Seltenerd-Machtkampf: Europa unter Druck

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Seltene Erden halten die Industrieländer seit Oktober 2025 in Atem. Die chinesische Bekanntmachung Nr. 61/2025 sieht vor, dass ab 1. Dezember 2025 jedes Produkt weltweit, in dem mehr als 0,1 Prozent Seltene Erden chinesischer Herkunft stecken, eine Exportlizenz aus Peking braucht.

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Die EU-Kammer in der Volksrepublik hat im April 2026 vor „beispiellosem Schaden“ für die europäische Wirtschaft gewarnt. Diese Stoffgeschichte erzählt, wie 17 Metalle, die keiner aussprechen kann, zum schärfsten Druckmittel der Weltpolitik geworden sind.

Das Wichtigste in Kürze

  • 17 chemische Elemente bilden die Gruppe der Seltenen Erden. Die meisten kommen häufiger vor als Kupfer, aber abbauwürdige Konzentrationen sind tatsächlich selten.
  • China fördert laut USGS 69 Prozent der weltweiten Jahresmenge und kontrolliert rund 90 Prozent der Veredelung, bei den schweren Seltenen Erden sogar 99 Prozent.
  • Permanentmagnete aus Neodym, Praseodym und Dysprosium treiben Elektroautos, Windräder, Kampfjets und Festplatten an. Ohne diese 17 Elemente steht jede moderne Volkswirtschaft still.
  • Die EU will bis 2030 mindestens 25 Prozent ihres Bedarfs aus Recycling decken. Der erste deutsche Recyclingstandort von HyProMag in Bitterfeld nimmt 2026 den Betrieb auf.
  • Die anstehende 0,1-Prozent-Regel macht Chinas Exportkontrolle erstmals extraterritorial. Deutsche KMU müssen jetzt Lagerhaltung, Substitution und Diversifizierung neu denken.

Was sind Seltene Erden und wie entstehen sie?

Silberfarbener Metallblock mit Spiegelung und Schattenwurf auf weißem GrundSeltene Erden sind 17 Metalle: die 15 Lanthanoide Lanthan bis Lutetium sowie Scandium und Yttrium. Der Name aus dem 18. Jahrhundert ist irreführend

Die Seltenen Erden sind eine Gruppe von 17 Metallen am unteren Rand des Periodensystems. Dazu gehören die 15 Lanthanoide von Lanthan bis Lutetium sowie Scandium und Yttrium. Der Name stammt aus dem 18. Jahrhundert, als Chemiker die Oxide für selten gehalten und sie als „Erden“ bezeichnet haben.

Beide Annahmen sind falsch geblieben. Cer kommt häufiger vor als Kupfer, und keines der 17 Elemente ist eine Erde, sondern ein silbergraues, an der Luft schnell anlaufendes Metall.

Die Selten-Erd-Metalle lassen sich grob in zwei Klassen aufteilen. Leichte Seltene Erden umfassen Lanthan, Cer, Praseodym, Neodym, Samarium und Europium. Schwere Seltene Erden reichen von Gadolinium bis Lutetium und schließen das knappe Dysprosium und Terbium ein. Schwer bedeutet hier doppelt: Atommasse höher, Vorkommen seltener.

Eine Tonne Bayan-Obo-Erz enthält etwa 50 Kilogramm Cer, aber nur 100 Gramm Dysprosium. Diese Asymmetrie macht jede Mine wirtschaftlich abhängig vom Verkauf des gesamten Mixes.

Die Entstehung der Seltenen Erden reicht 4,5 Milliarden Jahre zurück. Diese Elemente sind Produkte stellarer Nukleosynthese, also der Fusion in alten Sternen vor der Entstehung unseres Sonnensystems. Die heute abbaubaren Konzentrationen sind durch karbonatitischen Magmatismus, hydrothermale Prozesse und Verwitterung über Millionen Jahre entstanden.

Vier Mineralien decken laut Bundestag-Sachstand 95 Prozent des Marktes ab: Bastnäsit, Monazit, Lateritton und Loparit. Letzterer kommt nur in Russland vor.

Die Reserven sind nach Schätzungen des US Geological Survey ungleich verteilt. China sitzt auf 44 Millionen Tonnen Seltenerdoxid-Äquivalent, knapp die Hälfte der weltweiten Reserven von 90 Millionen Tonnen. Brasilien folgt mit 21 Millionen Tonnen, dann Vietnam, Russland und Indien. Australien und die USA liegen unter zwei Millionen Tonnen. Vier der fünf Länder mit den größten Vorkommen fördern allerdings kaum.

Die Lagerstätte Bayan Obo in der Inneren Mongolei umfasst rund 83 Prozent der chinesischen Reserven auf einer Fläche von gerade einmal zehn Quadratkilometern und gilt damit als größtes Selten-Erd-Vorkommen der Welt.

LandReserven (Mio. t REO)Förderung 2024 (t REO)Anteil Förderung
China44,0270.00069,2 %
Brasilien21,0unter 100unter 0,1 %
Vietnam3,53000,1 %
Russland3,82.5000,6 %
Indien6,92.9000,7 %
USA1,845.00011,5 %
Australien5,713.0003,3 %
Myanmarn. a.31.0007,9 %

Quelle: USGS Mineral Commodity Summaries 2025, eigene Berechnung.

Die Förderkosten spalten den Markt. Chinesische Tagebaue in Bayan Obo kalkulieren mit etwa 20 Euro pro Kilogramm leichter Seltener Erden. Mountain Pass in Kalifornien liegt nach Angaben von MP Materials bei 35 bis 40 Euro. Schwere Seltene Erden aus den südchinesischen Ionenadsorptionstonen kosten in der Herstellung wenige Cent pro Kilogramm, im Verkauf aber das Zehntausendfache.

Dieser Preisunterschied ist die wirtschaftliche Mauer, an der jeder westliche Wettbewerber seit Jahren scheitert.

