Mit „Ghost of Yotei“ ist ein neuer Exklusivtitel für die PlayStation 5 erschienen, der in große Fußstapfen tritt. So zählt der indirekte Vorgänger „Ghost of Tsushima“ zu den Top 10 der bestverkauften Exklusivspiele für die PS4 und konnte neben den Spielern auch die Kritiker überzeugen. Ich habe mir das Quasi-Sequel im Test für euch genauer angeschaut.
Dabei ist „Ghost of Tsushima“ auch eines meiner absoluten Lieblingsspiele der PS4-Ära. Das Game hat mir sogar so gut gefallen, dass ich es am PC ein zweites Mal durchgespielt habe. „Ghost of Yotei“ stammt zwar erneut vom Entwicklerstudio Sucker Punch und entführt euch auch abermals ins historische Japan, erzählt aber eine eigene Geschichte völlig abseits der Geschehnisse des Erstlings. Die Handlung setzt hier in der Edo-Periode Japans an, rund 329 Jahre nach Jin Sakais Kämpfen gegen die Invasion der Mongolen.
So schlüpft ihr in die Rolle der jungen Frau Atsu, deren Familie kaltblütig von den sogenannten Yotei-Sechs ermordet worden ist. Im Gegensatz zu dem Protagonisten von „Ghost of Tsushma“, Jin Sakai, stammt Atsu aus bescheideneren Verhältnissen und hegt gegenüber Samurai eher eine gewisse Skepsis. Ihr geht es im Gegensatz zu Jin auch nicht um höhere Motive, sondern um einen persönlichen Rachefeldzug. Wo Jin also seine Heimat schützen und seinem Onkel Lord Shimura Ehre erweisen wollte, fehlt Atsu eine derart noble Motivation.
„Ghost of Yotei“: Atsu wirkt eher unsympathisch
So wird die Hauptfigur Atsu dann auch rasch zur größten Schwäche von „Ghost of Yotei“. Auch Jin Sakei war als Proagonist kein Meisterstück des Creative Writings, fehlte es ihm doch oft an Ecken und Kanten. Doch sein Hadern mit den heimtückischen bzw. unehrenhaften, aber notwendigen Taktiken als geheimnisvoller Geist von Tsushima und seinen ehrenvollen, aber stoischen Wurzeln als Samurai sorgte für viele dramatische und emotionale Momente. Dazu kam ein starker Story-Beginn, der gut in Szene setzte, warum Jin der überwältigend wirkenden Macht der Mongolen etwas Neues entgegensetzen musste.
Atsu hingegen wirkt von Beginn an kaum anders als die Feinde, die sie verfolgt. Auch sie zückt schnell und unbedacht das Katana um zu töten, gesteht ein, dass sie nur ihre Gegner niedermetzeln und danach sterben will. Die englischsprachige Sprecherin Erik Ishii vertont Atsu dabei stets mit einer unterschwelligen Aggressivität, die es zusätzlich erschwert, Sympathien für die permanent schlecht gelaunt wirkende Figur zu entwickeln. Ironischerweise sind es die Motiver der Schurken, die hingegen in „Ghost of Yotei“ deutlich dreidimensionaler wirken.
Ohne direkt zu spoilern: Schon zu Beginn der Geschichte erfährt man, dass es einen triftigen Grund für die Ermordung von Atsus Familie gegeben hat, sodass mancher die vermeintlichen Schurken sogar im Recht sehen dürfte. Nachvollziehbare Motive für die Gegenspieler sind eine tolle Sache, vor allem da die Mongolen um Khotun Khan in „Ghost of Tushima“ recht eindimensionale Bösewichte gewesen sind. In „Ghost of Yotei“ entwickelte ich aber im Gesamtbild keine rechte Bindung zu Atsu und empfand ihre passiv-aggressive Art, auch Verbündeten gegenüber, eher als anstrengend.
Grafikpracht und abwechslungsreicheres Gameplay
Nun habe ich meine wichtigsten Kritikpunkte aber auch schon hinter mich gebracht: Story und Charaktere haben mir bei „Ghost of Tsushima“ deutlich besser gefallen, als bei „Ghost of Yotei“. Glücklicherweise übernimmt „Ghost of Yotei“ aber beim Gameplay die größten Stärken des indirekten Vorgängers und merzt einige Schwächen aus. Waren etwa die Nebenmissionen im ersten Teil ziemlich generisch, so sind sie hier besser mit der Hauptgeschichte verknüpft und abwechslungsreicher. Etwa hat man die Anzahl an Fuchs-Schreinen, heißen Quellen und Co. deutlich reduziert. Dafür gibt es z. B. neue Kopfgeldjagden in der offenen Spielwelt.
Diese verlaufen stets etwas anders und verheißen auch lohnenswerte Belohnungen. Den einen Gesuchten müsst ihr etwa im Duell zur Strecke bringe und erhaltet dafür die neue Möglichkeit, im Kampf die Gegner mit Rauch zu verwirren. Um einen anderen überhaupt zu erreichen, müsst ihr seinem Mörserfeuer aus dem Weg gehen und euch nicht nur mit ihm, sondern auch seiner Leibgarde herumschlagen. So macht jede Mission aufs neue Spaß. Das Kampfsystem ist dabei im Übrigen sehr ähnlich wie beim Erstling, nur dass ihr in „Ghost of Yotei“ nicht verschiedene Kampfpositionen einnehmt, sondern stattdessen verschiedene Waffen führen könnt. Es bleibt aber bei einer Art Schere-Stein-Papier-Prinzip. Um beispielsweise Feinde mit Speeren effektiv auszuschalten, solltet ihr mit zwei Katanas kämpfen, gegen Kämpfer mit nur einem Schwert bewaffnet ihr euch hingegen idealerweise auch nur mit einem Katana.
Freilich müsst ihr euch die verschiedenen Waffen nicht nur erst erspielen, oder wie Kurz- und Langbogen bei einem Händler kaufen, sondern schaltet über Fähigkeitspunkte auch neue Skills frei. So könnt ihr etwa beim Schleichen zwei Gegner direkt nacheinander im Stillen ausschalten oder beim Schießen mit dem Bogen kurz in die Zeitlupe wechseln. Auch neue Ausrüstung mit verschiedenen Boni gibt es wieder. Waffen und Rüstungen könnt ihr gegen einen Obolus und mit den richtigen Materialien zudem aufwerten.
Technik auf höchstem Niveau
„Ghost of Yotei“ ist zudem unzweifelhaft eines der schönsten Spiele auf der PlayStation 5. Ich habe den Titel auf der PS5 Pro im Qualitätsmodus gezockt, der eine native 4K-Auflösung bei 30 fps liefert. Für mich ist das am besten geeignet, da ich von meinem 55-Zoll-OLED weniger als 1,50 m entfernt sitze, um möglichst voll von der Auflösung zu profitieren. Es gibt auch drei weitere Spielmodi: einen Performance-Modus mit 60 fps, einen Ray-Tracing-Modus mit 30 fps und einen Raytracing-Modus mit 60 fps exklusiv an der PS5 Pro mit weiter reduzierter Auflösung (1080p) und Upscaling via PSSR.
Ich selbst schwankte anfangs zwischen dem Qualitäts- und dem Raytracing-PSSR-Modus. Letzterer sah mir dann aber doch zu soft und detailarm aus, sodass ich die native 4K-Auflösung vorgezogen habe. Das ist aber Geschmackssache. Gegenüber „Ghost of Tsushima“ sehen vor allem die Charaktere in „Ghost of Yotei“ nun wesentlich lebendiger aus und sind auch nicht mehr so hölzern animiert. Insbesondere die Mimik der Gesichter wirkt viel natürlicher. Die farbenfrohe Spielwelt hat aber ebenfalls sichtbare Schritte nach vorne gemacht, auch wenn der Sprung geringer ausfällt als bei den Figuren. Das gilt besonders, wenn ihr schon die PS5- oder gar PC-Fassung von „Ghost of Tsushima gezockt habt.
Reitet ihr durch die Spielwelt, schaltet „Ghost of Yotei“ im Übrigen stets in einen Ultrawide-Modus, was mir persönlich eher missfallen hat, aber offenbar ein episches Gefühl erzeugen soll. Das funktioniert meiner Ansicht nach dafür über den epischen Soundtrack wieder wunderbar. Erwähnen möchte ich auch, dass es alternativ auch eine deutsche Sprachausgabe gibt, solltet ihr das bevorzugen. Wie keinem anderen Open-World-Spiel gelingt es im Übrigen auch „Ghost of Yotei“ mit einem extrem minimalistischen HUD auszukommen. Erneut könnt ihr stattdessen auf dem Touchpad nach oben wischen und der Wind weist euch dann den Weg zu eurem aktuellen Missionsziel.
Manch andere Elemente sind wieder nicht so gelungen. Ihr könnt etwa bei einem Händler Kartenfragmente führen, die euch z. B. zu Schreinen führen. Um herauszufinden, wo euer Ziel ist, müsst ihr den gekauften Kartenausschnitt auf der Map an die richtige Stelle rücken. Das ist eher Trial-and-Error und vertut ihr euch oder verliert die Geduld, blendet euch das Spiel nach kurzer Zeit von alleine die Lösung ein. Das hätte man sich dann auch sparen können. Besser gelöst ist der Schwierigkeitsgrad der Kämpfen, den ihr für euch in mehreren Stufen justieren könnt.
Wer sich auch mit japanischen Filmen und Serien auskennt, wird feiern, dass es nicht nur erneut einen Kurosawa-Modus mit Schwarz-Weiß-Grafik gibt, sondern noch weitere Optionen. Der Watanabe-Modus etwa ist in Zusammenarbeit mit dem legendären Anime-Regisseur Shinichiro Watanabe entstanden – bekannt für „Cowboy Bebop“, „Samurai Champloo“ oder „Space Dandy“. Hier wechselt das Geschehen auf einen Lo-Fi-Soundtrack.
Mein Fazit zu „Ghost of Yotei“
An manchen Stellen mag mein Bericht zu „Ghost of Yotei“ sehr kritisch klingen. Dazu solltet ihr aber bedenken, dass „Ghost of Tushima“ eines meiner absoluten Lieblingsspiele ist. Der Wow-Effekt des Erstlings fehlt dem Quasi-Sequel dann auch tatsächlich. So ruht sich „Ghost of Yotei“ trotz dezenter Verbesserungen etwas zu sehr auf den Stärken des Erstlings aus. Letzterer profitierte zudem von einer deutlich besseren Geschichte und der sympathischeren Hauptfigur.
Das Kampfsystem macht immer noch mächtig Laune und auch das Schleichen bleibt ein festes Gameplay-Element. Der technische Sprung ist ebenfalls nicht zu verachten, denn die Spielwelt wirkt noch lebendiger als im Vorgänger und insbesondere die Charaktermodelle sind ein deutlicher Sprung. „Ghost of Yotei“ motiviert mit seiner malerischen Spielwelt zudem immer wieder zum Erkunden, manchmal sogar nur, um über ein Panorama zu staunen.
Für mich ist „Ghost of Yotei“ definitiv ein fantastisches Spiel, dem ich ohne zu zögern jederzeit eine Kaufempfehlung aussprechen werde. Allerdings ist es in meinen Augen insgesamt doch ein Quäntchen schwächer als „Ghost of Tsushima“. So hat mich die facettenreiche Geschichte von Jin Sakai eben doch eine Ecke mehr gefesselt als Atsus persönlicher Rachefeldzug. Wer, wie ich, aber schon den indirekten Vorgänger geliebt hat, sollte „Ghost of Yotei“ dennoch auf gar keinen Fall verpassen.
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3 months ago
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