Stand: 03.09.2026, 22:38 Uhr
Von: Nail Akkoyun
Die Ukraine will mit Drohnenangriffen den russischen Luftraum lahmlegen. Putin spricht von „Terrorismus“, Selenskyj nennt das eine „logische Reaktion“.
Kiew/Wladiwostok – Nach der Warnung des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj vor wachsenden Risiken durch ukrainische Drohnen im russischen Luftraum haben erste internationale Fluggesellschaften ihre Verbindungen nach Russland gestrichen. Selenskyj bestätigte am Mittwoch, dass die Streichungen begonnen hätten – und bezeichnete dies als „logische Reaktion“ auf die durch den Krieg entstandene Lage.

Die Auswirkungen auf den russischen Luftverkehr sind bereits deutlich spürbar. Flugverfolgungsdaten, die Reuters zitiert, zeigen am Mittwoch allein am Moskauer Flughafen Scheremetjewo 21 Stornierungen und 235 Verspätungen. Am Flughafen Wnukowo wurden 22 Stornierungen und 94 Verspätungen registriert. Das unabhängige russische Medium Agentstvo zählte insgesamt 27 gestrichene Auslandsflüge in der russischen Hauptstadt an diesem Tag – deutlich mehr als noch am Vortag.
„Der Krieg kehrt nach Hause nach Russland zurück“
Zu den betroffenen Fluggesellschaften zählen die türkischen Carrier Pegasus Airlines und Turkish Airlines, die emiratische Fluggesellschaft flydubai, die ägyptische Nesma Airlines, die armenische Shirak Avia, Kuwait Airways sowie die tadschikische Somon Air. Pegasus erklärte laut der Kyiv Post, einige Russlandflüge seien aus „technischen und betrieblichen Gründen“ gestrichen worden. flydubai warnte vor möglichen Verspätungen und Umleitungen.
Selenskyj hatte bereits am Dienstag in seiner abendlichen Videoansprache eine eindringliche Warnung an Fluggesellschaften, Versicherungsunternehmen und Passagiere ausgesprochen: „In Russlands Luftraum werden sich Drohnen in einem Ausmaß befinden, das berücksichtigt werden muss“, sagte er. „Die sicheren Tage im russischen Luftraum sind vorbei“, fügte er hinzu. Gleichzeitig betonte er, dass die Ukraine keine zivilen Flugzeuge angreife und keine unschuldigen Menschenleben gefährden wolle.
Der ukrainische Außenminister Andrii Sybiha ergänzte in einer Erklärung auf X: „Wir wollen unbeabsichtigte Zwischenfälle verhindern. Der Krieg kehrt nach Hause nach Russland zurück.“ Die Ukraine hatte zuletzt angekündigt, die Zahl der täglich eingesetzten Drohnen von 300 auf 1000 zu erhöhen.
Nach Drohungen aus der Ukraine: ICAO mahnt zum Schutz der Zivilluftfahrt
Die Internationale Zivilluftfahrtorganisation (ICAO) reagierte auf die Entwicklungen mit einem Appell an ihre Mitgliedstaaten. Die UN-Behörde erklärte am Mittwoch, dass die zivile Luftfahrt durch Langstreckenwaffen, Drohnen, Funkstörungen und Luftabwehrsysteme gefährdet werde – ohne ein bestimmtes Land namentlich zu nennen, berichtet die AFP. Das Risiko, dass Passagierflugzeuge gezielt angegriffen werden „oder ins Kreuzfeuer geraten“, nehme zu. Die Mitgliedstaaten müssten daher ihre Anstrengungen „zum Schutz ziviler Flugzeuge vor allen Risiken, die von Konfliktgebieten ausgehen“, verstärken.
Die Ukraine hatte die ICAO zuvor formell über die Risiken im russischen Luftraum informiert und die UN-Behörde aufgefordert, ihre Mitgliedstaaten dazu zu bewegen, zivile Flüge durch den russischen Luftraum zu untersagen. Die meisten europäischen und amerikanischen Fluggesellschaften meiden den russischen Luftraum bereits seit dem Beginn der russischen Vollinvasion im Februar 2022. Airlines aus China, der Türkei und den Golfstaaten hingegen fliegen weiterhin durch Russland.
Putin: Ukrainische Warnung ist „Terrorismus“ – Verhandlungen dennoch möglich
Kremlchef Wladimir Putin reagierte auf die ukrainische Drohung mit scharfer Kritik. Auf dem Östlichen Wirtschaftsforum in Wladiwostok bezeichnete er Selenskyjs angekündigte Blockade des russischen Luftraums als „Terrorismus“. Er kritisierte, dass es im Westen bisher keine Reaktionen darauf gegeben habe. Die westlichen Verbündeten der Ukraine „werden auf diese Weise zu Mitteilnehmenden am internationalen Terrorismus“, sagte Putin. Zudem würden solche Schritte mögliche Verhandlungen über ein Ende des Ukraine-Kriegs erschweren.
Er sehe Chancen für eine Einigung, sagte er, und betonte laut der dpa, dass vor allem Russland und die Ukraine selbst sich untereinander einigen müssten. Alle anderen Länder seien bereit, dabei zu unterstützen. Russland sei denjenigen Staaten dankbar, die einen Beitrag zur Lösung leisteten – darunter nannte er die USA und China. Dem Kremlchef zufolge bestehen weiterhin direkte Kontakte zwischen den Kriegsparteien, vor allem auf Ebene der Geheimdienste. (Quellen: Reuters, Kyiv Post, AFP, dpa, X) (nak)



