Die Antidiskriminierungsbeauftragte des Bundes kritisiert, dass eine EU-Richtlinie zur Entgeltgleichheit noch nicht umgesetzt sei. Ein Kulturwandel sei nötig.
Aktualisiert am 24. Februar 2026, 5:41 Uhr Quelle: DIE ZEIT, epd, KNA, hoe
Die Antidiskriminierungsbeauftragte des Bundes, Ferda Ataman, fordert mit Blick auf die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen einen Kulturwandel. "Frauen für gleiche Arbeit schlechter zu bezahlen, ist falsch", sagte sie der Rheinischen Post. Frauen leisteten zudem täglich unbezahlte Care-Arbeit. "Wir brauchen eine Regierung, die statt Debatten über Krankheitstage zu führen, lieber erst einmal hinschaut, wie viele Mütter wegen fehlender Kinderbetreuung zu Hause bleiben müssen."
Die Lohnlücke in Deutschland zwischen Männern und Frauen liege im Durchschnitt bei 16 Prozent, sagte Ataman. Manche Männer verdienten besser als ihre Kolleginnen. Und Frauen arbeiteten öfter in Jobs, die schlecht bezahlt werden. Ziel müsse es sein, dass jeder Tag ein "Equal Pay Day" sei, und alle Menschen nach Verantwortung und Kompetenz bezahlt würden, statt nach Verhandlungsgeschick und Geschlecht.
Frist zur Umsetzung von EU-Richtlinie läuft ab
Die Regierung habe beim Thema Frauenrechte "noch nicht geliefert", sagte Ataman. Sie verwies darauf, dass die Frist zur Umsetzung einer EU-Richtlinie zur Entgeltgleichheit im Juni abläuft. Wenn die Regierung europäische Richtlinien nicht rechtzeitig umsetze, könne das den Steuerzahler Monat für Monat Millionen Euro kosten. "Im Sinne der Steuerzahler kann sich die Regierung nicht leisten, die Arbeit zu verweigern."
In diesem Jahr ist der sogenannte Equal Pay Day, der auf die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen aufmerksam macht, am 27. Februar. Die Antidiskriminierungsbeauftragte forderte mehr Tempo bei der Gleichstellung. "Wir haben ein Antidiskriminierungsrecht, das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG), das 20 Jahre alt und europaweit eines der schwächsten ist", sagte Ataman. "Wenn wir in diesem Tempo weitermachen, wird eher der Mensch den Mars besiedeln, als dass Frauen Gleichberechtigung erreichen."
Neue Zahlen zum Gender-Pay-Gap
Der Lohnabstand zwischen den Geschlechtern schrumpfte jüngst in Deutschland weiter, klafft aber immer noch auseinander, wie eine Untersuchung vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung zeigt. Demnach lag der Gender-Pay-Gap im vergangenen Jahr bei 15,6 Prozentpunkten. Der durchschnittliche Bruttostundenverdienst betrug für Männer 26,34 Euro, für Frauen 22,24 Euro.
Zehn Jahre zuvor betrug der Lohnabstand der Untersuchung zufolge noch 22,3 Prozentpunkte, und der durchschnittliche Bruttostundenverdienst unterschied sich um 4,43 Euro. Der schrumpfende Abstand seit 2014 sei erfreulich, dennoch liege Deutschland weiterhin deutlich über dem EU-Durchschnitt von zwölf Prozentpunkten, erklärten die Autoren.
Der schrumpfende Lohnabstand dürfe zudem nicht darüber hinwegtäuschen, dass nur knapp die Hälfte aller abhängig beschäftigten Frauen die eigene Existenz langfristig aus eigenem Erwerbseinkommen sichern kann, hieß es. Dies gelinge immerhin drei Vierteln der abhängig beschäftigten Männer. Ein langfristig existenzsicherndes Erwerbseinkommen für sich selbst und zusätzlich noch ein Kind zu erzielen, gelinge sogar nur rund einem Drittel der abhängig beschäftigten Frauen sowie rund der Hälfte der Männer.
Unterschiede auch in anderen Bereichen
Zudem summieren sich die geringeren Einkommen von Frauen über den Lebensverlauf hinweg, wie die Autoren unterstrichen. Trotz eines allmählichen Rückgangs in den vergangenen drei Jahrzehnten sei daher der Abstand zwischen den Altersbezügen von Männern und Frauen, der sogenannte Gender-Pension-Gap, immer noch groß: Im Jahr 2023 erhielten Frauen im Durchschnitt eine um 43 Prozent niedrigere Alterssicherung als Männer.
Auch bei der wöchentlichen Arbeitszeit gibt es geschlechterbezogene Unterschiede: Im Durchschnitt arbeiten Männer 38 Stunden, Frauen 30,5 Stunden. Dieser Gender-Working-Time-Gap gehe zwar seit 2005 schrittweise zurück, zuletzt jedoch sehr langsam, heißt es in der Untersuchung des WSI. Seit Mitte der 1990er-Jahre seien zwar immer mehr Frauen in Deutschland erwerbstätig, jedoch erfolgte dieser Anstieg größtenteils in Form von Teilzeitarbeit. Fast jede zweite abhängig beschäftigte Frau (46 Prozent), aber nur jeder achte Mann (13 Prozent) arbeite in Teilzeit.
"Gerade Menschen mit Sorgeverpflichtungen und ganz besonders Frauen, die Kinder haben oder Angehörige pflegen, müssen zwei Jobs unter einen Hut bringen", erklärte Bettina Kohlrausch, wissenschaftliche Direktorin des WSI. Für sie tue die Politik derzeit wenig. Diskutierte Änderungen sozialer Standards, etwa eine Deregulierung von Arbeitszeiten oder Kürzungen bei der Rente, würden vor allem Frauen treffen.



