein profitables Produkt entwickeln kann.
Altman betont aber auch die wachsende Nutzerschaft von ChatGPT bei den regulären Nutzerinnen und Nutzern. Fünf Millionen zahlende Abonnenten weltweit nutzten ChatGPT inzwischen täglich, so Altman. 700 Millionen Menschen verwendeten die generative künstliche Intelligenz jede Woche. Damit, so Altman, sei man so etwas wie die Alltags-KI der Menschen geworden.
Wie man vor seinem Produkt warnt und es gleichzeitig verkauft
Es gehört zu den Eigenarten des aktuellen KI-Hypes, dass ausgerechnet ihre größten Profiteure gleichzeitig als wortstarke Mahner vor der Technologie auftreten. Kaum jemand beherrscht dieses doppelte Spiel so virtuos wie Sam Altman. So erzählte er in dem Podcast, in dem er kürzlich von der Leistungsstärke des neuen KI-Modells schwärmte: »Als ich GPT-5 getestet habe, habe ich Angst bekommen. Ich habe es mir angeschaut und gedacht: Was haben wir da geschaffen?« Es sei »wie damals beim Manhattan-Projekt«, sagte Altman mit Bezug auf das Projekt zur Entwicklung der Atombombe.
Tatsächlich unternimmt OpenAI zumindest einige Anstrengungen, um die Sicherheit seiner Produkte zu testen. So veröffentlichte das Unternehmen am Donnerstag auch ein wissenschaftliches Paper über mögliche Sicherheitsrisiken, die man vorher geprüft habe.
Im Vergleich zur KI habe er sich selbst »nutzlos« gefühlt, sagt Altman schließlich noch in dem Podcast. Er klang dabei ernsthaft besorgt. Und gleichzeitig wie jemand, der eine Zukunft verkaufen will, die man nicht verpassen sollte – selbst wenn sie im Abopreis 20 Dollar im Monat und mehr kostet.


