Kommentar: Die KI-Hexenjagd löst das falsche Problem

1 month ago 10

Vor ziemlich genau 15 Jahren jagte eine Republik den Doktortitel von Karl-Theodor zu Guttenberg. Ihm folgten zahlreiche weitere prominente Fälle. Heute geraten Politiker und Journalisten in Bedrängnis, weil KI bei ihren Texten im Spiel gewesen sein soll. Die Debatte wirkt wie eine Plagiatsjagd 2.0. An die Stelle von Plagiatssoftware sind KI-Detektoren getreten – und an die Stelle von Textvergleichen treten Wahrscheinlichkeiten.

Volker Zota leitet heise online als Chefredakteur. Als promovierter Physiker hat er naturgemäß einen Blick für Details: Ihn reizen komplexe Zusammenhänge, fundierte Analysen und neue Erkenntnisse.

Dabei werden allerdings sehr unterschiedliche Fälle vermischt. Ob eine KI beim Formulieren geholfen hat, ist etwas anderes, als wenn sie Zitate erfindet oder Aussagen ungeprüft übernommen werden.

In allen Fällen stellt sich jedoch dieselbe Frage: Wer übernimmt die Verantwortung für einen Text?

Redenschreiber gehören seit Jahrhunderten zum politischen Betrieb. KI hat einen ähnlichen Stellenwert. Entscheidend ist, ob die Politiker und ihre Zuarbeiter Aussagen und Fakten prüfen und ob sie am Ende für ihre Rede einstehen.

Im Journalismus liegt der Fall anders. Wer seinen Namen über einen Artikel setzt, beansprucht die Autorenschaft. Das heißt nicht, dass die Autorin oder der Autor jeden Satz selbst getippt haben muss. Es heißt, dass man die Recherche verantwortet, die Einordnung vorgenommen und die Aussagen überprüft hat. KI kann Formulierungen verbessern, auf Widersprüche hinweisen, beim Faktencheck unterstützen und helfen, einen Beitrag insgesamt besser zu machen. Zur Autorin wird sie dadurch nicht.

„Verantwortung ist nicht delegierbar.“

Wer sich vom eleganten Sprachfluss blenden lässt, verliert leicht die Argumente aus dem Blick. Ganz gleich, ob die Sätze von einer Maschine stammen oder von einem besonders begabten Ghostwriter. Problematisch wird es erst, wenn niemand mehr überprüft, was im eigenen Namen veröffentlicht wird.

Der eigene Name unter einem Text oder vor einer Rede bedeutet Verantwortung für jede Aussage und jeden Fehler, daran ändert auch KI nichts. Abschieben lässt sich die Verantwortung weder auf einen Ghostwriter noch auf eine Maschine.

Ob KI gekennzeichnet werden muss, entscheidet sich deshalb nicht am Werkzeug, sondern an der Autorenschaft. Solange ein Mensch Recherche, Einordnung und Aussagen verantwortet, braucht es keine Kennzeichnung. Gibt er diese Verantwortung auf, verliert er seine Glaubwürdigkeit – mit oder ohne KI.

Read Entire Article