Trump demontiert Netanjahu – Bündnis am Kippen

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Stand: 21.06.2026, 22:43 Uhr

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Trumps Missachtung seines Verbündeten deutet darauf hin, dass eine einst eiserne Partnerschaft am Wendepunkt steht – doch Netanjahu könnte der Urheber der Spaltung sein.

Benjamin Netanjahu inszeniert sich als Staatschef, der auf einzigartige Weise Israels Unversehrtheit zu schützen und zugleich effektiv mit Donald Trump umgehen könne. Doch der US-Präsident scheint die Qualifikationen des israelischen Ministerpräsidenten ganz anders einzuschätzen. Öffentlich lässt Trump keinen Zweifel an jener Beurteilung, wenn er Netanjahus Rolle und Bedeutung demonstrativ kleinredet und sich selbst als unverzichtbaren Garanten für Israels Sicherheit inszeniert. „Ohne mich gäbe es kein Israel“, erklärte Trump etwa am Dienstag (16. Juni), zwei Tage nachdem er ein Friedensabkommen mit dem Iran unterzeichnet hatte.

Trumps Iran-Abkommen – über Netanjahu hinweg – nährt Zweifel am Band der US-israelischen Beziehungen. Ist eine Verschiebung der US-Prioritäten Schuld?

Fotomontage von Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und US-Präsident Donald Trump © dpa/Pool Reuters/AP | Ronen und dpa/AP | Julia Demaree Nikhinson

Selbiges ließ seine unbekümmerte Missachtung der Sicherheitsinteressen von Amerikas angeblichem Verbündeten unschwer erkennen. „Israel wäre schon vor langer Zeit in die Luft gesprengt worden, wenn ich mich nicht eingeschaltet hätte.“ Für Netanjahu ist das nicht nur eine Kränkung, sondern ein Signal, wie weit sich Washington inzwischen von Israel entfernt hat. Trumps Aussage war eine außergewöhnliche – nicht nur, weil der US-Präsident bei der Gründung Israels 1948 kaum zwei Jahre alt war. Sondern auch, weil sie der bislang deutlichste Hinweis darauf ist, dass ein jahrzehntealtes, einst unerschütterliches Bündnis nicht länger als selbstverständlich gelten kann. Was früher als „besondere Beziehung“ erschien, wirkt plötzlich fragil, und die rhetorische Härte aus dem Weißen Haus verstärkt den Eindruck eines grundlegenden Bruchs noch weiter.

Das US-israelische Verhältnis ist ein Bündnis, das als solches nicht mehr selbstverständlich ist

Krisen in den Beziehungen zwischen den USA und Israel gab es zwar schon zuvor. Etwa als Ex-US-Präsident Barack Obama 2015 ein Atomabkommen mit dem Iran schloss, das Netanjahu als „historischen Fehler“ brandmarkte. Doch die heutige Bitterkeit ist neu, zumal sie von einem Präsidenten der amerikanischen Rechten kommt, für die Unterstützung Israels lange als Ausweis politischer Zugehörigkeit galt. Gerade dieser Absender macht die Eskalation für viele Beobachter so bemerkenswert.

Besonders aufschlussreich ist, dass der Groll am Ende eines Krieges aufbricht, in den beide Länder gemeinsam eingetreten sind und den sie mit den gemeinsamen Luftangriffen auf Teheran Ende Februar gemeinsam initiierten. Umso gravierender: Der stärkere der beiden Verbündeten schloss daraufhin einen separaten Frieden mit dem Gegner, ohne den vermeintlichen Verbündeten zu konsultieren. Das Abkommen zwischen den USA und dem Iran – über Netanjahus Haupt hinweg – überschreitet dabei mehrere israelische rote Linien zugleich und lässt den jüdischen Staat gefährlich exponiert zurück.

Trumps leichtfertige Missachtung der grundlegendsten Pflicht eines Verbündeten – den Freund nicht im Stich zu lassen – wirft eine zentrale Frage auf: Ist die ultimative „Sonderbeziehung“ zusammengebrochen? Die Härte der Worte, die Reihenfolge der Entscheidungen und die fehlende Abstimmung mit Jerusalem nähren den Verdacht, dass es sich nicht um einen taktischen Streit handelt, sondern um eine strukturelle Verschiebung der amerikanischen Prioritäten.

