KI steckt die Rolle von Mensch und Maschine in der Arbeitswelt neu ab
(Bild: thinkhubstudio/Shutterstock.com)
Google-Manager fordern von Programmierern verstärkten KI-Einsatz. Ein Essayist sieht darin den Beginn einer Entwicklung, die Beschäftigte unter Dauerstress setzen könnte.
Der Technologiekonzern Google hat seine Programmierer Ende Juli zu einem verstärkten Einsatz künstlicher Intelligenz aufgefordert. Konzernchef Sundar Pichai und Technikchef Brian Saluzzo hielten ihrer Belegschaft eine Standpauke, wie der Autor Dietmar Dath in einem Essay für die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet.
"Wir müssen KI schneller in Coding-Arbeitsabläufe integrieren!", zitiert Dath den Google-Manager Saluzzo. Diese Entwicklung sei symptomatisch für grundlegende Veränderungen in der Arbeitswelt, analysiert der Essayist. Während eine Microsoft-Studie zeige, dass eine Dolmetscherin "mehr Angst um ihren Job haben muss als ein Krankenpfleger", entstehe ein neues Verhältnis zwischen Beschäftigten und Kapital.
Permanentes Lernen als neue Anforderung
Besonders kritisch bewertet Dath die Forderungen nach kontinuierlicher Weiterbildung. Die Betriebswirtschaftsprofessorin Yasmin Weiß habe in einem Aufsatz von 2024 skizziert, wie künftiges Lernen ablaufen solle: "Siebzig Prozent des Lernens sollten on the job erfolgen", während nur noch zehn Prozent formell fortbildungsgebunden seien.
Problematisch sei dabei die geforderte Arbeitsweise: "Die effektivste Form des Lernens ist der Zustand der leichten Überforderung im Arbeitsalltag", zitiert Dath aus Weiß' Aufsatz "Future Skills in the Age of AI". Dabei solle "die persönliche Komfortzone täglich verlassen" werden. Was solches "Wachstum" mit der Gesundheit anstelle, "weiß die Arbeitsmedizin", warnt der Autor.
Historische Weichenstellungen in der KI-Entwicklung
Dath führt die heutigen Probleme auf frühe Entscheidungen in der Computerforschung zurück. In den 1960er Jahren habe sich die Fraktion um John McCarthy und Marvin Minsky durchgesetzt, die auf "vollständig autonome Denkmaschinen" abzielte.
Unterlagen seien dagegen Norbert Wiener und J. C. R. Licklider, dessen Vision von der "Symbiose zwischen Mensch und Maschine" den heutigen "Zustand der Überforderung" habe vermeiden wollen. Auch bei der technischen Umsetzung hätten sich problematische Ansätze durchgesetzt.
Statt der symbolisch-logischen Herangehensweise von Herbert A. Simon setzte sich der "Konnektionismus" von Geoffrey Hinton durch, der weniger nachvollziehbare Systeme hervorbringt.
Rolle des Wagniskapitals
Als treibende Kraft hinter der KI-Entwicklung identifiziert Dath das Wagniskapital. Organisationen wie Y Combinator, wo unter anderem OpenAI-Chef Sam Altman "sein Metier gelernt hat", würden Start-ups finanzieren, die nach dem Prinzip "exponentieller Bahnen oder Klippenabsturz" funktionierten.
Der Autor empfiehlt, sich mit diesen "wagniskapitalistischen Gegenspielern der lebendigen Arbeit" zu befassen und verweist auf Fachliteratur wie Sebastian Mallabys "The Power Law" und Catherine Bracys "World Eaters".
Auswirkungen auch in Deutschland
Die Entwicklung beschränke sich nicht auf die USA, betont Dath. "In der Münchner IT, beim Kölner Medienkram, im Hamburger Computerspiel-Business" und überall dort, wo Menschen arbeiteten, "kräuseln sich bereits die Mitarbeitsmembranen, weil hungrige, menschengemachte Riesenviecher näherkommen".
Der Essayist fordert, den "Spielernaturen mit sozialem Phantasiedefizit", die weltweit Datenzentren errichten wollten, "beizeiten mit ein paar konkreten und abstrakten Kenntnissen entgegenzutreten".


