Stand: 04.08.2026, 11:02 Uhr
Von: Florian Naumann
Noch nie stand die Bundeswehr vor so ernsten Herausforderungen. Experte Frank Sauer erklärt Europas Probleme – politisch und militärisch.
München – Es ist nur eines von vielen zu bedenkenden Szenarien in einer unangenehm unsicheren Zeit. Aber es bewegt Deutschlands Verteidigungspolitik und mit ihr Milliarden Euro: Was, wenn Wladimir Putins Russland tatsächlich die NATO angreifen wird? Als möglicher frühester Zeitpunkt dafür kursiert seit Jahren die Jahreszahl 2029. Und spätestens ab 2027 könnte die Bundeswehr mit ihrer neuen Brigade in Litauen in erster Verteidigungslinie stehen. Frank Sauer, Experte für strategische Vorausschau in Verteidigungsfragen, sieht für diese Aufgabe Probleme, aber auch Lösungen – warnt aber in Sachen 2029 vor einem groben Missverständnis.

Die gute Nachricht: Das Jahr 2027 hält der Wissenschaftler der Universität der Bundeswehr in München für einen guten Startzeitpunkt der Litauen-Mission. Zum einen, weil „die Zeit drängt“, wie Sauer im Interview mit der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media sagt. Zum anderen, weil die Bundeswehr dann im Eiltempo beschaffte Technik erhalten soll. Beispielsweise „Loitering Munitions“. Habe man diese starrflügeligen Drohnen, die gepanzerte Fahrzeuge bekämpfen können, könne man sagen, „jeder russische Panzer, der hier über die litauische Grenze fährt, bekommt zwei von diesen Teilen aufs Dach“, erklärte Sauer. Das wirke abschreckend – zumal diese Drohnen nur Bruchteile eines Panzers kosteten.
Russlands Gefahr, schon vor 2029: „Das heißt, jetzt leben wir in einem Fenster der Verwundbarkeit“
Die Debatte über eine großangelegte russische Attacke im Jahr 2029 hält der Experte hingegen für irreführend. Tatsächlich wisse man gar nicht, ob der Kreml nach einem hypothetischen Ende des Ukraine-Kriegs die Möglichkeiten und den Willen zu einem nächsten „großen“ Krieg habe. Das sei momentan aber auch gar nicht das entscheidende Problem Europas, betonte Sauer: „Unser Problem ist, dass wir bis 2029 politisch gesprengt werden könnten. Denn wenn der Kreml Ernst machen wollte, würde er natürlich eine kleine, begrenzte militärische Operation anfangen.“ Darin ist sich Sauer mit anderen Fachleuten durchaus einig. Russlands Ziel wäre dann, herauszufinden, ob die NATO den Bündnisfall auslöst – und ob die USA mitziehen.
„Das könnte für uns gefährlich werden“, erläuterte Sauer: „Nicht, dass da der Dritte Weltkrieg losbricht, sondern dass wir politisch auseinandergenommen werden, uns noch weiter untereinander zerstreiten, unsolidarisch sind und der Kreml dann genau in diese Spalten und Ritzen eindringt.“ Dann drohe Europa Ungemach. Und zwar bis „mindestens 2029“. So lange amtiert der wankelmütige und euroskeptische Donald Trump als US-Präsident; womöglich wolle Trump aber auch noch länger im Weißen Haus bleiben. Vorerst sei Europa nicht so abschreckungs- und verteidigungsfähig, wie es das gerne wäre, warnte Sauer. „Das heißt, jetzt leben wir eigentlich in einem Fenster der Verwundbarkeit.“ Die Spaltungsgefahr sei ein politisches Problem, kein militärisches.
Experten warnen allerdings bereits seit Längerem, Europa sei bei bestimmten militärischen Schlüsselfertigkeiten, sogenannten Strategic Enablers, weiter massiv von den USA abhängig. Bei Aufklärung aus dem Weltall, Flugzeugbetankung – aber auch bei Waffen mit größerer Reichweite. Es gehe darum, „Dinge zu sehen, Dinge zu hören und dann schnell auf Ziele zuzusteuern und einzuwirken“, bestätigte Sauer: Diese Fähigkeiten „haben wir in der Form nicht“. Europa brauche solche Ausrüstung nicht im Ausmaß der USA, die „globale Machtprojektion“ betrieben. Aber schon Verteidigungsbereitschaft gegen „jedweden Angriff Russlands“ sei „ein Projekt für eine Dekade“. Einstweilen müsse man die USA bei der Stange halten.
Bundeswehr-Problem in Litauen – und eine Lösung: „Drohnen zerfetzen, damit man in Bewegung kommt“
Wie sähe solch eine Abwehr eines Angriffs konkret aus, etwa in Litauen? „Wir sind da, um Litauen im Ernstfall zu schützen und um möglichst abschreckend zu wirken, damit gar nicht erst was passiert“, betonte Sauer. Sollte aber doch etwas passieren, dann sei das entscheidende Problem, dass Russland „irgendwo ist, wo Russland nicht sein darf“. Eine Lehre aus dem Ukraine-Krieg sei, dass man dann schnell reagieren müsse. Wegen festgefahrener Fronten samt drohnenbedingter „Todeszonen“. Und wegen der Folgen für die zivile Bevölkerung.
„In besetzten Gebieten wird systematisch gemordet, gefoltert, vergewaltigt, Kinder werden verschleppt“, betonte Sauer. Deshalb gelte das schon von Ex-Kanzler Olaf Scholz (SPD) ausgerufene Credo, jeden Zentimeter ab der ersten Minute zu verteidigen. Dann müsse die Bundeswehr mit „Bewegungskriegsführung“ reagieren, mit verbundenen Waffen von Heer, Luftwaffe und Cyberstreitkräften – „obwohl eine Wolke aus Drohnen da draußen herumschwirrt“. Die Drohnenkriegsführung beherrsche Russland nach mehr als vier Jahren Angriffskrieg gegen die Ukraine.
Deutschland hingegen habe Nachholbedarf – obwohl etwa die Loitering Munition „quasi mit Lichtgeschwindigkeit für die deutsche Beschaffungsbürokratie“ organisiert worden sei. „Das Mischungsverhältnis stimmt noch nicht“, sagte Sauer mit Blick auf die Mittel der neuen Panzerbrigade in Litauen, „das ist aber allen bewusst“. Zu den „unfassbaren Mengen“ an bereits bestellten Rüstungsgütern zählten so auch gepanzerte Fahrzeuge, die etwa Leopard- oder Puma-Panzer begleiten. Gerät, „das mit Schnellfeuerkanonen eben sehr viel Wolfram in die Luft wirft und die Drohnen zerfetzt, damit man wieder in Bewegung kommt“, erläuterte Sauer.
Ein Mythos sei ohnehin, dass der Drohnenkampf andere Mittel komplett überflüssig mache – oder auch, dass eine einzelne Drohne einen Panzer außer Gefecht setze: „Wir sehen immer die eine Drohne, die einen Multi-Millionen-Euro-Panzer zum Explodieren bringt. Dass vorher 59 andere daran zerschellt sind, gehört aber auch zur Wahrheit dazu.“ (Quellen: Dr. Frank Sauer, eigene Recherchen)



