Stand: 05.08.2026, 11:52 Uhr
Russlands Angriffe mit ballistischen Raketen auf die Ukraine stellen NATO-Führungskräfte vor eine dringliche Frage. Eine Analyse von Foreign Policy.
US-Präsident Donald Trump ist inzwischen offenbar von früheren Andeutungen abgerückt, der Ukraine eine Lizenz zum Bau von Patriot-Abfangraketen zu erteilen. Auch die Bitte Kiews um 300 zusätzliche Abfangraketen zur Stärkung der Luftverteidigung scheint aus Washington keine Zustimmung erhalten zu haben. Doch selbst wenn dies anders wäre, bliebe das akute Problem bestehen: Es gibt schlicht nicht genug Abfangraketen, um ukrainische Städte dauerhaft vor russischen ballistischen Raketen zu schützen.
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Dieser Artikel war zuerst im Magazin „ForeignPolicy.com“ erschienen – im Zuge einer Kooperation steht er nun in Übersetzung auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung.
Der Engpass ist strukturell. Neue Produktionskapazitäten aufzubauen, würde Jahre dauern, und die US-Regierung scheint derzeit nicht bereit zu sein, sensible Schlüsseltechnologien wie Suchköpfe, Feststoffraketenmotoren oder Leitsoftware mit der Ukraine zu teilen. Vor allem aber löst eine Lizenzproduktion nicht die zugrunde liegende Mengenarithmetik.

Die Vereinigten Staaten produzieren pro Jahr nur etwas mehr als 600 PAC-3-Abfangraketen, auch wenn diese Zahl perspektivisch deutlich steigen soll. Gleichzeitig kann die Ukraine in nur einem Monat intensiver russischer Angriffe 150 bis 180 dieser Raketen verbrauchen. Auf absehbare Zeit bleibt die antiballistische Raketenabwehr also auf Entnahmen aus Beständen der Verbündeten, Übergangslösungen und parallele europäische sowie ukrainische Entwicklungsprojekte angewiesen.
Patriot, PAC-3 und Luftverteidigung der Ukraine: Der Munitionsengpass wird strategisch
Dieses Problem sollte eine ernsthafte Debatte zwischen den Vereinigten Staaten und ihren europäischen NATO-Partnern auslösen. Es reicht nicht mehr, nur die Produktion von Abfangraketen hochzufahren, auch wenn genau das viel zu lange versäumt wurde. Selbst bei beschleunigter Fertigung werden die Stückzahlen auf absehbare Zeit kaum mit Russlands Fähigkeit Schritt halten, ballistische Raketen in größerer Zahl einzusetzen.
Deshalb rückt zwangsläufig eine zweite Form der Verteidigung in den Mittelpunkt: nicht nur die Raketen im Flug abzufangen, sondern die Fähigkeit des Gegners zu zerstören, sie überhaupt abzufeuern. Im militärischen Sprachgebrauch heißt dieser Ansatz „shooting the archer“ — also den Bogenschützen zu treffen statt nur die Pfeile.
Dieser Gedanke ist nicht neu, aber politisch hochsensibel. Er verlangt andere Waffensysteme, tiefere Eingriffe in den gegnerischen Raum und die Bereitschaft, mit deutlich höheren Eskalationsrisiken umzugehen. Genau deshalb müssen sich politische Führungskräfte und militärische Planer schon jetzt damit befassen.
Shooting the Archer: Tiefe Schläge gegen Raketenwerfer und Produktionsstätten
Für die Ukraine ist diese Frage unmittelbar praktisch. Sind die USA und Europas Partner bereit, verdeckt einen proaktiveren, mutmaßlich wirksameren, aber auch riskanteren Ansatz zum Schutz ukrainischer Städte zu unterstützen? „Shooting the archer“ würde bedeuten, Raketenwerfer tief im russischen Hinterland sowie Produktionsstätten für ballistische Raketen gezielt anzugreifen.
Tatsächlich verfolgt die Ukraine bereits in Ansätzen eine solche Logik. Mit Unterstützung europäischer und US-amerikanischer Geheimdienstinformationen setzt sie Langstreckendrohnen und -raketen ein, um Ölraffinerien, Treibstoffdepots, Versorgungsschiffe, Hafeninfrastruktur, Rüstungsanlagen und andere militärisch relevante Ziele anzugreifen. Ziel ist offenkundig, Russlands Kriegsfähigkeit systematisch zu schwächen und zugleich die Zahl der gegen die Ukraine abgefeuerten Raketen zu senken.
Dazu gehören auch Angriffe auf Anlagen, die Komponenten für russische Raketensysteme herstellen. Diese Kampagne signalisiert, dass Luftverteidigung nicht mehr nur defensiv gedacht wird, sondern zunehmend mit Offensivmaßnahmen gegen die Produktions- und Abschusskette des Gegners verknüpft ist.