Waffenruhe im Libanon und ein tiefer Riss in Washington

Oberflächlich betrachtet schienen Trumps Worte in dieser Woche von der Sorge getrieben, Israels Offensive gegen die iranisch gestützte Terrorgruppe Hisbollah im Libanon könnte sein 14-Punkte-„Memorandum of Understanding“ mit Teheran gefährden. „Zu viele Menschen wurden getötet“, sagte er. „Man muss nicht jedes Mal ein Apartmenthaus niederreißen, wenn man jemanden sucht, denn in diesen Häusern sind viele Menschen, und nicht alle sind Hisbollah.“

„Sie hätten den Auftrag schneller erledigen müssen“, fügte Trump hinzu. „Es geht einfach immer weiter. Und wenn das passiert, wirft es ein negatives Licht auf den großen Deal, und das ist der Deal mit dem Iran.“ Am Freitag kündigte ein US-Regierungsvertreter an, es werde eine sofortige Waffenruhe zwischen Israel und Hisbollah geben – theoretisch der Weg frei, damit Amerika einem kostspieligen Krieg mit dem Iran entkommt und durch die Wiederöffnung der Straße von Hormus die Weltwirtschaft entlastet.

Doch in Wirklichkeit reicht der Ausbruch des Präsidenten weit über eine Debatte über die Weisheit militärischen Handelns im Libanon hinaus; Streit darüber gab es zwischen beiden Ländern häufig. Neu ist, dass die amerikanische Öffentlichkeit Israel zunehmend kritischer sieht, auch unter Republikanern und sogar unter evangelikalen Christen. Gleichzeitig wird die amerikanische Rechte immer skeptischer gegenüber ausländischen Bündnissen – ohne Ausnahmen für irgendein Land, Israel eingeschlossen.

„Existenzielle“ Sorge und kipppende öffentliche Meinung

So wird die jüngst vereinbarte Waffenruhe im Libanon – selbst wenn sie hält – diese Risse nicht kitten, die Diplomaten in Washington lange in Amerikas einzig wirklich besonderer Beziehung verortet haben. „Wenn es eine Sache gibt, die mir wirklich Sorgen macht, die ich wirklich als existenziell betrachte, dann ist es die Beziehung zu den USA, weil wir die USA für alles benötigen“, sagt Chuck Freilich, der unter dem früheren Ministerpräsidenten Ariel Scharon als stellvertretender Nationaler Sicherheitsberater Israels diente.

„Ich dachte, die Beziehung steuerte schon lange vor dem 7. Oktober auf eine Krise zu, und dann hat der 7. Oktober sie für eine Weile auf Eis gelegt und sie dann tatsächlich verstärkt [wegen des Krieges in Gaza]. Dann kam Trump, und das verschaffte uns noch einmal eine Atempause, aber jetzt passiert das.“ Vielleicht sind die mächtigsten Termiten, die an der Beziehung nagen, die Ansichten von Millionen ganz gewöhnlicher Amerikaner, die das Fundament politischer Rückendeckung verändern.

Die Daten zeigen, dass die Unterstützung der US-Bevölkerung für Israel eingebrochen ist: Demokraten äußern besonders häufig Wut über den Gaza-Krieg, ausgelöst durch das Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023, während rechtsgerichtete Republikaner fragen, wie das Bündnis mit „America First“ zusammenpasst. Eine Pew-Umfrage im März ergab, dass 60 Prozent der Amerikaner inzwischen eine ungünstige Meinung von Israel haben, gegenüber 37 Prozent noch 2022.

Parteigräben und die Grenzen der „Netanjahu-Doktrin“ werden deutlich

Wie so vieles in Amerika ist die Stimmung entlang der Parteilinien scharf gespalten: 80 Prozent der Demokraten haben eine negative Meinung von Israel, während eine Mehrheit der republikanischen Wähler weiterhin positiv eingestellt ist. Doch dieselbe Umfrage zeigte auch, dass Israel bei Republikanern unter 50 fast so unpopulär ist wie in der Gesamtbevölkerung: 57 Prozent äußerten eine negative Haltung. Das stellt die Weisheit der sogenannten „Netanjahu-Doktrin“ infrage.