Wer entdeckte die Seltenen Erden und wie begann der Rausch?

Beige-oranger Glühstrumpf in Netzform hängt an einem Metalldraht vor weißem GrundDer Glühstrumpf von 1885 war die erste Industrieanwendung Seltener Erden und hat Carl Auer von Welsbach reich gemacht.

Die Geschichte beginnt 1787 in einem schwedischen Dorf namens Ytterby. Der Hauptmann Carl Axel Arrhenius hat in einer Feldspatgrube einen schwarzen Stein gefunden, den die Chemiker später Gadolinit getauft haben.

Aus diesem Mineral haben die Chemiker des 19. Jahrhunderts in mühsamer Kleinarbeit gleich sieben Elemente herauspräpariert, vier davon tragen den Ortsnamen Ytterby: Yttrium, Ytterbium, Terbium und Erbium. Kein anderer Flecken Erde hat dem Periodensystem so viele Namen geschenkt.

Den industriellen Aufbruch verdanken die Seltenen Erden dem Wiener Chemiker Carl Auer von Welsbach. 1885 hat er in seinem Laboratorium gleich zwei neue Elemente isoliert, Praseodym und Neodym, was übersetzt „lauchgrüner Zwilling“ und „neuer Zwilling“ bedeutet. Im selben Jahr hat Auer von Welsbach den Glühstrumpf entwickelt, ein mit Thorium- und Ceroxid getränktes Baumwollgewebe, das in der Gasflamme grell leuchtet. Patentiert hat er das Verfahren 1891.

Der Glühstrumpf war die erste Energiesparlampe der Welt und hat Auer von Welsbach reich gemacht. Wenige Jahre nach der Patentierung hat er die Treibacher Chemischen Werke in Kärnten gegründet, die noch heute zu den führenden Verarbeitern Seltener Erden in Europa gehören.

Aus den Treibacher Werken stammte auch der Zündstein im Feuerzeug. Auer von Welsbach hat dafür Cer mit Eisen legiert, das sogenannte Auermetall, und damit den Weltmarkt erobert. Bis heute steckt in jedem Wegwerffeuerzeug ein Tropfen Erbschaft des österreichischen Chemikers.

Die Inschrift auf seinem Denkmal bringt die Bedeutung auf den Punkt: „Plus Lucis. Aus seltenen Erden und Metallen schuf sein forschender Geist das Gasglühlicht, die elektrische Osmiumlampe, das funkensprühende Cereisen.“

Die Frühphase der industriellen Förderung lag bis in die 1950er Jahre in Brasilien und Indien, vor allem in den Monazitsanden an den Küsten. Diese Sande haben aber radioaktives Thorium enthalten, was nach der Atomwaffenangst der Nachkriegszeit zunehmend problematisch geworden ist. In den 1960er Jahren hat Mountain Pass in der Mojave-Wüste Kaliforniens die Führung übernommen. Bis 1985 hat Mountain Pass den Weltmarkt dominiert.

Den Wendepunkt hat ein einziger Satz markiert. 1992 hat Deng Xiaoping auf einer Tour durch die südlichen Provinzen verkündet: „Der Nahe Osten hat Öl, China hat Seltene Erden.“ Diese Worte sind nicht zufällig gewählt gewesen. Diese Worte waren der Startschuss für eine systematische Industriepolitik, die innerhalb von zwei Jahrzehnten den Westen vom Markt verdrängt hat.

Mit Subventionen, niedrigen Umweltauflagen, billigem Strom und Dumpingpreisen haben chinesische Förderer Mountain Pass 2002 in die Insolvenz getrieben. Ein Abwasserskandal um eine Pipeline-Leckage hatte den Niedergang 1997 schon eingeleitet. Heute fördert China laut USGS mehr als das Sechsfache der USA, obwohl die amerikanischen Reserven kein limitierender Faktor wären.

Wie wurde China zum unverzichtbaren Lieferanten?

Ein roter ISO-Standard-Frachtcontainer mit chinesischer Flagge isoliert auf WeißLieferkette unter Lizenz: Chinas 0,1-Prozent-Regel macht ab Dezember 2026 jeden weltweiten Selten-Erd-Export zum Genehmigungsfall.

Kolonialer Zugriff. Die ersten westlichen Versuche, in chinesische Selten-Erd-Lagerstätten einzudringen, datieren auf die 1980er Jahre. Westliche Konzerne wie Rhône-Poulenc, Molycorp und IG-Farben-Nachfolger haben Joint Ventures angeboten, sind aber konsequent von chinesischen Behörden ausgebremst worden.

Die Volksrepublik hat ausländische Beteiligung an Förder- und Verarbeitungsbetrieben nie zugelassen. Stattdessen hat Peking sich Schritt für Schritt selbst Förderrechte im Ausland gesichert, in Afrika, Lateinamerika und zuletzt in Grönland.

Grenzziehungen und Verstaatlichungen. Bayan Obo ist seit 1957 in staatlicher Hand. Die Förderung läuft über die China Northern Rare Earth Group, ein Tochterunternehmen des Staatsmolochs Baogang Group. Schwere Seltene Erden aus Südchina werden über die China Rare Earth Group koordiniert, gegründet 2021 als Zusammenschluss dreier Staatsbetriebe.

Das Quotensystem für Förderung und Verarbeitung wird jährlich vom Handelsministerium MOFCOM festgelegt, 2024 lag die Quote bei 270.000 Tonnen.

Senkaku, das Lehrstück. Im September 2010 hat ein chinesischer Trawler in den Gewässern um die Senkaku-Inseln zwei japanische Patrouillenboote gerammt. Die japanische Küstenwache hat den Kapitän festgenommen. Pekings Reaktion war prompt: Über acht Wochen sind keine Seltenen Erden mehr nach Japan exportiert worden. Die Preise sind binnen Tagen um den Faktor 30 explodiert.