Ukraine, Langstreckendrohnen und russische Rüstungsindustrie: Offensiv als Luftverteidigung
Ein weiteres Beispiel für diesen „shoot-the-archer“-Ansatz liefern die jüngsten US- und israelischen Operationen gegen den Iran. Offensivschläge auf Abschussvorrichtungen und Kommandostrukturen reduzierten und störten Teherans Fähigkeit, weitere Salven abzufeuern — auch wenn sie diese Fähigkeit nicht vollständig beseitigten.
Gerade darin liegt der strategische Punkt: Die Unterdrückung gegnerischer Raketenkräfte an ihrer Quelle kann den Druck auf die eigene Luftverteidigung stärker mindern als das bloße Vorhalten weiterer Abfangraketen. In Israel wie anderswo zeigen Engpässe bei Abfangsystemen längst, dass selbst hochentwickelte Luftverteidigung ohne offensive Ergänzung an Grenzen stößt.
Damit stellt sich für die Vereinigten Staaten und die NATO eine grundsätzliche Frage: Wären ihre politischen Führungen in einem Krieg gegen einen nuklear bewaffneten Gegner tatsächlich bereit, diesen Ansatz konsequent zu verfolgen? Genau an dieser Stelle beginnt die eigentliche Eskalationsdebatte.
Zum Autor:
Franz-Stefan Gady ist Associate Fellow für Cybermacht und zukünftige Konflikte am International Institute for Strategic Studies, Adjunct Senior Fellow für Verteidigung am Center for a New American Security, Autor von How the United States Would Fight China: The Risks of Pursuing a Rapid Victory, und Co-Herausgeber, zusammen mit Amos C. Fox, von Multidomain Operations: The Pursuit of Dominance on the 21st Century Battlefield. X: @hoanssolo
NATO, Iran und Raketenabwehr: Warum Offensivschläge strategisch an Bedeutung gewinnen
Aus Gesprächen mit deutschen zivilen Entscheidungsträgern ergibt sich offenbar, dass viele einen solchen Ansatz als hochriskant und potenziell eskalatorisch betrachten. Das ist bemerkenswert, weil die NATO theoretisch genau mit solchen tiefen Schlägen plant. Ihre Multi-Domain-Operations-Doktrin sieht im Fall eines konventionellen Krieges Angriffe auf Luftverteidigung, zentrale Infrastrukturknoten und kritische industrielle Kapazitäten des Gegners vor.
Künftige Großmachtkriege dürften stark von tiefen Präzisionsschlägen geprägt sein. Auch Russland verfolgt ein Konzept der Systemkriegsführung, das darauf abzielt, die industrielle Basis, die Logistik im rückwärtigen Raum und kritische Infrastruktur des Gegners zu schwächen. Die Idee ist also keineswegs einseitig, sondern bereits Bestandteil moderner Kriegslogik.
Dennoch bleibt fraglich, ob politische Führungen in den USA und Europa Angriffe tief im Inneren eines nuklear bewaffneten Russlands tatsächlich autorisieren würden. Militärisch mag das plausibel erscheinen, politisch ist die Schwelle deutlich höher — vor allem angesichts erwartbarer nuklearer Drohkulissen Moskaus.
Eskalationsrisiko mit Russland: Zwischen NATO-Doktrin und politischer Realität
Russland würde im Krisen- oder Kriegsfall mit hoher Wahrscheinlichkeit versuchen, nukleare Erpressung einzusetzen. Darüber hinaus könnte Moskau tiefe Schläge als Bedrohung für die Integrität seines Nukleararsenals, seiner Raketenabwehr und seines Frühwarnsystems interpretieren. Gerade diese Unschärfe macht jede Eskalationsrechnung so heikel.
Die Debatte ist nicht abstrakt. Sie wird durch Deutschlands Absicht, Tomahawk-Langstrecken-Marschflugkörper aus den USA zu beschaffen, noch aktueller. Solche Waffen entfalten aber nur dann wirkliche Abschreckungswirkung, wenn Russland glaubt, dass Berlin sie im Ernstfall auch tatsächlich einsetzen würde.
Wenn Moskau hingegen annimmt, dass Eskalationsangst den Einsatz praktisch ausschließt, könnte genau diese Zurückhaltung zur Schwäche werden. Russland würde dann voraussichtlich versuchen, diese Furcht auszunutzen, etwa durch die gezielte Vermischung nuklearer und konventioneller Systeme, sodass jeder Angriff das Risiko birgt, unbeabsichtigt einen nuklearen Bezugspunkt zu treffen.
