Stand: 30.06.2026, 19:02 Uhr
Von: Hannah Jagemast

Die von den Emiraten unterstützte RSF-Miliz rückt weiter vor und umstellt eine strategisch wichtige Stadt
Im Sudan droht ein Großangriff auf die strategisch wichtige Stadt Al-Obeid. Die von den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) unterstützte Miliz „Rapid Support Forces“ (RSF) hat die Stadt nahezu umzingelt und greift zivile Ziele mit Drohnen an. Rund eine halbe Million Menschen leben in der Region und könnten von Gewalt, Folter und Mord betroffen sein.
„Die RSF scheinen kurz davor, eine Bodenoffensive zu starten“, erklärt Sicherheitsexpertin Hager Ali. Sie forscht zum Krieg im Sudan und arbeitet beim „Giga Institut Hamburg“. Den beginnenden Angriff sieht sie im Kontext der bevorstehenden Regenzeit: „Die Stadt Al-Obeid eignet sich für Kämpfe am Boden.“ Drohnenangriffe – sonst übliche Kriegsführung der Miliz – funktionierten bei Extremwetterlagen nicht besonders gut, „ein Lerneffekt aus den vorigen Kriegsjahren“, meint Ali. Außerdem sei Al-Obeid für die RSF ein strategischer Gewinn: wichtiger Verkehrsknotenpunkt, eine Ölraffinerie, Wasseraufbereitungsanlagen. „Die Stadt hat viel Infrastruktur, welche die RSF strategisch nutzen will.“
Die RSF unter Mohamed Hamdan „Hemedti“ Daglo kämpft seit April 2023 gegen die Truppen des sudanesischen de-facto-Staatschefs Abdel-Fattah al-Burhan. Der RSF werden Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen. Im Oktober 2025 hatten die Truppen nach langer Belagerung Al-Faschir eingenommen, die Hauptstadt von Nord-Darfur. Nach UN-Angaben wurden mindestens 6.000 Menschen Opfer von Massakern. Wissenschaftler:innen des Yale Humanitarian Lab, die Satellitenaufnahmen auswerteten, schätzen die Zahl der Toten in Al-Faschir sogar auf 60.000. Überlebende Einwohner:innen der Stadt erlebten nach der Eroberung und auf der Flucht massenhaft sexuelle Gewalt.
Die Vereinten Nationen erklärten, dass sie bei der Einnahme von Al-Faschir entscheidende Merkmale eines Genozids sähen. Massentötungen hätten gezielt nichtarabische Bevölkerungsgruppen getroffen. Ali verweist jedoch darauf, dass unter den RSF jede und jeder zum Ziel von „unvorhersehbarem Horror“ werde. „Alle, die die RSF nicht jubelnd genug begrüßen, können grausame Gewalt erfahren“, erklärt sie. „Die RSF ist dafür bekannt, dass ihnen der Schutz von Zivilisten egal ist.“ Chaos sei zu einer Strategie geworden. Jeder Kämpfer könne im eigenen Ermessen handeln und Gewalt ausüben.
Berichte legen nahe, dass die RSF ihren Krieg von den Emiraten finanzieren lassen, die Waffen und Kämpfer unter anderem über Libyen ins Land bringen. Eine jüngst erschienene Recherche der Investigativmedien „Lighthouse Reports“ und „Evident Media“ konnte die Verbindungen von VAE, Haftars Regierung in Ost-Libyen, sowie den RSF weiter belegen und aufzeigen, dass Kämpfer auf libyschem Staatsgebiet mit Unterstützung der Emirate ausgebildet werden. „Sollte die UAE aufhören, die RSF zu unterstützen, würde die RSF nicht mehr weiterkämpfen können. Alles würde kollabieren und zu einem Ende kommen“, berichtet ein ehemaliger Kämpfer gegenüber den Journalist:innen. Das Interesse der VAE ist unter anderem in den großen Goldvorkommen im Sudan begründet.

Außenminister:innen mehrerer europäischer Länder zeigten sich in der vergangenen Woche zwar alarmiert über die Lage im Sudan. Bei Kritik gegenüber den Emiraten halten sie sich jedoch zurück. Zu groß sei die Abhängigkeit von Öl und Kraftstoff aus dem Golfstaat, meint Expertin Ali: „Die Emirate wissen, dass sie es sich leisten können.“



