Tailwind-CSS-Debakel zeigt, wie KI-Assistenten etablierte Online-Geschäftsmodelle austrocknen

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Tailwind CSS ist beliebter denn je, doch der Umsatz des Unternehmens dahinter ist um 80 Prozent eingebrochen. Gründer Adam Wathan musste drei von vier Ingenieuren entlassen und macht KI-Assistenten dafür verantwortlich.

Tailwind Labs hat drei von vier Ingenieuren entlassen. Das gab Gründer Adam Wathan in einem GitHub-Kommentar und einem Podcast bekannt.

"Drei Viertel unseres Engineering-Teams haben gestern ihre Jobs verloren, wegen der brutalen Auswirkungen, die KI auf unser Geschäft hatte", schreibt Wathan. Übrig bleiben die drei Eigentümer, ein Ingenieur und ein Teilzeitmitarbeiter.

Im Podcast beschreibt Wathan, wie er sich als Idiot fühle, weil er zwar eines der weltweit erfolgreichsten CSS-Frameworks gebaut habe, aber nicht herausfinden könne, wie acht Leute davon leben können.

KI-Assistenten ersetzen den Blick in die Dokumentation

Das Problem liegt im Geschäftsmodell. Der Traffic zur Tailwind-Dokumentation sei seit Anfang 2023 um etwa 40 Prozent gesunken. Die Dokumentation sei aber der einzige Weg, wie Nutzer von den kommerziellen Produkten erfahren, etwa Tailwind UI oder Tailwind Plus.

Der Grund: Typische Nutzerfragen ("Welche Utility-Klasse benötige ich?") sind genau die Art von Fragen, die LLMs direkt beantworten können. Früher lautete der Weg: Entwickler sucht bei Google, landet auf der Dokumentation, sieht kommerzielle Produkte, kauft möglicherweise. Jetzt liefert der Coding-Assistent die Antwort in der IDE.

Wathan beschreibt die Situation als schleichenden Prozess: Der Umsatzrückgang sei so langsam gewesen, dass er ihn zu spät erkannt habe. Erst eine Analyse über die Feiertage habe gezeigt, dass ohne Änderungen in sechs Monaten keine Gehälter mehr gezahlt werden könnten.

Das Dilemma mit LLM-freundlicher Dokumentation

Die Ironie der Situation zeigt sich in einem GitHub-Pull-Request. Ein Nutzer wollte einen llms.txt-Endpoint hinzufügen, eine zusammengefasste Textversion der Dokumentation für Sprachmodelle. Wathan lehnte ab und schloss den PR.

Seine Begründung: LLM-optimierte Dokumentation würde den Traffic weiter reduzieren. Die Markdown-Dateien enthielten keine Hinweise auf die kommerziellen Produkte.

"Jede Sekunde, die ich damit verbringe, lustige kostenlose Sachen für die Community zu machen, ist eine Sekunde, die ich nicht damit verbringe, das Geschäft wieder auf Kurs zu bringen", schreibt er. Als Nutzer sich beschwerten, machte Wathan das Repository temporär privat, ein Zeichen dafür, wie emotional die Woche gewesen sei.

Ein strukturelles Problem für das gesamte Web

Das Problem könnte andere Open-Source-Projekte mit ähnlichen Geschäftsmodellen treffen. KI zerstört den Vertriebsweg, obwohl Tailwind CSS beliebter ist denn je. So dürfte es vielen Geschäftsmodellen gehen, die darauf angewiesen sind, dass Menschen ihre Inhalte besuchen, ob Dokumentationsseiten, Nachrichtenportale, Blogs oder Onlineshops.

All diese Inhalte werden zunehmend in Chatbots konsumiert, ohne dass die Ersteller davon profitieren. Selbst wenn KI-Assistenten Quellen nennen: Angeklickt werden sie kaum, und das World Wide Web stirbt langsam aus.

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