Stand: 26.06.2026, 14:43 Uhr
Von: Gerd Höhler

Präsident Erdoğan hat Israel offen mit militärischen Maßnahmen gedroht. In Syrien überschneiden sich die Interessen beider Staaten zunehmend.
Droht im Nahen Osten nach dem Gaza-Krieg und dem Konflikt mit Iran eine weitere gefährliche Front? Die Beziehungen zwischen der Türkei und Israel befinden sich an einem Tiefpunkt, und die Spannungen nehmen weiter zu. Ein offener Krieg gilt zwar als unwahrscheinlich. Doch die wachsende Rivalität zwischen Ankara und Jerusalem birgt erhebliche Risiken. Besonders in Syrien geraten die Interessen beider Staaten zunehmend auf Kollisionskurs.
Israels Minister für Diaspora-Angelegenheiten, Amichai Chikli, bezeichnete die Türkei Ende 2025 als „größte Bedrohung für Israel“. Ex-Ministerpräsident Naftali Bennett sprach von einer „neuen strategischen Bedrohung“ und meinte: „Die Türkei ist der neue Iran.“
Auch auf türkischer Seite verschärft sich der Ton. Präsident Recep Tayyip Erdoğan bezeichnete die israelischen Angriffe in Syrien und im Libanon als direkte Bedrohung für sein Land. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu warf Ankara daraufhin vor, eine „osmanische imperiale Herrschaft“ im Nahen Osten anzustreben.
Erdoğan und Netanjahu überziehen sich seit Jahren mit persönlichen Beschimpfungen. Zuletzt nannte Netanjahu den türkischen Präsidenten einen „antisemitischen Diktator“. Erdoğan, der Netanjahu regelmäßig als „neuen Hitler“ bezeichnet, entgegnete mit einer unverhohlenen Drohung: Wer Hitlers Weg folge, müsse mit dessen Schicksal rechnen.
Dabei waren die Türkei und Israel einst enge Verbündete. In den 90er Jahren galten sie als wichtigste strategische Partner des Westens im Nahen Osten. Wirtschaft, Militär und Geheimdienste arbeiteten eng zusammen.
Mit dem Machtantritt von Erdoğans AKP Ende 2002 begann die Entfremdung. Hauptgrund war Israels Umgang mit den Palästinensern. Erdoğan bezeichnete Israel wiederholt als „Terrorstaat“ und titulierte Netanjahu als „Schlächter von Gaza“. Umgekehrt wirft Israel der Türkei vor, die Hamas politisch, finanziell und logistisch zu unterstützen. Während der Westen die Hamas als Terrororganisation einstuft, spricht Erdoğan von einer „Befreiungsbewegung“.
Der Gaza-Krieg vergiftete die Beziehungen endgültig. Inzwischen herrscht eine strategische Gegnerschaft. Am 30. März vergangenen Jahres betete Erdoğan in der Großen Çamlıca-Moschee in Istanbul: „Möge Allah Zerstörung und Elend über das zionistische Israel bringen.“ Israels Außenminister Gideon Saar warf ihm daraufhin vor, sein „antisemitisches Gesicht“ zu zeigen.
Bereits im Juli 2024 hatte der türkische Präsident Israel offen mit militärischen Maßnahmen gedroht. Bei einer Parteiveranstaltung in Rize erklärte er: „So wie wir in Berg-Karabach reingegangen sind, so wie wir in Libyen reingegangen sind, werden wir mit ihnen dasselbe tun.“
Besonders brisant ist die Lage in Syrien. Dort überschneiden sich die strategischen Interessen beider Staaten. Die Türkei unterhält im Norden des Landes eine starke Militärpräsenz. Ankara will kurdische Milizen entlang seiner Grenze in Schach halten, politischen Einfluss auf die Entwicklung Syriens nehmen und einen stabilen Nachbarstaat sichern.
Die Regierung in Jerusalem hingegen misstraut dem neuen syrischen Machthaber Ahmed al-Scharaa, einem früheren islamistischen Milizenführer. Israelische Kampfflugzeuge griffen wiederholt syrische Regierungsgebäude und Militäranlagen an. Im April attackierten israelische Jets zudem eine für die Türkei vorgesehene Militärbasis. Ankara wertete dies als Versuch, seine Stabilisierungsbemühungen zu sabotieren.
Beide Seiten werfen sich regionale Machtambitionen vor. Während Israel der Türkei unterstellt, Syrien zu einem türkischen Protektorat machen zu wollen, sieht Ankara in den israelischen Militäraktionen den Versuch, seinen Einfluss zurückzudrängen.
Noch vermeidet man die direkte Konfrontation. Diplomaten in Ankara und Jerusalem betonen, man strebe keinen militärischen Konflikt an. Beide Länder haben Kommunikationskanäle eingerichtet, um unbeabsichtigte Zusammenstöße in Syrien zu verhindern.
Dennoch wächst die Gefahr. Die zunehmende Überschneidung türkischer und israelischer Einflusszonen erhöht das Risiko von Zwischenfällen. Gerade in Syrien könnten militärische Operationen beider Seiten aufeinandertreffen – mit Folgen, die sich womöglich nicht mehr kontrollieren ließen.



