Anthropic hat sein Sprachmodell Claude in echte Medikamentenprojekte eingebunden. Das Unternehmen berichtet von schnelleren Antikörperdesigns, wirksameren Bausteinen für Zelltherapien und ersten Entwürfen regulatorischer Unterlagen, die teils in Stunden statt in Monaten erstellt wurden.
Laut einem Bericht von Anthropic arbeiten die eigenen Forschenden seit mehreren Monaten mit Pharma- und Biotechnologieunternehmen wie BigHat Biosciences, Bristol Myers Squibb, Divergence Labs, Enveda und Generate Biomedicines zusammen. Die berichteten Ergebnisse sind fast alle präklinisch; Tests am Menschen stehen noch aus.
Neu an dem Bericht ist primär, dass Anthropic erstmals mehrere konkrete Fallstudien aus laufenden Programmen von Partnerunternehmen bündelt. Bislang lieferte das Unternehmen primär Werkzeuge, etwa mit Claude for Healthcare, das im Januar auch Anbindungen an Studiendatenbanken brachte.
Claude soll nun in mehreren Abschnitten der Arzneimittelentwicklung eingesetzt werden: von der frühen Wirkstoffsuche über die Optimierung im Labor und die Dokumentation bis zur Planung klinischer Studien. Die Engpässe verteilten sich auf viele Schritte der Medikamentenentwicklung.
Laborergebnisse mit großen Sprüngen
Bei Generate Biomedicines nutzten sechs Forschende Claude Code, um neue Designs für einen Teil der genetischen Bauanleitung einer CAR-T-Zelltherapie vorzuschlagen. Die Therapie soll künftig auch solide Tumore behandeln können. Ein Design war rund 70 Prozent kürzer als die Standardversion. Die Immunzellen bildeten damit etwa zehnmal so viele Rezeptoren und töteten Tumorzellen effizienter.
Für Divergence Labs erzeugte Claude weitgehend autonom rund 35.000 Antikörperdesigns in etwa einem Monat. Ziel ist eine Allergietherapie, die das Molekül IgE von Immunzellen ablöst. Drei Designs banden an IgE, 20 lösten es ab, drei davon offenbar stärker als das Standardmedikament. Ähnlich selbstständig hatte Claude schon im August in einer Anthropic-Studie Proteinbinder gegen 14 von 15 Zielproteinen entworfen. Vergangene Woche folgten Binder gegen Skorpiongifte.
Bei zwei Antikörperfragmenten testete BigHat Biosciences rund 1.010 Varianten in zehn Wochen. Die besten Varianten banden mehr als zehnmal stärker. Ein Kandidat gegen Krebs blieb zudem noch bei einer um 18 Grad Celsius höheren Temperatur in Lösung, ein anderer verklumpte mehr als hundertmal langsamer.
Enveda ließ Claude 1.061 Seiten Herstellungsdokumentation prüfen. Das Modell fand alle elf Probleme, die menschliche Prüfer entdeckt hatten, und sieben weitere, die diesen entgangen waren. Außerdem schrieb Claude erste Entwürfe für zwei Zulassungsdokumente. Einer davon entstand in vier Stunden, von Hand dauert das etwa drei Monate. Die anschließende Prüfung durch Fachleute ist in dieser Zeit nicht enthalten.
Eigene Wirkstoffe bis 2028
Anthropic hat zudem Mithril Medicine übernommen, eine Ein-Personen-Firma, die an Therapien gegen seltene Formen der Muskeldystrophie arbeitet. Gründer Cody Tranbarger koordinierte mit Claude elf externe Labore. In weniger als 18 Monaten kam ein Wirkstoffkandidat von der Idee zu vielversprechenden Ergebnissen an Mäusen. Wenn sich die Ergebnisse bestätigen, könnten Studien am Menschen frühestens Ende 2028 beginnen.
Ob Anthropic solche Studien selbst organisieren oder dafür mit Pharmaunternehmen zusammenarbeiten würde, ist offen. Noch im September hatte das Unternehmen erklärt, vorerst keine eigenen klinischen Studien durchführen zu wollen. Damals war bekannt geworden, dass Anthropic in der Bay Area ein eigenes Biologielabor betreibt.
Vom Werkzeuganbieter zum Wirkstoffentwickler
Parallel baut Anthropic das Angebot für externe Forschende aus. Dazu gehören die Arbeitsumgebung Claude Science und Guthaben für Lebenswissenschaftler.
Für die Pharmaforschung ist vorrangig wichtig, wie viel Zugang sie zu den stärksten Modellen bekommt. Anthropics öffentliches Spitzenmodell Claude Fable lässt jede Anfrage von kleineren KI-Systemen prüfen, sogenannten Klassifizierern. Diese Filter suchen nach biologischen Themen, die auch beim Bau von Biowaffen helfen könnten. Schlagen sie an, antwortet nicht Fable, sondern das schwächere Modell Opus 5.
Anfangs wurden so auch harmlose Fragen umgeleitet, etwa zu Laborwerten oder Symptomen. Seit einem Update im August greifen die Filter bei solchen Alltagsfragen laut Anthropic rund 85 Prozent seltener ein. Das gilt auch für den Nachfolger Fable 5.1. Virologie, Toxikologie und Moleküldesign bleiben aber gesperrt. Für die professionelle Wirkstoffentwicklung taugt das öffentliche Modell damit laut Anthropic bisher nicht.
Diese Lücke soll das im September gestartete Life Sciences Verification Program schließen. Geprüfte Organisationen bekommen damit Zugang zu Modellen mit lockereren Schutzmechanismen, etwa zu Mythos 5.1. Dahinter steckt dasselbe Modell wie bei Fable 5.1, nur weniger streng gefiltert.
Anthropic arbeitet außerdem am Model Hardware Standard (MHS), einer Schnittstelle, über die KI-Agenten Laborgeräte und andere physische Systeme kontrolliert ansteuern können. Wie weit diese Idee gehen kann, zeigte kürzlich ein Forscher aus Oxford: Er setzte einen Claude-basierten Agenten ein, der bei einer Gehirnoperation an einer Maus selbstständig eine Gentherapie, die Zielregion und die Injektionsparameter auswählte und sogar die motorisierte Operationsvorrichtung steuerte.
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