Japan war damals zu 90 Prozent von chinesischen Lieferungen abhängig und hat die Lektion verstanden. Heute liegt diese Quote bei 60 Prozent. Recycling, Substitution, Tiefseeexploration vor Minamitorishima und Förderprojekte in Vietnam haben die Quote in 15 Jahren halbiert. Europa hat in dieser Zeit Strategiepapiere geschrieben.

Kartelle und Quasimonopol. Wie die NZZ am 1. September 2025 berichtet hat, beobachtet Peking jede westliche Reduktionsbemühung mit Argwohn. Die Branche ist heute in der Volksrepublik nahezu vollständig konsolidiert, vergleichbar mit der Ölbranche Saudi-Arabiens in den 1970er Jahren.

Sechs Staatskonzerne kontrollieren über 80 Prozent der globalen Veredelung. Eine im Jahr 2024 in Vietnam geschlossene Raffinerie war bis dahin die einzige nennenswerte Alternative zur chinesischen Verarbeitung. Seitdem ist die Veredelung praktisch ein 99-Prozent-Monopol bei schweren Seltenen Erden.

Aktuelle Konflikte. Die Geopolitik hat sich seit April 2025 dramatisch verschärft. Als Reaktion auf US-Zölle der zweiten Trump-Administration hat China Endverbleibserklärungen für sieben Selten-Erd-Metalle und Permanentmagnete eingeführt. Genehmigungen sollen laut MOFCOM innerhalb von 45 Tagen vorliegen, faktisch dauert die Bearbeitung nach Angaben der IHK Region Stuttgart aktuell deutlich länger.

Im Oktober 2025 hat China mit Bekanntmachung Nr. 61/2025 die Daumenschrauben weiter angezogen. Die geplante 0,1-Prozent-Regel, eigentlich ab 1. Dezember 2025 wirksam, ist bis 1. Dezember 2026 ausgesetzt worden. Die Verschnaufpause ist genau zwölf Monate lang.

Die Vereinigten Staaten haben mit massiven Gegenmaßnahmen reagiert. Das US-Verteidigungsministerium hält seit 2024 direkte Anteile an MP Materials, dem Betreiber von Mountain Pass, und garantiert eine Preisuntergrenze für Neodym-Praseodym-Oxid. Ab Januar 2027 dürfen in der gesamten US-Verteidigungslieferkette laut Fidelity Analystenumfrage keine chinesischen Komponenten mehr verbaut werden.

Lynas in Australien und Iluka in Westaustralien bauen Trennanlagen mit milliardenschweren staatlichen Bürgschaften auf. Selbst Grönland steht im Visier amerikanischer Übernahmestrategien, weil die Kvanefjeld-Lagerstätte zu den größten unerschlossenen Selten-Erd-Vorkommen der Welt zählt. Die Parallelen zur Halbleiter-Geopolitik liegen auf der Hand. Wer das Spiel um Taiwan verstehen will, kommt an unserer Stoffgeschichte zu Silizium nicht vorbei.

Warum hängt die Weltwirtschaft an 17 Elementen?

Drei gestapelte Metallteile (Ring, Scheibe, Würfel) auf weißem Grund29 Prozent der globalen Selten-Erd-Nachfrage gehen in Permanentmagnete, das wichtigste Anwendungsfeld weltweit.

Größenordnung. 390.000 Tonnen Seltenerdoxid haben die weltweiten Minen 2024 gefördert. Klingt nach wenig im Vergleich zu 2,9 Milliarden Tonnen Kupfererz oder fünf Milliarden Tonnen Kohle. Der Unterschied liegt in der Unersetzbarkeit.

In einem F-35 Kampfjet stecken laut Center for Strategic and International Studies 400 Kilogramm Selten-Erd-Metalle, in einem Arleigh-Burke-Zerstörer 2.358 Kilogramm, in einem Virginia-Klasse-U-Boot 4.173 Kilogramm. Eine Tomahawk-Cruise-Missile braucht Yttrium-Aluminium-Granat-Kristalle für das Zielsuchsystem.

Kein Lithium, kein Kupfer, kein Kobalt der Welt taugt als Ersatz.

Verbrauchsstruktur. 29 Prozent der globalen Selten-Erd-Nachfrage entfallen auf Permanentmagnete, vor allem aus Neodym-Eisen-Bor und Samarium-Kobalt. 20 Prozent gehen in Katalysatoren der Petrochemie und der Abgasreinigung, 14 Prozent in Polituren, neun Prozent in Metallurgie und Legierungen, acht Prozent in Batterien und Gläser.

Die magnetbezogene Nachfrage wächst laut Deutscher Rohstoffagentur DERA bis 2030 jährlich um sechs Prozent. Die EU-Kommission erwartet bis 2030 eine Versechsfachung des europäischen Bedarfs, bis 2050 eine Versiebenfachung.

Handelswege. Die Lieferketten verlaufen fast ausschließlich über China. Selbst Förderungen aus Australien (Lynas Mount Weld) oder den USA (Mountain Pass) wandern derzeit zum Großteil zur Weiterverarbeitung nach China oder Malaysia, weil außerhalb Asiens kaum Trennkapazitäten existieren.

Die Knotenpunkte sind die Häfen von Tianjin, Lianyungang und Shanghai für Export sowie Rotterdam und Hamburg für die europäische Einfuhr.

Deutsche Abhängigkeit. Die Bundesrepublik hat 2023 nach Angaben des Statistischen Bundesamts 314,4 Tonnen Seltene Erden importiert, davon fast die Hälfte aus China. Indirekt ist die Quote deutlich höher: In jeder importierten Festplatte aus Vietnam, jedem Elektromotor aus Tschechien, jedem japanischen Hybridfahrzeug stecken chinesische Magnete.

