Trumps Atomkraft-Offensive: Ehrgeizige Ziele, fragwürdige Umsetzung

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Die USA wollen ihre Atomkraftkapazität bis 2050 vervierfachen, um den Strombedarf von KI-Rechenzentren zu decken. Doch Kostenexplosionen, fehlende Lizenzen und skeptische Investoren stellen das Vorhaben infrage.

Am Ufer des Lake Michigan arbeiten Hunderte Beschäftigte daran, etwas zu erreichen, das in den USA noch nie gelungen ist: ein zur Stilllegung vorgesehenes Atomkraftwerk wieder ans Netz zu bringen. Das Palisades-Kraftwerk in Michigan, 2022 von Entergy aus wirtschaftlichen Gründen abgeschaltet, soll laut einem Bericht der Financial Times innerhalb weniger Wochen wieder Strom liefern.

Holtec International, das die Anlage ursprünglich zur Stilllegung erworben hatte, erhielt 3,2 Milliarden Dollar von der US-Regierung. Damit sollen Upgrades finanziert und zwei kleine modulare Reaktoren (SMRs) gebaut werden, die die Kapazität auf 1.400 Megawatt steigern sollen.

KI-Hunger treibt nukleare Ambitionen

Die treibenden Kräfte hinter der nuklearen Renaissance sind der explodierende Strombedarf von KI-Rechenzentren und die Rückverlagerung von Industrieproduktion in die USA. Microsoft und Google haben langfristige Stromverträge unterzeichnet, um stillgelegte Kraftwerke in Pennsylvania und Iowa wieder in Betrieb zu nehmen. Atomkraft liefert sauberen Strom ohne die Schwankungen von Solar- und Windenergie.

Präsident Trump hat im Mai das Ziel ausgegeben, die US-Atomkapazität bis 2050 zu vervierfachen. Im Oktober unterzeichnete Washington eine 80-Milliarden-Dollar-Partnerschaft mit dem Private-Equity-Konzern Brookfield und dem Reaktorhersteller Westinghouse, um acht Großreaktoren zu bauen. 2024 flossen laut FT rekordverdächtige 3 Milliarden Dollar an Privatinvestitionen in SMR-Startups.

Kostenexplosionen und Insolvenzen als Warnung

Die Skepsis vieler Experten speist sich aus der jüngeren Geschichte. Die beiden zuletzt in den USA gebauten Großreaktoren in Plant Vogtle (Georgia) gingen 2023 und 2024 ans Netz, sieben Jahre verspätet und 18 Milliarden Dollar über Budget. Die Baukosten lagen bei 15.000 Dollar pro Kilowatt, etwa fünfmal höher als in Südkorea oder China, und die Verluste trieben Westinghouse 2017 in die Insolvenz.

Versorger wie Duke Energy fordern staatliche Garantien gegen Kostenüberschreitungen, bevor sie eigenes Kapital einsetzen. Eine Einigung zwischen Industrie, Tech-Konzernen und der Trump-Regierung steht noch aus. Julien Dumoulin-Smith, Analyst bei Jefferies, bezweifelt laut FT, dass die Bundesregierung als Bürge einspringen wird.

SMRs: Viel Hype, wenig Substanz?

Kleine modulare Reaktoren gelten als Hoffnungsträger. Google unterzeichnete einen ersten verbindlichen Vertrag mit Kairos Power, Oklo (unterstützt von OpenAI-Gründer Sam Altman) meldet 14 Gigawatt an Stromlieferverträgen. Meta setzt in seinem jüngsten Mega-Deal ebenfalls große Hoffnungen in die Technologie. Doch keine der über 50 in den USA entwickelten SMR-Technologien hat bisher eine Betriebslizenz der US-Atomaufsicht NRC erhalten. Nur NuScale verfügt über eine Designgenehmigung.

Allison Macfarlane, ehemalige NRC-Chefin, hält Trumps Ziel für "absolut nicht erreichbar". Die Beschleunigung von Genehmigungsverfahren könne das Unfallrisiko erhöhen. Adam Stein vom Breakthrough Institute sieht hingegen die besten Marktbedingungen aller Zeiten: Steuervergünstigungen, Kredite, steigende Nachfrage und Privatinvestitionen unterschieden die aktuelle Situation von der gescheiterten Renaissance der 2000er-Jahre.

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