Der Stanford-Student Theo Baker beschreibt in einem Gastbeitrag für die New York Times, wie ChatGPT seinen kompletten Studienjahrgang geprägt hat. Sein Befund: KI hat eine ohnehin vorhandene Täuschungskultur an der Eliteuniversität in den Normalzustand verwandelt.
Theo Baker, der im Juni 2026 seinen Abschluss an der Stanford University macht, gehört zum ersten Jahrgang, der sein gesamtes Studium parallel zu ChatGPT durchlaufen hat. Der Chatbot erschien rund zwei Monate nach seinem Studienbeginn im Herbst 2022. In einem Gastbeitrag für die New York Times beschreibt Baker, wie generative KI eine bereits angeschlagene Integritätskultur an der Eliteuniversität endgültig kippen ließ.
"Just a little bit of fraud"
Schon vor Bakers Ankunft sei Stanfords Ruf belastet gewesen, durch Skandale um Theranos-Gründerin Elizabeth Holmes, Krypto-Betrüger Do Kwon und die Juul-Gründer. ChatGPT habe Täuschung dann "einfacher und lukrativer als je zuvor" gemacht. Eine Kommilitonin habe das Campus-Klima auf die Formel "just a little bit of fraud" gebracht, "nur ein bisschen Betrug eben", als sie über nicht zurückgegebene Sponsoren-Hardware ihres Studentenclubs sprach. Baker übernimmt die Wendung als Leitmotiv für seinen Jahrgang.
Konkret heißt das laut Baker: Kommilitonen veruntreuten Wohnheim-Gelder, gaben Covid-Infektionen vor, um UberEats-Guthaben zu kassieren, und unterschrieben Erklärungen, ChatGPT nicht genutzt zu haben, während das Tool im Nachbarfenster geöffnet war. Eine solche Erklärung habe ein Kommilitone auf der Sonnenliege einer von Risikokapitalgebern finanzierten Yacht-Party signiert. In einer campusweiten Umfrage im dritten Studienjahr gaben 49 Prozent von 849 befragten Informatikstudenten an, lieber bei einer Prüfung zu betrügen, als durchzufallen.
Als prominentestes Beispiel führt Baker einen Plagiatsskandal an: Stanford-Studenten hätten ein Paper veröffentlicht, das einen angeblichen KI-Durchbruch beschrieb, in Wahrheit aber ein gestohlenes chinesisches Modell war.
Im April 2026 habe Stanford schließlich beaufsichtigte Präsenzprüfungen wieder eingeführt, eine Praxis, die mehr als ein Jahrhundert lang als Verletzung des Ehrenkodex galt. Die meisten Klausuren würden nun wieder handschriftlich in sogenannten Blue Books geschrieben.
Anreize zur Unehrlichkeit
Baker führt die Täuschungskultur auf verschobene Anreizstrukturen zurück. Ein Stanford-Informatikabschluss garantiere keine Einstiegsstelle mehr, weil Sprachmodelle Junior-Entwickler ersetzten. Gleichzeitig flössen riesige Summen in sogenannte Wrapper-Startups, die fremde Modelle nur neu verpacken: Perplexity habe im April 2024 eine Milliardenbewertung erreicht, im September 2025 bereits 20 Milliarden US-Dollar. Wenn die Mitbewohnerin nebenbei erwähne, sie habe sich "aus Steuergründen" ein Haus in Las Vegas gekauft, falle es schwer, sich wieder den Hausaufgaben zuzuwenden.
Bakers Argumentation läuft auf eine sich selbst verstärkende Dynamik hinaus: Wer den Arbeitsmarkt für Junior-Entwickler verschlossen sieht und gleichzeitig beobachtet, wie aussteigende Kommilitonen mit KI-Startups über Nacht reich werden, für den werde Bildung zur Nebensache. Wer ohnehin Abkürzungen nehme, greife auch beim Studium zu Abkürzungen, eben "nur ein bisschen Betrug". ChatGPT liefert dafür das passende Werkzeug. Studierende nennen OpenAIs Modell vertraut "Chat" und konsultierten es mehrfach täglich, auch für persönliche Entscheidungen. Frühe Forschung deute darauf hin, dass dies die eigene kognitive Belastbarkeit reduziere.
Bakers Fazit: Die Hochschulen seien auf die KI-Revolution nicht vorbereitet gewesen, gefangen zwischen klassischer Bildung und einer Zukunft, in der Menschen kein Monopol mehr auf Intelligenz hätten.
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