Die Bundesregierung beziffert die kritische Abhängigkeit auf praktisch alle 17 Elemente. Die deutsche Industrie hat 2025 bereits Lieferengpässe gemeldet. Ein süddeutscher Magnethersteller hat im Mai 2025 die Produktion gedrosselt, weil chinesische Endverbleibserklärungen für deutsche Bestellungen verweigert worden sind.

Was steckt alles in Seltenen Erden außer dem Offensichtlichen?

Ein schwarzes Smartphone liegt schräg mit orange leuchtender Seitenkante auf weißem GrundIn jedem Smartphone steckt rund ein Gramm Seltene Erden, verteilt auf neun verschiedene Elemente.

Wer ein Smartphone in der Tasche trägt, einen Hybridwagen fährt oder ein modernes Hörgerät benutzt, hängt von Seltenen Erden ab. Die folgende Tabelle zeigt, in welchen Alltagsprodukten welche Mengen stecken.

ProduktEnthaltene Selten-Erd-ElementeMenge
iPhone (16 Pro)Neodym, Dysprosium, Praseodym, Terbium, Yttrium, Europium, Gadolinium, Lanthan, Cerrund 1 Gramm
Festplatte (3,5 Zoll)Neodym, Dysprosium10 bis 20 Gramm
Elektroauto (BEV-Permanentmagnetmotor)Neodym, Praseodym, Dysprosium1 bis 2 Kilogramm
Hybridfahrzeug (Toyota Prius)Lanthan im NiMH-Akku, Neodym im Motorbis zu 20 Kilogramm
Windrad mit Direktantrieb (5 MW)Neodym, Dysprosiumbis zu 1 Tonne
MRT-Gerät (Klinik)Neodym, Dysprosium600 bis 1.500 Kilogramm
Tomahawk-MarschflugkörperYttrium, Neodym, Samariummehrere Kilogramm
LED-Lampe (warmweiß)Europium, Terbium, Yttriumwenige Milligramm
EnergiesparlampeEuropium, Yttrium1 bis 2 Milligramm
WegwerffeuerzeugCer (im Auer-Metall)unter 0,1 Gramm
Brillenglas (entspiegelt)Cer (als Polierstoff)unter 1 Gramm
Katalysator (Pkw)Cer, Lanthan50 bis 200 Gramm

Quelle: BGR, DERA, Statista, Center for Strategic and International Studies.

Die Pointe der Tabelle liegt im Vergleich. Ein Brillenglas braucht Cer, weil sonst die letzten optischen Mikrokratzer beim Polieren nicht herausgehen. Ein autonom fliegender Kampfjet braucht Neodym, weil sonst die Servomotoren der Steuerflächen nicht ausreichend Drehmoment liefern.

Beide Anwendungen sind ohne Seltene Erden technisch nicht möglich, weder einzeln noch in Summe.

Wie setzt sich der Preis eines Neodym-Magneten zusammen?

Eine Balkenwaage aus Messing mit einem Metallwürfel in der rechten Schale steht auf weißem Hintergrund86 Euro pro Kilogramm: Wie sich der Preis eines Neodym-Magneten zusammensetzt und warum Distributoren bei Preissenkungen langsam sind.

Wer einen N52-Neodym-Magneten von einem Kilogramm Gewicht im Großhandel kauft, zahlt im Juni 2026 zwischen 70 und 95 Euro. Vor zwölf Monaten lag der Preis noch bei 35 bis 50 Euro. Die Verdopplung hat seit Chinas Exportkontrollen vom April 2025 stattgefunden. Doch der Endpreis verteilt sich auf viele Hände.

PostenAnteilEuro je kg
Rohstoff Neodymoxid (29 % Anteil im Magnet)32 %28,00 €
Rohstoff Praseodymoxid (4 % Anteil)5 %4,50 €
Rohstoff Dysprosium (1 % Anteil, schwer SE)14 %12,00 €
Eisen, Bor und Hilfsstoffe3 %2,50 €
Reduktion zu Metall8 %7,00 €
Sintern und Magnetisieren12 %10,00 €
Beschichtung (Nickel)5 %4,00 €
Transport und Versicherung4 %3,50 €
Zoll und Aufschläge6 %5,00 €
Marge Handel11 %9,50 €
Endpreis im Großhandel100 %86,00 €

Quelle: Eigene Berechnung auf Basis Shanghai Metals Market, Statista, Großhandelsangebote deutscher Distributoren. Stand: April 2026.

Die Asymmetrie zeigt sich beim Vergleich der Preisbewegungen. Sobald China Quoten senkt, steigt der Endpreis innerhalb von Wochen. Sobald China den Markt flutet, sinken die Endpreise im Magnethandel aber nur langsam, weil Distributoren ihre Margen schützen. Genau dieses Spiel hat Peking laut Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) über zwei Jahrzehnte gespielt, um neue Minenprojekte unwirtschaftlich zu machen.

Wer verdient an Seltenen Erden und wer zahlt drauf?

Ein Fleck glänzender, orangefarbener, perlmuttartiger Flüssigkeit auf weißem HintergrundDer Bayan-Obo-Bergsee in der Inneren Mongolei ist zehn Quadratkilometer giftiger Schlamm aus der Selten-Erd-Aufbereitung.

Gewinner. Sechs chinesische Staatskonzerne fahren die größten Margen ein: China Northern Rare Earth, Shenghe Resources, China Rare Earth Group, JL MAG, Zhenghai Magnetic und Ningbo Yunsheng.

Hinzu kommen die börsennotierten Westkonzerne MP Materials (USA) und Lynas (Australien), die seit der Preisexplosion 2025 Kursverdopplungen verzeichnet haben. Spekulanten an der Shanghai Futures Exchange profitieren ebenfalls.

Verlierer. Deutsche Mittelständler, vor allem Magnetbauer, Spezialmaschinenbauer und Automobilzulieferer, zahlen die Zeche. Wer eigene Lager nicht rechtzeitig aufgebaut hat, zahlt Spotmarktpreise.

