Der Rabbiner, den es nie gab – und dem Tausende folgten

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15. Februar 2026 Wassilis Aswestopoulos

Zwei Bilder eines Rabbiners

KI-generierter Rabbiner Menachem Goldberg.

(Bild: Screenshots Wassilis Aswestopoulos)

Ein KI-generierter Rabbiner sammelte Tausende Follower, bevor Gläubige die Täuschung entdeckten. Jetzt warnen Ethiker.

Ein weißhaariger, bärtiger, freundlich auftretender Mann präsentierte sich in sozialen Medien als chassidischer Rabbiner. Auf TikTok und Instagram verbreitet der Account unter dem Namen Menachem Goldberg in Videos spirituelle Botschaften über den Glauben.

Dazu kommen esoterisch anmutende Botschaften für den Erfolg und die Selbstoptimierung. Am Ende der Videoansprachen bewarb der "Rabbiner" kostenpflichtige digitale Produkte.

Der "Chassidismus ist eine religiös-mystische Bewegung" liest man über diese jüdische Bewegung, die den Ultraorthodoxen zugerechnet wird.

Dass ein Rabbi über soziale Medien E-Books und Ratgeber vermarktet und diese als spirituelle Hilfsmittel sowie Werkzeuge zur Verbesserung des Lebens bewirbt, erscheint auf den ersten Blick nicht ungewöhnlich zu sein. Rabbi Menachem Goldberg erfreute sich exponentiell zunehmender Beliebtheit.

Wie der Schwindel aufflog

Seine Botschaften, die mit väterlich beruhigender Stimme vorgetragen werden, klingen leicht verständlich. Zu leicht verständlich für einige, die misstrauisch wurden.

Die Nutzer fanden visuelle Unstimmigkeiten. Die Inschriften auf Hebräisch sind teilweise fehlerhaft. Das Arrangement der Gegenstände in den Videos ist nicht unbedingt mit den Religionsvorschriften konform. Der vermeintliche Rabbiner gibt für seine Weisheiten keine oder nur kaum Quellen an. Man begann zu recherchieren und konnte verifizieren, dass es keinen Rabbi Menachem Goldberg gibt.

Der anfänglich so beliebte "Rabbiner" entpuppte sich als Werk der Künstlichen Intelligenz.

KI als Werkzeug – nicht als Autorität

Dass sich einige Rabbiner der KI bedienen, ist nicht neu. Rabbi Josh Franklin aus Long Island bekannte sich schon vor knapp drei Jahren dazu. Es gibt mehrere Rabbi-Apps, die mit künstlicher Intelligenz beim Studium der kanonischen Sammlung der hebräischen Schriften, dem Tanach helfen. Eine komplett KI-generierte Figur eines Rabbiners verstört dagegen die Gläubigen.

Der Fall löste in Israel öffentliche Diskussionen aus. Eine Denkfabrik für jüdische Ethikfragen, Tzohar mahnt, dass man künstliche Intelligenz nicht als menschliche religiöse Autorität auftreten lassen soll.

Die israelische Presse zitiert Vertreter von Tzohar, deren Meinung gemäß halachische und ethische Leitlinien auf menschlichem Urteilsvermögen und dem Kontext der realen Welt beruhen würden. KI dürfe in Bereichen, in denen Entscheidungen das Leben von Menschen, gemeinschaftliche Normen oder religiöse Praktiken betreffen, nicht als Ersatz für einen humanen Rabbiner dienen.

Das religiös-ethische Zentrum betonte die Notwendigkeit der Transparenz bei der Anwendung der KI. Die Verbraucher hätten ein Recht darauf zu erfahren, wann Inhalte mithilfe künstlicher Intelligenz erstellt oder verbreitet werden, insbesondere wenn diese so aufbereitet sind, dass sie religiöse Glaubwürdigkeit vortäuschen. Gefordert wird deshalb eine öffentlich sichtbare Kennzeichnung und klarere Regeln.

Rabbiner auf TikTok

KI-generierter Rabbiner Menachem Goldberg auf TikTok.

(Bild: Screenshot Wassilis Aswestopoulos)

Die Folgen der Enthüllung

Mittlerweile ist das Profil auf TikTok als KI-Produkt gekennzeichnet. Dort fallen die Followerzahlen und auch die Klick-Zahlen der neuen Videos sind überschaubar.

Auf Instagram fehlt die Kennzeichnung noch. Das Profil konnte seine Anhängerschaft besser halten als auf TikTok.

Es ist offensichtlich, dass es Zeitgenossen gibt, die auch in technologisch erstellten spirituellen Inhalten Trost finden und daraus Kraft schöpfen können. Im Chaddismus hat der Rabbiner die Rolle des Vermittlers zwischen Gott und den Gläubigen. Es ist auch für Nicht-Religiöse offensichtlich, dass mit dem nicht gekennzeichneten KI-"Rabbiner" Grenzen überschritten wurden.

Vom Golem zur KI – eine alte Warnung

Übrigens gibt es auf TikTok natürlich auch real existierende chassidische Rabbiner, wie Rabbi Shais Taub. Taub referiert unter anderem über KI-erzeugte Deepfakes. Er kommt zu dem Schluss, dass dies so neu nicht wäre. Auch in der Antike habe es Scharlatane gegeben, meint er.

Als Lesetipp zu empfehlen ist ein Essay von Joshua Schultheiss in der Jüdischen Allgemeinen, wo er die KI mit dem Golem vergleicht. Dem mystischen Wesen, das Rabbi Jehuda Löw im Alten Prag ursprünglich als Diener und Beschützer der jüdischen Gemeinde aus Lehm schuf. Der seelenlose Golem wandte sich in einer Ausführung der Legende gegen die Menschen – Rabbi Löw musste – im übertragenen Sinne – seinen Stopp-Code aktivieren.

Bleibt die Frage, ob wir bei unserer KI sicher sind, dass wir den Ausschaltknopf zu jeder Zeit zur Verfügung haben?

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