Tomahawk, Deutschland und Abschreckung: Wenn politische Zurückhaltung zur Einladung wird
Die bisherige westliche Bilanz bei der Einschätzung von Eskalationsrisiken ist nicht gerade beruhigend. Immer wieder wurden Waffenlieferungen an Kyjiw — von HIMARS bis ATACMS — aus Angst vor russischer Reaktion verzögert. Das galt auch für den Einsatz westlicher Systeme gegen militärische Ziele auf russischem Territorium direkt hinter der Grenze.
Viele dieser Verzögerungen wurden später zwar überwunden, und Russlands angeblich starre rote Linien erwiesen sich als dehnbarer, als oft behauptet wurde. Das ist ein wichtiger Befund für jede künftige Eskalationsdebatte. Er zeigt, dass politische Selbstabschreckung im Westen häufig stärker war als die tatsächliche russische Reaktion.
Gleichzeitig bestehen bis heute zentrale Einschränkungen fort. Deutschland verweigert weiterhin Taurus-Marschflugkörper für die Ukraine, und SpaceX erlaubt Kyjiw nicht, Starlink-Satelliten über russischem Gebiet für militärische Operationen zu nutzen. Solche Begrenzungen reduzieren Reichweite, Überraschung und Wirkung.
HIMARS, ATACMS, Taurus und Starlink: Die Grenzen westlicher Unterstützung für Kyjiw
Hinzu kommt, dass langwierige öffentliche Debatten über jede einzelne Waffenart Russland regelmäßig vorwarnten. Wenn der Gegner Monate im Voraus weiß, welche Systeme geliefert werden und unter welchen Einsatzbeschränkungen sie stehen, sinkt ihre operative Wirkung bereits vor dem ersten Einsatz.
Die Annahme, dieses Zögern würde in einem direkten militärischen Konflikt mit Russland plötzlich verschwinden, wirkt deshalb wenig realistisch. Im Gegenteil: Wenn die Einsätze höher und die Risiken größer sind, dürfte auch die politische Vorsicht eher zunehmen als abnehmen.
Genau hier zeigt sich eine Lücke zwischen militärischer Planung und politischer Autorisierung. NATO-Militärs kalkulieren auf Basis von Konzepten und Doktrinen mit bestimmten Möglichkeiten. Politische Führungen in den Hauptstädten könnten jedoch im Ernstfall deutlich restriktiver handeln. Diese Diskrepanz ist strategisch gefährlich.
NATO-Planung, politische Freigaben und Russland: Die riskante Lücke im Ernstfall
Deshalb ist es höchste Zeit für eine realistischere Debatte darüber, was Europa in einem Krieg mit Russland tatsächlich zu tun — und zu riskieren — bereit wäre. Der akute ukrainische Bedarf nach einer aktiveren Luftverteidigung könnte dabei zum Auslöser werden, um politische Klarheit über Grenzen, Freigaben und Eskalationsmanagement zu gewinnen.
Westliche politische Führungskräfte müssen verstehen, was eine Kampagne gegen Ziele innerhalb Russlands praktisch bedeuten würde. Sie müssen wissen, welche Fähigkeiten dafür nötig wären, welche politischen Entscheidungen sie treffen müssten und welche Folgen das für Abschreckung und Eskalation hätte.
Eine NATO, die glaubwürdig signalisiert, dass sie nicht nur ankommende Raketen abfangen, sondern im Notfall auch den Bogenschützen treffen würde, könnte ihre Abschreckung deutlich stärken. Gerade diese Glaubwürdigkeit könnte dazu beitragen, Krieg oder groß angelegte Raketenangriffe von vornherein unwahrscheinlicher zu machen.
Abschreckung gegen Russland: Warum eine glaubwürdige Antwort Europas entscheidend ist
Umgekehrt birgt sichtbares Zögern erhebliche Gefahren. Wenn politische Führungskräfte den Eindruck erwecken, Sättigungsangriffe auf europäische Städte würden aus Eskalationsfurcht nicht mit tiefen Gegenmaßnahmen beantwortet, könnte Moskau genau daraus eine Einladung ableiten.
Kyjiws nächtliche Erfahrungen zeigen bereits, wie eine solche Realität aussieht: dauerhafter Druck, überdehnte Luftverteidigung, hohe Kosten und ein Gegner, der versucht, Masse gegen Knappheit auszuspielen. Genau deshalb ist die Debatte über „shooting the archer“ keine theoretische Planspiel-Frage mehr, sondern Teil der strategischen Gegenwart Europas.
Am Ende geht es nicht nur um Raketen, Reichweiten oder Doktrinen. Es geht um die politische Glaubwürdigkeit des Westens — und um die Frage, ob Europa bereit ist, die Konsequenzen seiner eigenen Abschreckungslogik tatsächlich zu tragen.