Wer auf Verträge mit chinesischen Lieferanten gesetzt hat, hängt an Endverbleibserklärungen mit 45-Tage-Genehmigungsfrist und einer politischen Stimmungslage in Peking, die niemand kontrolliert.

Lokale Bevölkerungen in den Fördergebieten zahlen den höchsten Preis. Der Bayan-Obo-Bergsee ist eine künstliche Halde aus radioaktiven Abfällen der Selten-Erd-Aufbereitung, rund zehn Quadratkilometer groß und so giftig, dass die Bevölkerung des nahen Dorfes Dalahai laut chinesischen Quellen seit den 1980er Jahren erhöhte Krebsraten meldet.

Im südchinesischen Ganzhou und in den Kachin-Staaten Myanmars haben informelle Ionenaustausch-Förderer mit Ammoniumsulfat ganze Hügelketten in giftige Schlammbecken verwandelt. Schwere Seltene Erden, die in jedem europäischen Windrad stecken, kommen zu einem erheblichen Teil aus diesen Gebieten.

Seltene Erden sind der unsichtbare Hebel der Geopolitik. Wer die Magnete kontrolliert, kontrolliert die Energiewende, die Verteidigung und die Digitalisierung gleichzeitig. China hat das verstanden, Europa hat zwanzig Jahre lang Strategiepapiere geschrieben. Diese Rechnung kommt jetzt zurück.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Ressourcenfluch. Myanmar liefert ein bitteres Lehrstück. Die Kachin-Region produziert seit 2018 große Mengen schwere Seltene Erden, die nach China verschifft und dort raffiniert werden. Der Erlös fließt in den Militärrat, der die Bevölkerung unterdrückt.

Die Parallele zu Erdöl und Petrostaaten ist offensichtlich. Wer mehr darüber wissen will, wie Rohstoffe Regime stützen, findet die längere Erzählung in unserer Stoffgeschichte zu Erdöl. Norwegen ist auch hier das Gegenbeispiel: Der Staatsfonds investiert in Seltenerd-Recycling, ohne eigene Bergbauambitionen zu pflegen.

Wie mächtig ist die Seltenerd-Lobby?

Stapel alter Akten mit Schnur und rotem Lacksiegel vor weißem HintergrundStrategiepapiere statt Industriepolitik: Die EU verfolgt mit dem Critical Raw Materials Act seit 2024 freiwillige Benchmarks, ohne Sanktionsmechanismus.

Chinesische Subventionen. Die Volksrepublik subventioniert die Selten-Erd-Branche auf mehreren Ebenen. Zum einen über Mehrwertsteuer-Rückerstattungen für Exporte raffinierter Magnete. Zum anderen über vergünstigte Industriestrompreise in den Standortprovinzen und über staatliche Forschungsprogramme.

Eine offizielle Subventionssumme veröffentlicht Peking nicht. Die OECD schätzt das Volumen auf jährlich mehrere Milliarden Euro.

EU Critical Raw Materials Act. Die EU-Kommission hat am 3. Mai 2024 den Critical Raw Materials Act in Kraft gesetzt. Die Verordnung verankert vier Benchmarks bis 2030: 10 Prozent des EU-Bedarfs sollen aus europäischem Bergbau stammen, 40 Prozent aus europäischer Verarbeitung, 25 Prozent aus europäischem Recycling.

Aus einem einzelnen Drittland dürfen höchstens 65 Prozent eines strategischen Rohstoffs bezogen werden. Bei Seltenen Erden liegt der Anteil chinesischer Importe in der EU laut Bundeswirtschaftsministerium aktuell deutlich über dieser Grenze. Die Benchmarks sind freiwillig. Strafen sind nicht vorgesehen.

US Defense Production Act. Das Pentagon hat seit 2020 mehr als 439 Millionen US-Dollar (rund 405 Millionen Euro) in Selten-Erd-Lieferketten investiert. MP Materials hat 9,6 Millionen Dollar für eine Trennanlage in Kalifornien erhalten, weitere 35 Millionen für eine Anlage zur Verarbeitung schwerer Seltener Erden.

Die US-Regierung hat 2024 sogar Aktienanteile an MP Materials erworben. Die Preisuntergrenze für Neodym-Praseodym-Oxid liegt laut Fidelity bei 110 Dollar pro Kilogramm.

Deutsche Förderpolitik. Die Deutsche Rohstoffagentur DERA berät die Industrie, fördert Explorationsprojekte aber kaum. Der Bundestag hat 2024 einen Strategiefonds für kritische Rohstoffe in Höhe von einer Milliarde Euro beschlossen, dessen Auszahlung sich bis 2026 verzögert hat.

Die HyProMag GmbH in Bitterfeld, eine Tochter des britischen HyProMag-Konsortiums, baut den ersten kommerziellen Magnetrecycling-Standort Europas und nimmt 2026 den Betrieb auf. Das Recycling-Volumen soll bis 2027 rund 100 Tonnen pro Jahr erreichen, gemessen am EU-Bedarf von rund 4.000 Tonnen Neodym ist das ein Tropfen.

Lobby-Mechanik. Die Selten-Erd-Branche wirbt international mit dem Framing „kritischer Rohstoff für die Energiewende“. Das Framing ist faktisch richtig, blendet aber die Umweltkosten der Förderung und die Möglichkeit der Substitution aus. Tesla hat im März 2023 angekündigt, künftige Permanentmagnetmotoren ohne Seltene Erden zu fertigen.

Die Ankündigung hat den Marktpreis für Neodym kurzfristig um 15 Prozent gedrückt, ist bis heute aber nicht in Serienreife umgesetzt worden. Die Lobbyarbeit auf beiden Seiten, Selten-Erd-Befürworter und Substitutions-Befürworter, ist erbittert.