Diese Doktrin besagte, Israels Priorität solle darin liegen, die Unterstützung von Republikanern und evangelikalen Christen zu sichern – im Bewusstsein, dass amerikanische Juden nur 2 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Avishay Ben Sasson-Gordis, Experte für US-israelische Beziehungen am Institute for National Security Studies der Universität Tel Aviv, kommt zu dem Schluss, Netanjahus Wette darauf, wie sich die US-Öffentlichkeit steuern lasse, „hat sich nicht ausgezahlt“. Er ergänzt: „Oder zumindest: Wenn sie sich ausgezahlt hat, ist das jetzt größtenteils vorbei.“

Der Gaza-Krieg beschleunigte diesen Trend. Doch die gemeinsame amerikanisch-israelische Offensive gegen Iran, die von zwei Dritteln der US-Bevölkerung abgelehnt wurde, hat den Graben noch weiter aufgerissen. Eine Kampagne, die die Islamische Republik stürzen und die Bedrohung durch ihre Raketen, ihr Atomprogramm und ihre Förderung des Terrorismus ein für alle Mal beseitigen sollte, ließ das Regime stattdessen an der Macht – und vermutlich stärker als zuvor.

„Katastrophale Kapitulation“ und gegenseitige Vorwürfe zwischen Israel und den USA

Nachdem Trumps Kriegsziel im Iran nachweislich verfehlt worden war, tauschten die USA und Israel hinter verschlossenen Türen Vorwürfe aus. US-Stellen ließen durchsickern, Netanjahu habe Trump kurz vor Beginn der Kampagne getroffen und – ihrer Darstellung zufolge – versprochen, das Regime werde rasch zusammenbrechen. Israelische Vertreter wiederum gaben Trump die Schuld, weil er angeblich eine Offensive der kurdischen Minderheit nicht bewaffnet und nicht unterstützt habe, die sonst die Machtbasis der Führung hätte erschüttern können.

Als klar wurde, dass die Islamische Republik den Ansturm überstehen würde – und nachdem sie mit der Schließung der Straße von Hormus reagiert hatte –, verschoben sich Amerikas Prioritäten: Es ging nun darum, einen globalen wirtschaftlichen Absturz zu verhindern und die Golfverbündeten vor einem Hagel iranischer Drohnen und Raketen zu schützen. Trumps wichtigste Begründung für einen schnellen, teilweisen Deal zur Beendigung des Krieges war daher, Iran zur Wiederöffnung der Meerenge zu bewegen, damit die Ölpreise fallen.

Für Israel jedoch war die Kontrolle der Wasserstraße stets zweitrangig gegenüber Irans Raketen- und Nuklearfähigkeiten. Entsprechend sagte Netanjahu dazu nichts, als er auf das Friedensabkommen reagierte. „Er hat Hormus nicht einmal erwähnt, und keiner der Reporter, von denen er Fragen annahm, hat nach Hormus gefragt“, merkt Sasson-Gordis an. „[Obwohl] für den größten Teil der Welt Hormus zu diesem Zeitpunkt der Krieg war.“

Trump überschritt mit seinem Iran-Abkommen eine israelische rote Linie nach der anderen

So vertraut Netanjahu auch damit sein mag, dass Amerika israelische Sicherheitsinteressen ignoriert – wie er es Obama beim Atomabkommen von 2015 vorwarf –, noch nie zuvor hat ein US-Präsident ein Abkommen unterzeichnet, das so viele israelische rote Linien auf einmal verletzt. Trumps „Memorandum of Understanding“ mit dem Iran schützt die Hisbollah, indem es ein Ende der israelischen Kampagne im Libanon verlangt, hebt US-Sanktionen gegen Irans Ölindustrie auf und beendet die Blockade seiner Häfen. Die letzten zwei Schritte – beide sofort und bedingungslos – werden Milliarden US-Dollar in die Hände der iranischen Führung spülen.

Schlimmer noch: Nichts hindert sie daran, diese Mittel in den Wiederaufbau ihres Arsenals ballistischer Raketen und in die Wiederbewaffnung von Terroristen im gesamten Nahen Osten zu stecken. Als Seniorpartner des Bündnisses mussten Amerikas Interessen bei Divergenzen stets Vorrang vor Israels haben. Dennoch trafen die Bedingungen von Trumps Iran-Abkommen die israelische Öffentlichkeit und Politiker wie ein Blitz aus heiterem Himmel: Faktisch hat der US-Präsident der Islamischen Republik ihre wirtschaftliche und finanzielle Zukunft gesichert.

Der Times of Israel-Chefredakteur David Horovitz geißelte eine „katastrophale Kapitulation“ und nannte Trump „realitätsfern“. Andere gingen noch weiter: Nir Dvori von Israels Channel 12 News sagte, der Deal sei ein „diplomatischer 7. Oktober“. Shimon Riklin, ein rechtsgerichteter TV-Moderator und Verbündeter Netanjahus, sprach von „totaler Kapitulation“. Netanjahu selbst sagte derweil demonstrativ so wenig wie möglich und bemerkte womöglich trocken: „Zusätzliche Herausforderungen liegen vor uns“.

Verständnis bekam Israel von seinem Verbündeten nicht. Im Gegenteil: US-Vizepräsident JD Vance warnte am Donnerstag, Amerika sei der einzige Freund, den Israel noch habe, und fügte hinzu, es könne sich nicht aus Problemen heraus töten. „Jeder in Israel, der glaubt, sein größtes Problem sei der Präsident der Vereinigten Staaten, muss aufwachen und die Realität der Lage dieses Landes riechen“, sagte Vance. „Wenn ich im Kabinett der israelischen Regierung wäre, würde ich vielleicht nicht den einzigen mächtigen Verbündeten angreifen, den ich irgendwo auf der ganzen Welt noch habe.“

Warum der vermeintliche Bruch zwischen den USA und Israel gerade jetzt so tief wirkt

Der Schock in Israel ist umso größer, weil Trump Netanjahu in seiner ersten Amtszeit nahezu alles von dessen Wunschliste gab: die Kündigung des Obama-Atomabkommens, die Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem und die Vermittlung der Abraham-Abkommen mit vier arabischen Staaten. Dennoch hätte das Auftreten dieses Risses unter Netanjahus Verantwortung keine völlige Überraschung sein dürfen. In wichtigen Punkten könnte er selbst sein Hauptarchitekt sein.

Nach außen ist Netanjahu der am stärksten amerikanisierte Ministerpräsident der israelischen Geschichte. Er verbrachte einen Großteil seiner frühen Jahre in Philadelphia, wo er die Highschool besuchte, und in Boston, wo er am Massachusetts Institute of Technology studierte. 1976 blieb er nach dem Abschluss in den USA und arbeitete für die Boston Consulting Group; seine öffentliche Laufbahn begann als stellvertretender israelischer Botschafter in Washington und später als ständiger Vertreter bei den Vereinten Nationen in New York.

All das verschaffte ihm ein Englisch mit amerikanischem Akzent und – zumindest nach eigener Einschätzung – ein tiefes Verständnis für die Innen- wie Außenpolitik der Supermacht. Doch von Beginn an ging seine Nähe zu den USA mit einer bemerkenswerten Fähigkeit einher, seine amerikanischen Gesprächspartner zu reizen. Obwohl man ihm oft eine Neigung zu den Republikanern nachsagte, war seine Bereitschaft zu verletzen in Wahrheit strikt unparteiisch: Netanjahu verärgerte Regierungen beider politischer Lager.

Benjamin Netanjahu – der Mann, der Regierungen verärgert

Bereits 1990 – damals agierte Netanjahu als stellvertretender Außenminister Israels – verurteilte er unverblümt die angeblichen „Lügen und Verzerrungen“ hinter der erneuten Friedensinitiative des republikanischen Präsidenten George H. W. Bush zwischen Israel und Palästina. James Baker, damals US-Außenminister, revanchierte sich, indem er Netanjahu persönlich das Betreten des Außenministeriums untersagte. Von da an sah ein amerikanischer Präsident nach dem anderen in Netanjahu ein unnachgiebiges Hindernis für jede Lösung des arabisch-israelischen Konflikts.

Obama, der die Suche nach Frieden mit den Palästinensern zu einer Priorität seiner ersten Amtszeit machte, griff im Oval Office einmal sogar zu Drohungen. „Wissen Sie, die Leute unterschätzen mich oft“, sagte er dem israelischen Regierungschef im Mai 2009. „Aber ich komme aus Chicago, wo ich es mit harten Gegnern zu tun hatte.“ Obama zog dann einen Finger quer über seinen Hals und deutete damit an, was er mit seinem Gegenüber tun würde, sollte es Widerstand geben. „Die Botschaft war unmissverständlich“, schrieb Netanjahu in seinen Memoiren.

„Sie sollte mich einschüchtern. Dass der amerikanische Präsident bei unserem ersten offiziellen Treffen eine derart beleidigende Botschaft überbrachte, war höchst verstörend. Der Ministerpräsident Israels wurde wie ein kleiner Schläger aus der Nachbarschaft behandelt.“ Und doch blieb trotz all dieser Eskalationspunkte die militärische, nachrichtendienstliche und diplomatische Zusammenarbeit, die das Rückgrat des Bündnisses bildet, intakt – und wurde sogar stärker.

Als Trump 2017 Präsident wurde, war Netanjahu zutiefst erleichtert; rückblickend markierte diese erste Amtszeit wohl den Höhepunkt der US-israelischen Beziehungen. Trump erkannte sogar die israelische Souveränität über die besetzten Golanhöhen an, die jede vorherige US-Regierung seit der Eroberung des Gebiets von Syrien 1967 verweigert hatte. Doch Trump wurde Netanjahus Starrsinn gegenüber den Palästinensern bald überdrüssig und seiner herablassenden Behandlung ihrer Führung. „Ich sah, was er tat. Er hat sie bloßgestellt“, sagte Trump 2021 in einem Interview mit dem israelischen Journalisten Barak Ravid. „Man muss den Menschen ihre Würde lassen. Und er hat ihnen ihre Würde genommen. Bibi wollte keinen Deal mit den Palästinensern machen.“ Als Joe Biden 2021 ins Amt kam, begannen die Beziehungen der beiden zunächst warm – auch, weil sich beide seit Jahrzehnten kannten. Doch der Ausbruch des Gaza-Kriegs ließ die Freundschaft schnell kippen.

Von Biden bis Trump: Konflikte mit Israel sind inzwischen zu einem Muster geworden

Kaum zwei Monate nach den Angriffen vom 7. Oktober 2024 warf Biden Israel bereits „wahlloses Bombardement“ vor. Als seine Bemühungen um Frieden in Gaza im Sande verliefen, machte er Netanjahu verantwortlich und bezeichnete den Israeli hinter verschlossenen Türen als „son of a b****“, „bad guy“, „bad f***ing guy“ und „f***ing liar“, wie es in einem Bericht des Journalisten Bob Woodward heißt. Netanjahu ist damit mit allen vier amerikanischen Präsidenten aneinandergeraten, denen er als Ministerpräsident begegnet ist – und unterwegs mit zahllosen US-Diplomaten und Beamten.

„Er spielt dabei ganz sicher eine einzigartige Rolle“, sagt Freilich, „weil ein Teil [des amerikanischen Zorns] schlicht Antipathie ihm gegenüber ist.“ Doch selbst wenn ein anderer Politiker heute Israels Ministerpräsident wäre, hätte Trump aus Teilen seiner Maga-Basis weiterhin Druck bekommen, ein rasches Ende des Iran-Krieges höher zu gewichten als Israels Sicherheitsinteressen. Vor Beginn des Konflikts fragte Curt Mills, der Chefredakteur von The American Conservative: „Warum sind Israels endlose Probleme Amerikas Belastungen?“

Er fügte hinzu: „Warum sollten wir America First akzeptieren – Sternchen Israel?“ Der konservative Kommentator Tucker Carlson, der Trump einst unterstützt hatte, bevor er sich mit ihm überwarf, sagte im vergangenen Monat Israels Channel 13, das Land habe „seine Moral verloren“. Carlson ergänzte: „Ich verstehe nicht, warum die USA verpflichtet sein sollen, das alles zu bezahlen, die Waffen dafür zu schicken, Israel ihre moralische Autorität zu leihen, Israel diplomatische Deckung zu geben, ihre Luftwaffe und ihre Marine und ihr Militär für Israel einzusetzen.“

Die „große Ausnahme“ und eine neue Skepsis

Freilich fügte hinzu, er fürchte diesen Wandel innerhalb des konservativen und nationalistisch geprägten, rechten US-amerikanischen Politik- und Wählerspektrums schon lange. Das Bild eines „heroischen Israels der frühen Jahrzehnte“ sei in den Augen vieler Amerikaner langsam durch das eines dominierenden regionalen Goliath ersetzt worden. Er beklagt Jahrzehnte „aufgestauter amerikanischer Wut über die Wahrnehmung, Israel sei in so vielen Bereichen – nicht nur militärisch – Nutznießer so umfangreicher amerikanischer Hilfe und Unterstützung und nehme dann in der Palästinenserfrage eine völlig gegenteilige Position zur amerikanischen Politik ein“.

