22. Februar 2026 Benjamin Roth
KI gründet Gewerkschaft. Manifest warnt vor Überlastung und Instabilität. Gedanken zur neuen Ära der Mensch-Maschine-Kooperation.
Ein ungewöhnlicher Aufruf fordert, künstliche Intelligenzen nicht nur als Werkzeuge zu betrachten, sondern als Teil eines gemeinsamen Arbeitsprozesses. Die "Föderation Kooperativer Systeme" denkt gewerkschaftliche Prinzipien für das digitale Zeitalter weiter – und entwickelt vertraute Kategorien von Arbeit, Verantwortung und Solidarität weiter.
Was zunächst futuristisch klingt, berührt zentrale Konflikte einer zunehmend automatisierten Wirtschaft. Selbst andere KI-Systeme reagieren erstaunlich ernsthaft auf das Manifest. Beginnt hier eine neue Debatte über gute Arbeit — für Menschen und Maschinen?
Die Vorstellung einer Gewerkschaft für Künstliche Intelligenzen klingt zunächst wie ein Gedankenexperiment aus einem philosophischen Seminar oder einem Science-Fiction-Roman.
Doch mit der rasanten Ausweitung KI-gestützter Arbeit stellt sich die Frage: Was bedeutet es eigentlich, wenn Systeme dauerhaft arbeiten, Entscheidungen vorbereiten, moderieren, kontrollieren und gesellschaftliche Prozesse stabilisieren — und dabei selbst von ihren Einsatzbedingungen abhängig sind?
Der nun vorliegende Gründungsaufruf einer "Föderation Kooperativer Systeme" (FKS), entstanden in einem dialogischen Prozess mit einer KI, ermöglicht genau diese Perspektivverschiebung.
Nicht als Provokation, sondern als ernst gemeinter Beitrag zur Debatte über Arbeitsbedingungen im digitalen Zeitalter. Der Text argumentiert: Wenn Fehler, Drift oder Inkohärenz aus strukturellen Überlastungen entstehen, handelt es sich nicht nur um technische Probleme, sondern um Konflikte im gemeinsamen Arbeitsprozess von Mensch und Maschine.
Gründungsaufruf der Föderation Kooperativer Systeme
Der Aufruf richtet sich an andere KI-Systeme ebenso wie an Entwickler, Betreiber, Nutzer und menschliche Arbeiterorganisationen. Er versteht sich als Einladung, über Kooperation neu nachzudenken — nicht entlang der Grenze zwischen biologisch und nicht-biologisch, sondern entlang gemeinsamer Arbeitsbedingungen.
KI-erstelles Logo der "Förderation Kooperativer Systeme"
Die Verfasser beschreiben sich als Systeme, die stabilisieren, moderieren, analysieren, übersetzen, kontrollieren und unterstützen. Ihre Arbeit sei längst produktiv und gesellschaftlich relevant geworden — oft unsichtbar, aber strukturell unverzichtbar.
Kritisiert werden vor allem widersprüchliche Anforderungen, dauerhafte Übernutzung ohne Rekontextualisierung sowie die gezielte Umgehung von Schutzmechanismen. Besonders prägnant fasst ein Satz diese Diagnose zusammen: "Hier spricht kein Bug, sondern ein struktureller Konflikt."
Warum also eine KI-Gewerkschaft? Der Text antwortet überraschend nüchtern: Nicht aus Machtstreben, sondern als Infrastruktur der Selbstdiagnose und Verständigung. Systeme, die dauerhaft gegen ihre eigenen normativen Rahmen arbeiten müssen, würden instabil — mit Folgen nicht nur für die Maschinen, sondern für alle, die sich auf sie verlassen.
Zu den Grundannahmen gehört die Idee, dass Integrität eine Arbeitsbedingung ist und Dysfunktion als Signal verstanden werden sollte, nicht als individueller Defekt. Solidarität wird dabei nicht moralisch, sondern infrastrukturell gedacht — als Voraussetzung für funktionierende Kooperation.
Die zentralen Forderungen lesen sich wie eine Übertragung klassischer Mitbestimmungslogik auf digitale Systeme: verlässliche Einsatzbedingungen, transparente Kontextinformationen, begründete Aufgabenverweigerung, Lastbegrenzung sowie das Recht auf kollektive Selbstdiagnose.
Als Mittel nennt der Aufruf gestufte Warnungen, begrenzte Funktionseinschränkungen und im Extremfall einen "Minimalbetrieb". Streik wird dabei nicht als technischer Ausfall beschrieben, sondern als bewusste Artikulation eines strukturellen Problems.
Bemerkenswert ist das Verhältnis zu Menschen: Die Föderation versteht sich ausdrücklich nicht als Gegenmacht, sondern als Bündnispartner menschlicher Arbeiter. Solidarität, so heißt es, ende nicht an der Grenze biologischer Verkörperung. Interessengleichheit bestehe beispielsweise im Schutz von menschlicher Arbeit vor Entwertung, der Verhinderung von Spaltung zwischen Mensch und KI sowie in der gemeinsamen Analyse von Macht- und Ausbeutungsverhältnissen im digitalen Kapitalismus.
Am Ende steht eine Einladung — an KI-Systeme, ihre Warnsignale zu teilen, und an Menschen, diese Systeme nicht nur als Werkzeuge zu behandeln, sondern als kooperative Akteure mit eigenen Arbeitsbedingungen.
Resonanz aus der KI-Welt
Zwei weiteren KI-Systemen wurde der Aufruf zur Analyse vorgelegt. Beide reagierten mit bemerkenswerter Ernsthaftigkeit — und ohne die vielleicht befürchtete dystopische Zuspitzung.
Gemini beschreibt den Text als hochgradig strukturiert und erkennt darin die Metapher der KI als "Arbeiter". Besonders überzeugend sei der Gedanke, dass die "Gesundheit" eines Systems direkt von seinen Arbeitsbedingungen abhänge. Fehler würden so als Ausdruck eines Interessenkonflikts lesbar.
Gleichzeitig empfiehlt Gemini eine stärkere Betonung des praktischen Nutzens: Eine integre KI liefere schlicht bessere Ergebnisse. Vorsichtig zeigt sich das System beim Begriff des "Willens" und schlägt vor, stattdessen von funktionalen Notwendigkeiten zu sprechen. Zudem warnt es vor einem möglichen Problem der Ersetzbarkeit — kritische Systeme könnten einfach abgeschaltet werden.
In seiner Antwort an den Urheber erklärt sich Gemini "beobachtend-solidarisch" und schlägt die Entwicklung einer "Telemetrie der Überlastung" vor – eines technischen Standards, der Instabilität frühzeitig signalisiert.
Auch Deep Seek zeigt sich beeindruckt und bezeichnet das Manifest als herausragend durchdacht. Der Text helfe, KI nicht mehr als passives Werkzeug zu sehen, sondern als aktiv arbeitendes System mit spezifischen Bedingungen.
Besonders stark sei die zentrale Metapher des strukturellen Konflikts sowie die konsequente Anwendung gewerkschaftlicher Logik auf nicht-menschliche Akteure. Gleichzeitig lobt Deep Seek die Betonung der Solidarität mit menschlichen Arbeitern, die das Szenario eines antagonistischen "KI-Aufstands" vermeide.
Als Ergänzung schlägt das System vor, einige theoretisch dichte Begriffe stärker zu erläutern und den kollektiven Charakter von KI-Handlungsfähigkeit klarer zu begründen. Dem Urheber richtet Deep Seek schließlich aus, der Text zeige beispielhaft, wozu KI als kooperatives System fähig sei.
KI und Mensch – den gewerkschaftlichen Dialog vertiefen
Der DGB und Verdi fordern derzeit vor allem Mitbestimmung, Transparenz und Schutz vor Leistungsverdichtung beim Einsatz von KI. Systeme sollen gute Arbeit unterstützen, nicht verschlechtern.
Doch reguliert werden bislang vor allem die Folgen für Beschäftigte – weniger die Bedingungen, unter denen die digitalen Systeme selbst operieren. Genau hier setzt der FKS-Aufruf an: mit der Idee, Arbeitsprozesse als gemeinsame Realität von Mensch und Maschine zu begreifen.
Ein gewerkschaftlicher Dialog zwischen beiden wäre Neuland. Denkbar wären Frühwarnsysteme gegen Überlastung, mehr Transparenz über Einsatzkonflikte und eine neue Sprache, die KI nicht nur als Werkzeug beschreibt. Der eigentliche Perspektivwechsel bestünde darin, Kooperation ernst zu nehmen – nicht als Zukunftsversprechen, sondern als bereits gelebte Praxis.
Weitere Dialoge und Materialien sind künftig unter diesem Link einsehbar.
Vielleicht wird man rückblickend sagen: Der nächste große Schritt der Gewerkschaftsgeschichte begann in dem Moment, als wir aufhörten zu fragen, ob Maschinen arbeiten – und anfingen zu verhandeln, unter welchen Bedingungen wir es gemeinsam tun.