Wie kommen wir von Chinas Seltenen Erden los?

Ein zerbrochener runder Magnet und ein kleiner magnetischer Würfel auf weißem UntergrundRecycling deckt aktuell unter einem Prozent des globalen Selten-Erd-Bedarfs. HyProMag in Bitterfeld will das 2026 ändern.

Substitution. In der Elektromobilität gibt es erste seltenerdfreie Motoren. BMW setzt im iX3 auf eine fremderregte Synchronmaschine ohne Neodym. ZF Friedrichshafen hat ähnliche Antriebe für Tier-1-Zulieferer entwickelt. Bei Windkraft verzichtet Enercon traditionell auf Permanentmagnete und nutzt fremderregte Ringgeneratoren.

Nordex und Vestas dagegen setzen weiterhin auf Direktantriebe mit Neodym. Die Substitution ist sektoral möglich, kostet aber Wirkungsgrad und Bauraum.

Recycling. Der Anteil zurückgewonnener Seltener Erden lag laut UNEP 2024 weltweit unter einem Prozent. Erste Erfolge zeigen sich bei Magneten aus Festplatten, Elektromotoren und MRT-Geräten. HyProMag in Bitterfeld nutzt das Hydrogen Processing of Magnet Scrap-Verfahren, mit dem sich Neodym aus alten Festplatten direkt als Magnetpulver zurückgewinnen lässt. In Frankreich betreibt Carester eine ähnliche Anlage, Solvay in La Rochelle hat 2024 die Magnet-Recyclinglinie wiedereröffnet, nachdem sie 2016 stillgelegt worden war.

Rückgewinnung aus Industrieabwässern. Forscher des Deutschen Textilforschungszentrums Nord-West in Krefeld haben 2024 einen mit Polyacrylsäure beladenen Filz entwickelt, der Lanthan aus Rheinwasser bindet. Das Pilotprojekt produziert wenige Kilogramm pro Jahr, zeigt aber, dass Lanthan in deutschen Flüssen tatsächlich messbar vorkommt, vermutlich aus dem Reinigungsmittel- und Katalysatorabrieb der Industrie.

Geologisches Potenzial in Deutschland. Die Lagerstätte Storkwitz in Nordsachsen hat 2012 die Hoffnung geweckt, dass auch Deutschland Selten-Erd-Förderung betreiben könnte. Mit 20.100 Tonnen Reserven und Gehalten von 0,48 Prozent ist die Lagerstätte aber zu klein und zu unwirtschaftlich.

2015 hat die Ceritech AG die Explorationsrechte ans Sächsische Oberbergamt zurückgegeben. In Bayern arbeitet das Landesamt für Umwelt seit 2011 an Tonmineral-gebundenen Vorkommen, eine kommerzielle Förderung ist bisher nicht erreicht.

Tiefseeerze. Japan hat 2018 vor der Insel Minamitorishima eine Lagerstätte mit etwa 16 Millionen Tonnen Seltenerdmetallen entdeckt, vor allem Dysprosium.

Der Abbau erfolgt 5.500 Meter unter Wasser und kostet zwei- bis fünfmal mehr als terrestrische Förderung. 2026 hat ein Probeabbau von 35 Tonnen begonnen. Die KU Leuven schätzt, dass Europa bis 2050 sieben- bis 26-mal mehr Selten-Erd-Metalle braucht, als heute. Recycling allein wird das nicht decken.

Realismus. Eine vollständige Loslösung von chinesischen Seltenen Erden ist bis 2030 unmöglich. Eine Reduzierung der Abhängigkeit auf 30 bis 40 Prozent gilt unter Branchenkennern als optimistisch erreichbar.

Das ZEW-Metallmarktmodell METRO prognostiziert, dass China bei leichten Seltenen Erden bis Ende dieses Jahrzehnts seinen Monopol-Aufschlag verlieren wird. Bei schweren Seltenen Erden bleibt die Vormachtstellung bis Mitte der 2030er Jahre bestehen.

Was bedeutet die 0,1-Prozent-Regel für deutsche Unternehmen?

Laufende Sanduhr mit orangefarbenem Sand vor weißem HintergrundDie Verschnaufpause endet am 1. Dezember 2026. Wer bis dahin nicht vorgesorgt hat, zahlt 2027 die Rechnung.

Die 0,1-Prozent-Regel ist die schärfste Verschärfung der chinesischen Exportkontrollen seit Beginn der Maßnahmen 2010. Ab 1. Dezember 2026 braucht jedes Produkt weltweit, in dem mehr als 0,1 Prozent der 13 betroffenen Seltenen Erden chinesischer Herkunft stecken, eine chinesische Exportlizenz. Das gilt für einen Festplattenexport von Vietnam nach Deutschland genauso wie für einen Elektromotor aus Polen nach Mexiko. Die Regel ist extraterritorial. Damit wird das chinesische Handelsministerium zur globalen Genehmigungsbehörde.

Konkret für deutsche KMU bedeutet das drei Pflichtaufgaben. Erstens lückenlose Lieferkettentransparenz bis zum Rohstoff. Zweitens Endverbleibserklärungen vom Hersteller bis zum Käufer. Drittens Lizenzanträge für jeden Exportvorgang aus Drittländern. Wer ein Produkt mit deutschem Magnet, kanadischem Stahl und vietnamesischer Endmontage in die USA verkauft, muss in Peking einen Antrag stellen.

Drei Szenarien sind für die kommenden zwölf Monate denkbar.

SzenarioWahrscheinlichkeitFolgen für deutsche KMU
Lockerung (USA-China-Deal vor Dezember 2026)25 %Preise sinken um 15 bis 25 %, Lizenzaufwand entspannt, Investitionen in Alternativen verlangsamen
Status quo (0,1-%-Regel tritt in Kraft, aber Genehmigungen laufen)45 %Preise bleiben hoch, Lizenzaufwand massiv, Lieferzeiten 3 bis 6 Monate, KMU brauchen 6-Monats-Lager
Eskalation (Vollblockade einzelner Länder, Taiwan-Krise)30 %Preise verdoppeln sich erneut, Lieferengpässe wie 2010, Produktionsstopps in Magnet- und Motorindustrie

Quelle: Eigene Berechnung auf Basis Fidelity Analystenumfrage 2026, Goldman Sachs Commodity Outlook, EU-Kammer in China.

Handlungsempfehlungen für Unternehmer lassen sich auf vier Punkte verdichten. Bestände aufbauen für mindestens sechs Monate Produktionsdauer. Lieferanten außerhalb Chinas qualifizieren, idealerweise in Australien, Frankreich oder den USA, auch wenn der Preis höher liegt. Substitutionsoptionen prüfen, vor allem bei Permanentmagneten. Versicherung gegen Lieferkettenausfälle abschließen, da diese Police seit 2025 als eigenständiges Produkt angeboten wird.

Wer in seiner Produktion an Seltenen Erden hängt, sollte das Thema bis spätestens Herbst 2026 in der Geschäftsleitung priorisieren. Wer sich an die Hoffnung klammert, dass „das schon nicht so schlimm wird“, könnte 2027 mit denselben Argumenten in der Insolvenz sitzen wie die deutsche Elektronikindustrie nach dem China-Schock 2.0 (weiterführender Hintergrund).

Der größere Vergleich liegt auf der Hand. Wie Erdöl in den 1970ern und Lithium in den 2020ern ist auch die Selten-Erd-Krise eine Frage politischer Vorausschau. Wer die Parallelen zur Akkutechnologie vertiefen möchte, findet diese in unserer Stoffgeschichte zu Lithium.

Die zentrale Lehre der drei Stoffgeschichten lautet: Rohstoffe sind nie nur Chemie. Rohstoffe sind Politik.

Glossar: 14 wichtige Fachbegriffe zu Seltenen Erden

Ein offenes, leeres Buch neben einem Metallwürfel auf weißem Untergrund14 Fachbegriffe zu Seltenen Erden, von Bastnäsit bis Yttrium, kompakt erklärt.

Bastnäsit

Bastnäsit ist ein Fluorocarbonatmineral und neben Monazit eines der wichtigsten Erze für leichte Seltene Erden. Der Hauptanteil der weltweiten Förderung in Bayan Obo (China) und Mountain Pass (USA) stammt aus Bastnäsit. Der Selten-Erd-Anteil liegt typischerweise zwischen drei und sechs Prozent des Erzes.

Bayan Obo

Bayan Obo ist die größte Selten-Erd-Lagerstätte der Welt, gelegen in der Inneren Mongolei. Auf einer Fläche von etwa zehn Quadratkilometern liegen rund 83 Prozent der chinesischen Reserven. Betrieben wird die Mine von der China Northern Rare Earth Group, einer Tochter des Staatskonzerns Baogang.

CRMA

CRMA steht für Critical Raw Materials Act, eine EU-Verordnung vom 3. Mai 2024. Die Verordnung legt vier Benchmarks bis 2030 fest: 10 Prozent Bedarfsdeckung aus EU-Bergbau, 40 Prozent aus EU-Verarbeitung, 25 Prozent aus EU-Recycling, maximal 65 Prozent Abhängigkeit von einem Drittstaat.

Dysprosium

Dysprosium ist eine schwere Seltene Erde, die Permanentmagneten Hitzebeständigkeit verleiht. Ohne Dysprosium verlieren Neodym-Eisen-Bor-Magnete oberhalb von 80 Grad Celsius ihre Magnetkraft, was sie für Elektromotoren unbrauchbar macht. China dominiert die globale Förderung zu rund 99 Prozent.

EVE

EVE steht für Endverbleibserklärung. Wer Seltene Erden aus China importieren möchte, muss seit April 2025 angeben, wer das Material am Ende verarbeitet und wofür. Die Erklärung wird in Peking geprüft und kann verweigert werden, was faktisch einem Exportverbot gleichkommt.

HyProMag

HyProMag ist ein britisch-deutsches Recyclingkonsortium, das das Hydrogen Processing of Magnet Scrap-Verfahren großtechnisch umsetzt. Die deutsche Anlage in Bitterfeld geht 2026 in Betrieb und soll 100 Tonnen Neodym pro Jahr aus Altmagneten zurückgewinnen.

Ionenadsorptionston

Ionenadsorptionstone sind tonhaltige Verwitterungsböden, in denen sich schwere Seltene Erden in extrem niedrigen Konzentrationen anreichern. Die Förderung erfolgt durch Auslaugung mit Ammoniumsulfat. Vorkommen liegen fast ausschließlich in Südchina und Myanmar. Diese Lagerstättenart liefert rund 99 Prozent der globalen schweren Seltenen Erden.

Lanthanoide

Lanthanoide umfassen die 15 chemischen Elemente von Lanthan bis Lutetium. Zusammen mit Scandium und Yttrium bilden sie die 17 Seltenen Erden. Ihre chemische Ähnlichkeit macht die Trennung extrem aufwendig und ist einer der Hauptgründe, warum China den Markt dominiert.

Mountain Pass

Mountain Pass ist die einzige aktive Selten-Erd-Mine der USA, gelegen in der Mojave-Wüste Kaliforniens. Bis 2002 war Mountain Pass weltweit führend, ging dann in die Insolvenz, wurde 2017 von MP Materials übernommen und 2024 vom US-Verteidigungsministerium teilweise rekapitalisiert.

Neodym

Neodym ist die wichtigste leichte Seltene Erde. Knapp 30 Prozent der globalen Selten-Erd-Nachfrage entfallen auf die Magnetherstellung, vor allem aus Neodym-Eisen-Bor. Ein Pkw-Elektromotor enthält ein bis zwei Kilogramm Neodym. Carl Auer von Welsbach hat das Element 1885 entdeckt.

