Sir Jonathan Paul Ive, genannt Jony, spricht gerne über seine philosophischen und gestalterischen Ideale. In einem einstündigen Interview betonte er erst kürzlich wieder, wie wichtig es ihm sei, dass es Menschen im Silicon Valley nicht primär um Geld und Macht gehe, sondern darum, die Welt zu verbessern. Auch gibt er häufig an, in welcher langen Designtradition er sich selbst sieht. Oder wie er von vielen talentierten Menschen gelernt hat und wie stolz er ist, mit seinem hochbegabten Team bei der eigenen Designfirma LoveFrom arbeiten, die übrigens größtenteils aus ehemaligen (und augenscheinlich dort frustrierten) Apple-Designern besteht. Jeden Tag freue er sich darauf, die Firmenräume zu betreten, es sei ein Privileg.
Ive feiert also die menschliche Kreativität und weiß laut eigenen Angaben noch, wie viel Arbeit es ist, eine Idee zu hegen und zu pflegen, bis sie zu einem starken Produkt heranwächst. Da muss dann allerdings eine Frage erlaubt sein: Warum in Dreiteufelsnamen tut er sich dann mit Sam Altman von OpenAI zusammen, einer Firma, die Kreativen und Ideenmenschen potenziell ihre Jobs wegnimmt? Es ist, wenn man es hart sagt, letztlich eine Form von Verrat an Ives Idealen. Denn: Die Kreativbranche dürfte "dank" KI in den kommenden Jahren eine Beschleunigung ihres Niedergangs erleben und Ive und Team sind nun ganz vorne dabei. Dabei schuf er einst bei Apple Werkzeuge, die zwar teuer waren, Kreativen aber bei ihrer Arbeit halfen.
Airbnb, König Charles, Ferrari
Man hätte es allerdings wissen können: Was Ive mit LoveFrom bislang gemacht hat, ist alles andere als revolutionär. Teils wirkt es wie ein teures Hobby des 58-Jährigen: Er gestaltete die Airbnb-App um (eine Firma, die wegen ihres negativen Mietmarkteinflusses bei Stadtbewohnern verhasst ist), entwarf ein Logo für den britischen König (was britischen Demokratieaktivisten nicht gefiel), half bei der Ferrari-Gestaltung mit (für die 1 Prozent der 1 Prozent) und schuf Knöpfe (für von vielen Menschen unbezahlbare Luxusmarken). Nun also das KI-Gadget. Irgendwie passt das.
Sowieso kommt das alles sehr schräg herüber. Schon das Video zur besiegelten Partnerschaft, das vergangene Woche die Runde machte, ist leidlich irre. Wir sehen die beiden Freunde Ive und Altman (die Freundschaft der beiden wird per Schrifteinblendung mitgeteilt), wie sie ganz allein durch das Jackson-Square-Viertel in San Francisco laufen, als ob nicht beide stets mit einem Trupp von Sicherheitsleuten unterwegs wären. Das von OpenAI beauftragte Filmteam arbeitete natürlich mit Statisten, die auf ein "Action" des Regisseurs Altmans und Ives Wege kreuzten. Es ist eine erstaunlich artifizielle Welt, die sich hier auftut, insbesondere wenn man weiß, dass Ive persönlich das halbe Viertel aufgekauft hat.
Kaffee an der Bar
Dann erreichen Altman und Ive eine Bar, in der es erst mal Kaffee gibt – und eine Off-Stimme sie dann zu ihren Plänen befragt. Informationsgehalt des Clips: Gegen null. Klar ist letztlich nur, dass OpenAI meint, es brauche eine "dritte Kategorie" von Gerät zwischen MacBook und iPhone (die Markennamen werden erwähnt) und dass ChatGPT ja noch in der "Terminal-Phase" feststecke. Altman sagt gar, er müsse derzeit, um ChatGPT zu befragen, sein Notebook herausholen und dann auf eine Antwort warten. Kennt der Mann seinen eigenen Voice-Mode in der Mobil-App von ChatGPT nicht? Aber nein, das erledigt später Ives "io"-Gadget, wie die gemeinsame Firma heißt.
Dass Ive dabei scheinbar nicht auffällt, mit was für einem Unternehmen er hier paktiert, verwundert. Denn es ist eine Firma, die von der enormen Kreativität der Menschheit profitiert, ohne dass die viel davon hätte. Gleichzeitig werden Künstler, Autoren und andere Kreative potenziell aus ihren Jobs drängt – und für die Verwendung urheberrechtlich geschützten Materials will OpenAI am liebsten keinen Cent zahlen, denn das sei ja alles nur "Training". Das Geschäftsmodell von OpenAI bleibt dabei undurchsichtig. Die Firma will scheinbar über allem stehen und tut dabei so, als wolle sie kein Geld verdienen.
KI zwischen Baum und Borke
Natürlich ist die KI nicht aufzuhalten. Und sie ist ja auch enorm hilfreich – auch für Kreative –, macht Spaß und bereichert uns. Aber das alles funktioniert gesellschaftlich nur, wenn sich die Branche an Regeln halten würde, was sie faktisch einfach nicht tut. Dazu gehört, dass Trainingsdaten adäquat vergütet werden und es eine Beteiligung der verantwortlichen Kreativen am Output gibt. Firmen dürfen keine Versprechungen machen, die sie nicht einhalten können. Wenn KI-Systeme im Hinblick auf Benchmark-Erfolge trainiert werden, Reasoning-Modelle letztlich nur stromfressende Show sind und das Thema Halluzination schlicht und ergreifend nicht adäquat in den Griff zu bekommen ist, sollte man das einräumen. Aktuell rennt die gesamte Branche in nur eine Richtung, weil dort das Geld ist: große Sprachmodelle.
Doch vielleicht ist es nicht so schlau, Künstliche Intelligenz den Menschen Brute-Force-mäßig in die Gehirne zu drücken? Ist es wirklich sinnvoll, 43 Mal mehr Strom zu verbrauchen, damit ein KI-Modell eine einfache Rechenaufgabe lösen kann, die energiesparend per Taschenrechner erledigt wäre? Und für all das steht jetzt Jony Ive? Warum macht er das, für Milliarden in Form von OpenAI-Anteilen? Aber vielleicht ist es ja so: Schon Ives iPhone hatte auf lange Sicht auch negative Konsequenzen. Es war so schön und elegant, dass wir heute fast alle Smartphone-süchtig sind. Soll das nun auch mit einem KI-Gadget passieren? Wollen wir das wirklich?
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(bsc)