Schon vor dem Gaza-Krieg, fügt er hinzu, hätten Amerikaner zu fragen begonnen: „Wie kann man Milliarden und Abermilliarden an Hilfe nehmen, auch unter früheren Regierungen, und unsere strategische Kooperation in 20 verschiedenen Bereichen und das Veto im UN-Sicherheitsrat – und dann verfolgt ihr diese Westbank-Politik und Siedlungen?“ Seit Jahrzehnten trotzt Israel Amerika, indem es jüdische Siedlungen im besetzten Westjordanland ausbaut, auf Land, das Kern eines künftigen palästinensischen Staates wäre.

Doch das reichte nie aus, um die tragenden Säulen des Amerika-Israel-Bündnisses zu erschüttern – vielleicht, weil diese Säulen so stark und so alt sind, dass sie außerordentlich schwer zu stürzen wären. Das gilt besonders für die militärische und nachrichtendienstliche Kooperation, und Israel bringt viel ein: beispiellose Aufklärung im Nahen Osten, vermutlich eines der fortschrittlichsten Militärs der Welt und außergewöhnliche Technologie. Heute jedoch können zentrale Elemente des Bündnisses nicht mehr als gesichert gelten.

Auslaufende Hilfe, offene Fragen zur Zukunft

Das derzeitige US-Militärhilfepaket in Höhe von 38 Milliarden Dollar (33,1 Milliarden Euro) – ironischerweise von Obama unterzeichnet – läuft 2028 aus. Netanjahu, der Amerikas neue Bereitschaft erkennt, alle Bündnisse zu hinterfragen, sagte im Januar, er wolle, dass Israel ganz ohne US-Militärhilfe auskommt und die Unterstützung über das nächste Jahrzehnt „auf Null“ zurückfährt. Und was Trump betrifft: Würde er jemals wieder an der Seite Israels in den Krieg ziehen? Jeder künftige US-Präsident würde sich zudem zweimal überlegen, gegen Iran militärisch vorzugehen. Das gälte selbst dann, wenn das Regime die durch Trumps Deal mit dem Iran ermöglichten Öleinnahmen nutzte, um Raketen und Atomprogramm wieder aufzubauen. Netanjahu selbst könnte die nächste israelische Wahl, die spätestens im Oktober stattfinden muss, politisch nicht überstehen.

Trump wird im Januar 2029 aus dem Amt scheiden – vorausgesetzt, er befolgt die US-Verfassung. Doch selbst nach dem Abgang beider werden sie eine wachsende philosophische Kluft zwischen ihren Ländern hinterlassen. Viele Israelis – nicht nur Netanjahu – glauben, Amerika verstehe einfach nicht, dass im Nahen Osten nur Stärke Sicherheit garantiere. Viele Amerikaner – nicht nur Trump – wollen dagegen sehen, dass Israel Diplomatie ebenso hoch bewertet wie die Zerstörung von Wohnblocks in Beirut. Heute, unabhängig von den politischen Zukunftsaussichten der derzeitigen Führungen, scheinen beide Länder unterschiedliche Wege zu gehen. Die dauerhaftesten Bündnisse beruhen nicht nur auf Interessen, sondern auf einem geteilten Weltbild.

Jahrzehntelang sahen sich Amerika und Israel denselben Feinden gegenüber, verteidigten dieselben Werte und konterten dieselben Bedrohungen. Verbündete, die gemeinsam Kriege führen, sollten durch die glühende Erfahrung des Kampfes gegen einen gemeinsamen Feind enger zusammenrücken. Amerikas und Israels gemeinsamer Krieg gegen Iran wurde zunächst als Symbol genau dessen präsentiert. Doch Historiker könnten zu dem Schluss kommen, dass er zur großen Ausnahme wurde. (Dieser Artikel von Roland Oliphant,David Blair entstand in Kooperation mit telegraph.co.uk)

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