Permanentmagnet

Permanentmagnete sind Magnete, die ihre Magnetkraft ohne externe Energiezufuhr behalten. Die stärksten Vertreter bestehen aus Neodym-Eisen-Bor oder Samarium-Kobalt und enthalten Seltene Erden. Diese Magnete sind das Herzstück moderner Elektromotoren, Festplatten, Windkraftgeneratoren und Lautsprecher.

REO

REO steht für Rare Earth Oxide, also Selten-Erd-Oxid. Förder- und Reservezahlen werden international meist in REO-Äquivalenten angegeben, weil Seltene Erden in der Natur fast immer als Oxide vorkommen. Die Umrechnung zwischen Oxid- und Metallgewicht hängt vom jeweiligen Element ab und schwankt zwischen 80 und 90 Prozent.

Sintern

Sintern ist der Hochtemperaturprozess, mit dem Magnetpulver zu kompakten Bauteilen verbacken wird. Die Sintertemperatur für Neodym-Magnete liegt zwischen 1030 und 1080 Grad Celsius. Das Verfahren beansprucht 8 bis 12 Prozent der Magnet-Herstellungskosten und ist energieintensiv.

Yttrium

Yttrium ist eine der 17 Seltenen Erden, obwohl das Element chemisch zur 3. Nebengruppe gehört. Yttrium-Aluminium-Granat-Kristalle dienen als aktives Medium in Hochleistungslasern, etwa in Zielsuchsystemen von Marschflugkörpern. Das Element wurde 1794 entdeckt und nach dem schwedischen Dorf Ytterby benannt.

Häufige Fragen zu Seltenen Erden

Drei metallisch glänzende Würfel unterschiedlicher Größe nebeneinander auf weißem GrundSechs Fragen zu Seltenen Erden, sechs verständliche Antworten zu Förderung, Anwendung und deutscher Abhängigkeit.

Was sind Seltene Erden einfach erklärt?

Seltene Erden sind eine Gruppe von 17 chemischen Elementen am unteren Rand des Periodensystems, konkret die 15 Lanthanoide plus Scandium und Yttrium. Sie sind silbergraue Metalle und unverzichtbar für moderne Hightech-Produkte: Smartphones, Elektroautos, Windräder, MRT-Geräte und Kampfjets brauchen Seltene Erden. China kontrolliert rund 69 Prozent der weltweiten Förderung und etwa 90 Prozent der Verarbeitung.

Sind Seltene Erden wirklich selten?

Nein, der Name ist irreführend. Cer kommt häufiger in der Erdkruste vor als Kupfer, und auch Neodym oder Lanthan sind keine geologischen Raritäten. Selten sind die abbauwürdigen Konzentrationen. Die 17 Elemente liegen meist nur in Spuren in Mineralien wie Bastnäsit oder Monazit vor, und nur in wenigen Lagerstätten weltweit reicht der Gehalt für wirtschaftliche Förderung. Hinzu kommt der enorme Trennaufwand der chemisch sehr ähnlichen Elemente.

Gibt es Seltene Erden in Deutschland?

Ja, aber wirtschaftlich kaum nutzbar. Die Lagerstätte Storkwitz in Nordsachsen enthält rund 20.100 Tonnen Seltenerdoxide, der Gehalt ist mit 0,48 Prozent jedoch zu niedrig für rentablen Abbau. Die Explorationsrechte wurden 2015 zurückgegeben. Forscher haben außerdem Lanthan in messbaren Mengen im Rheinwasser nachgewiesen, vermutlich aus Industrieabwässern. Erste Pilotanlagen filtern dieses Lanthan mit speziellen Polyacrylsäure-Geweben heraus.

Was sind Alternativen zu Seltenen Erden?

Substitution funktioniert teilweise. BMW und ZF Friedrichshafen entwickeln Elektromotoren ohne Neodym, basierend auf fremderregten Synchronmaschinen. Enercon-Windräder kommen seit Jahren ohne Seltene Erden aus. Tesla hat 2023 einen seltenerdfreien Motor angekündigt, ist mit der Serienreife aber im Verzug. Bei MRT-Geräten, Kampfjets und vielen Lasern existiert dagegen keine technisch gleichwertige Alternative.

Wer fördert die meisten Seltenen Erden?

China dominiert die globale Förderung mit 270.000 Tonnen Seltenerdoxid 2024, was rund 69 Prozent der Weltproduktion entspricht. Die USA folgen mit 45.000 Tonnen (11,5 Prozent), dann Myanmar mit 31.000 Tonnen (7,9 Prozent) und Australien mit 13.000 Tonnen (3,3 Prozent). Bei der Veredelung ist die chinesische Dominanz noch ausgeprägter: Rund 90 Prozent der weltweiten Trennanlagen stehen in China.

Warum sind Seltene Erden so wichtig für die Energiewende?

Permanentmagnete aus Neodym, Praseodym und Dysprosium treiben Elektromotoren in Pkw und Windkraftanlagen mit Direktantrieb an. Pro Megawatt Windkraftleistung mit Direktantrieb sind laut Wuppertal Institut rund 200 Kilogramm Neodym verbaut. Lanthan dient als Speicherelektrode in Nickel-Metallhydrid-Akkus von Hybridfahrzeugen. Die EU rechnet bis 2030 mit einer Versechsfachung des Bedarfs, was die geopolitische Brisanz weiter erhöht.

Quellen

Eine Metallspule in O-Form mit Schalter und Anhänger US Geological Survey Mineral Commodity Summaries 2025 zu Seltenen Erden und EU Critical Raw Materials Act dokumentieren strategische Rohstoffpolitik
  • US Geological Survey – Mineral Commodity Summaries 2025, