
Es ist noch gar nicht so lange her, da hat DJI mit der ersten Neo versucht, eine Brücke zu schlagen. Eine Brücke zwischen den „echten“ Drohnen-Piloten, die mit Sticks und FPV-Brillen hantieren, und jenen, die eigentlich nur ein schnelles, fliegendes Stativ für den Instagram-Feed suchten. Das Experiment gelang, wenn auch mit Abstrichen. Jetzt liegt die DJI Neo 2 vor mir auf dem Schreibtisch. Etwas dunkler im Grau, etwas schwerer, aber vollgestopft mit Sensoren, die man in dieser Gewichtsklasse bisher vergeblich suchte. DJI verspricht, dass wir nun gar keine Fernsteuerung mehr brauchen. Ob das stimmt und wo der Hersteller dann doch wieder die Hand aufhält, habe ich mir in den letzten Tagen genauer angesehen.
Der erste Eindruck: Mehr Technik auf engstem Raum
Nimmt man die Neo 2 in die Hand, fällt sofort auf: Sie ist nicht mehr das ganz simple Spielzeug, das der Vorgänger noch zu sein schien. Mit rund 151 Gramm (in der Basis-Version) ist sie zwar immer noch ein Fliegengewicht und fällt locker in die C0-Klasse, aber sie wirkt dichter und technischer. Das liegt vor allem an der Front. Wo früher schlichtes Plastik war, starrt uns jetzt ein kleines Display an, flankiert von einem LiDAR-Sensor. LiDAR in einer 240-Euro-Drohen ist durchaus eine Ansage.
Die Propeller sind nach wie vor durch die integrierten Käfige geschützt, was die Neo 2 zur idealen Indoor-Drohne macht, aber zu einer, mit der man sich in der Nähe von Freiwilligen aufhalten kann (zumindest solche mit kurzen Haaren). Man hat einfach weniger Angst, sich oder anderen die Finger zu häckseln, wenn man das Gerät startet. Und das passiert hier vornehmlich von der flachen Hand aus.
Ein Detail, das manchen sauer aufstoßen könnte, fällt beim Blick auf das Heck auf: Es gibt dort eine Schnittstelle für ein Erweiterungsmodul. Dazu später mehr, denn dieses kleine Bauteil ist entscheidend für alle, die mehr wollen als nur Gestenfuchtelei.
Starten, Steuern, Staunen: Das Display macht den Unterschied
Die wohl auffälligste Neuerung für die Praxis ist das monochrome Display auf der Vorderseite. Wer die erste Neo kennt, weiß, dass man sich dort oft blind durch die Modi klickte und auf das Blinken von LEDs hoffen musste. Jetzt sehe ich im Klartext, was die Drohne vorhat. „Follow“, „Dronie“, „Circle“ – ein kurzer Druck auf die Mode-Taste an der Drohne selbst genügt. Das Smartphone kann also theoretisch in der Tasche bleiben.

Der Start und auch das Landen von/auf der Handfläche funktioniert krass zuverlässig. Hand hinhalten, Scan der eigenen Identität abwarten, Countdown, Abflug. Neu und tatsächlich beeindruckend ist die überarbeitete Gestensteuerung. DJI nennt das „Palm Control“. Man kann die Drohne in der Luft quasi mit der offenen Handfläche „schieben“ und „ziehen“, ohne sie zu berühren. Hält man die Hände wie einen Rahmen, fliegt sie weiter weg; winkt man sie heran, kommt sie brav zurück. Wenn man das erst einmal raus hat, dann fühlt sich das in der Tat so an, als würde man da auf magische Weise einen unsichtbaren Stab an der Drohne bewegen.

In der Praxis: Der fliegende Kameramann im Wald
Ich habe die Neo 2 unter anderem mit an und auch in den Wald genommen, um zu sehen, was die neuen Sensoren wirklich taugen. Die erste Neo war im dichten Gehölz wohl eher ein Risikofaktor; sie flog stur ihre Bahn. Die Neo 2 scannt nun ihre Umgebung omnidirektional. Dank der Kameras oben und unten sowie des LiDARs vorne erkennt sie Hindernisse nicht nur, sie versucht ihnen auch aktiv auszuweichen oder bremst zumindest rechtzeitig ab. Aufpassen muss man aber immer noch, wenn man die Drohen rückwärts fliegen lässt, da dort der Verlass auf LiDAR entfällt.

Beim Radfahren durch eine entlang der Waldgrenzen und durch eine kleine Allee hier in der Nachbarschaft– schlug sich das System wacker. Selbst dünnere Äste wurden erkannt. Die Drohne tänzelt förmlich um Hindernisse herum, während sie mich im Fokus behält. Ist aber natürlich dennoch kein Hexenwerk. Die Neo 2 lässt sich weiterhin abhängen oder zur Notlandung zwingen, wenn man es denn darauf anlegt. Für das gemütliche Vloggen beim Wandern oder Radfahren ist das Tracking aber ein ordentlicher Schritt nach vorne.
Ein nettes Gimmick für Content Creator: Der Ton. Da die Drohne kein Mikrofon an Bord hat, nutzt sie das verbundene Smartphone als Mikrofon. Die DJI-App rechnet dann die Drohnengeräusche aus der Audiospur heraus. Das klappte im Test recht gut. Die Stimme klingt leider etwas roboterhaft komprimiert. Wichtig zu wissen: Die DJI-App auf dem Handy muss im Hintergrund aktiv sein. Schließt man sie, ist der Ton weg.
Hardware-Upgrade: Gimbal und Speicher
Kommen wir zu Specs. Die Kamera löst weiterhin mit 12 Megapixeln auf und liefert 4K-Video. Aber: DJI hat der Linse nun eine f/2.2 Blende spendiert (vorher f/2.8), was Low-Light-Aufnahmen etwas weniger rauschig macht.
Der eigentliche Gamechanger ist aber der Gimbal. War die Kamera beim Vorgänger nur über eine Achse (hoch/runter) neigbar, haben wir jetzt einen mechanischen 2-Achsen-Gimbal. Roll-Bewegungen werden nun also auch mechanisch ausgeglichen, nicht nur digital beschnitten. Das Ergebnis ist ein deutlich ruhigeres Bild, das weniger unter dem bekannten „Jello-Effekt“ leidet, wenn der Wind mal auffrischt. Apropos Wind: Die Neo 2 liegt super in der Luft für ihre Größe und das geringe Gewicht. Bei kräftigen Winden wird halt der Akku schneller leergesaugt, aber das ist normal.
Und wo speichert das Ding? Intern. Ausschließlich. DJI hat den Speicher auf 49 GB aufgebohrt. Das ist ordentlich und reicht für mehrere Akkuladungen an 4K-Material. Trotzdem: Dass man auf einen microSD-Slot verzichtet, ist ärgerlich. Wer im Urlaub den Speicher voll hat, muss zwingend das Handy oder den Laptop bemühen, um Platz zu schaffen. Ein einfacher Kartentausch ist nicht drin.
Der Haken: Ohne Modul keine Fernsteuerung
DJI vermarktet die Neo 2 als die Drohne, die „keine Fernbedienung braucht“. Das ist Marketing-Sprech für: „Wir haben das Funkmodul für die Fernbedienung weggelassen, um Geld und Gewicht zu sparen“.

Wer die Neo 2 in der günstigsten Version kauft (knapp 240 Euro), kann sie nur per Handgesten oder per WLAN mit dem Handy steuern. Will man später doch mal eine echte Fernsteuerung (wie die RC-N3 oder die Goggles) koppeln, um weiter als 50 Meter zu fliegen, guckt man in die Röhre. Dafür benötigt man nämlich das sogenannte „Digital Transmission Module“, das hinten an die Drohne gesteckt und festgeschraubt wird. Dieses Modul ist in den teureren Combos enthalten, aber wer günstig einsteigt, steht erstmal da. Ohne diesen Dongle funkt die Drohne nur über das limitierte WLAN-Protokoll und nicht über das stabile O4-System.
HD, keine Filter, keine Nachbearbeitung am Quellmaterial, nur schneller Zusammenschnitt von einigen Features:
Ich bin die Neo 2 in meinem Test nun vor allem irgendwann nur noch im FPV-Modus geflogen. Warum? Weil es einfach Spaß macht – ein Produkt aus der schnell erlernbaren Steuerung und der Wendigkeit der kleinen Drohne. Schnell zu lernen deswegen, weil sie eben nicht die Ultra-Highend-FPV-Speed-Drohne ist, sondern weil sie vielmehr das FPV-Fliegen als mega Feature zu den üblichen Steuerungsmöglichkeiten mitbringt. Gesteuert habe ich mit dem RC-N3-Stick. Die DJI FPV Fernsteuerung 3 soll wohl auch möglich sein, allerdings kommt das bei der Neo 2 wohl bei Weitem nicht so gut rüber wie bei anderen, richtigen FPV-Drohnen. Allein die Avata 2 soll sich hier schon wesentlich besser mit steuern lassen. Mein Kumpel und Spotter Tobi hatte zwischendurch unter anderem mal seine DJI-Drohnen dabei, unter anderem eben auch so eine richtige FPV-Lösung mit bis zu 150 km/h Fluggeschwindigkeit. Da spürt man den Unterschied dann eben doch schnell.

Für mein persönliches Lieblingshobby draußen – dem Aufsuchen von Lost Places – ist das FPV-Fliegen mit der Neo 2 außerdem ebenfalls richtig, richtig gut geeignet. Dazu muss dann aber mindestens der Sport-, wenn nicht sogar der manuelle Modus ausgewählt sein, weil die Neo 2 im normalen Modus gar nicht erst durch die teils sehr engen Öffnungen und Türen der sogenannten „Bandos“ fliegt. Hier stoppen die Sensoren nämlich aus Sicherheitsgründen den Weiterflug. In den beiden anderen Modi sind diese Sensoren deaktiviert – sollte man aber eben auch im Hinterkopf behalten.
Bildqualität und Fazit
Die Videos, die aus der kleinen Kiste kommen, sind für Social Media mehr als ausreichend. 4K mit bis zu 60 Bildern pro Sekunde (im FPV-Modus sind sogar 100 fps drin) sehen auf dem Smartphone und am Laptop knackig aus. Die Farben sind vielleicht etwas übersättigt.

Lohnt sich die Neo 2?
Wenn ihr eine Drohne sucht, die ihr einfach in die Jackentasche werfen könnt, die euch im Urlaub beim Strandspaziergang filmt, ohne dass ihr einen Pilotenschein machen oder einen klobigen Controller mitschleppen wollt: Ja. Absolut. Die Neo 2 ist in dieser Nische konkurrenzlos, vor allem durch die nun brauchbare Hinderniserkennung. Wer aber eigentlich eine „Mini 4 Pro“ für den schmalen Taler sucht, wird enttäuscht sein. Die fehlende Speichererweiterung und der Zwang zum Zusatz-Modul für die echte Fernsteuerung sind Kompromisse, die man bewusst eingehen muss. Für knapp 240 Euro ist die Neo 2 ein technisches Wunderwerk und ein riesiger Spaßbringer. Aber sie ist eben mehr fliegende Action-Cam als cinematische Drohne.
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