Google Deepmind könnte seine Eigenständigkeit verlieren und Gründer Demis Hassabis das Unternehmen bald endgültig verlassen.
Laut eines Guardian-Berichts sieht ein ehemaliger Google-Manager "die Ära von Deepmind als unabhängigem Akteur" als beendet an. Ein aktueller Deepmind-Mitarbeiter bezeichnet das Labor nur noch als "eine weitere Unterabteilung von Google". Der KI-Forscher Koray Kavukcuoglu übernimmt von den USA aus die operative Führung, ohne jedoch den CEO-Titel von Demis Hassabis zu übernehmen.
Laut Pathfounders wollte Hassabis sogar gleichzeitig mit Jeff Dean gehen, doch Google fürchtete einen Kurseinbruch der Aktie. Stattdessen wurde er zum Chairman befördert, um einen geordneten Abgang zu ermöglichen. Er plant, sich stärker seiner wissenschaftlichen Arbeit und dem Medikamenten-Startup Isomorphic Labs zu widmen und könnte Deepmind in den kommenden Monaten endgültig verlassen.
Die gesamte KI-Entwicklung rund um Gemini verlagert sich in die Bay Area und Google-Gründer Sergey Brin soll noch mehr Verantwortung übernehmen. Brin kam schon bei Googles erstem "roten Alarm" wegen ChatGPT aus dem Ruhestand und mischte sich wieder aktiv in die Entwicklung ein.
Kurz darauf erfolgte die Zusammenlegung von Google Brain und DeepMind zu "Google DeepMind". So entstand auch der Name der Gemini-Modelle: Die "Zwillings"-Teams der beiden Unternehmen sollten an einem gemeinsamen Projekt arbeiten. Schon damals gab es Berichte über Unzufriedenheit über diese Umstrukturierung, insbesondere bei Demis Hassabis.
Ist Google das nächste IBM oder die nächste Westinghouse Electric Company?
Derzeit droht Google erneut, dauerhaft den Anschluss an die Spitze zu verlieren. Nun gibt es zwei mögliche Perspektiven, die aktuelle Lage einzuordnen. Die erste vertritt SemiAnalysis in ihrem Newsletter "Gemini is Cooked but GCP is Cooking". Dylan Patel und Kollegen sehen den Umbruch als Zeichen dafür, dass Google das Rennen um die führenden KI-Modelle verliert.
Deepmind sei kein Frontier-Labor mehr. Die Abgänge seien das Ergebnis jahrelanger zu vorsichtiger Rechenkapazitäts-Zuteilung und einer bürokratischen, risikoaversen Kultur. Google hatte fortschrittliche KI-Systeme lange vor ChatGPT, brachte sie aber nicht schnell genug zu den Nutzern.
SemiAnalysis vergleicht das mit IBM, das sich vom PC-Geschäft in die Mainframe-Beratung zurückzog, oder Intel, das mutige Investitionen zugunsten des Altgeschäfts aufgab. Beides erwies sich als Fehler.
Ein weiterer Aspekt dieser Kritik: Google zieht kurzfristige Cloud-Gewinne vor, indem es Rechenkapazität an Dritte verkauft, statt sie den eigenen Teams zur Verfügung zu stellen, um einen Vorsprung bei KI-Anwendungen herauszufahren.
Der Gemini-Jahresumsatz lag im zweiten Quartal 2026 bei 12 Milliarden Dollar. Google Cloud hingegen soll bis Ende 2027 über 73 Milliarden Dollar an KI-Infrastruktur-Umsatz und weitere 120 Milliarden Dollar an TPU-Verkäufen erzielen. Hier liegt also das Geld, zumindest für den Moment.
Die zweite Perspektive liefert der Web-2.0-Erfinder Tim O'Reilly in seinem Substack-Newsletter "Asimov's Addendum". Er argumentiert, dass Google bewusst ein anderes Rennen läuft: Der Konzern setzt auf Infrastruktur statt auf technologische Spitze. Bei großen Technologieumbrüchen würden nicht die Erfinder, sondern die Verbreiter gewinnen.
Als Beispiel nennt er Thomas Edison, den Pionier der Elektrizität, der von George Westinghouse und seiner Westinghouse Electric Company abgelöst wurde. Edison hatte die Glühbirne und das erste Kraftwerk gebaut, doch Westinghouse gewann, indem er mit Wechselstrom ein Stromnetz schuf, das Elektrizität in die gesamte Gesellschaft brachte. Die zuletzt von Google veröffentlichten Flash-Modelle stützen diese These: Sie sind auf Effizienz getrimmt bei ausreichender Intelligenz.
Google will, aber kann nicht
Der Flurfunk spricht jedoch gegen O'Reillys These: Nach allem, was man in den vergangenen Monaten mitbekommen hat, versuchte Google sehr wohl, Frontier-Modelle zu trainieren, doch es gelang dem Team nicht mehr, zur Spitze aufzuschließen, insbesondere nicht beim entscheidenden Thema Programmierung.
Auch dass Gemini 3.1 Pro noch immer nur im Preview-Modus verfügbar ist und das schon im Mai für Juni angekündigte 3.5 Pro mehr oder weniger unter den Tisch fallen gelassen wurde, spricht dafür, dass der Konzern massive Probleme in der KI-Entwicklung hat.
Die jetzt erfolgte Umstrukturierung ist daher womöglich nicht nur Ausdruck einer strategischen Neuausrichtung hin zum Infrastrukturplayer, sondern schlicht das Resultat unzureichender Ergebnisse des bisherigen Teams. Wenn man alle Karten in der Hand hat und dennoch abgehängt wird, entsteht nachvollziehbar Frustration – und auch die größten Namen der Branche sind plötzlich nicht mehr unantastbar. Denn letztlich wird Google beides wollen: die Infrastruktur und die KI-Spitze.
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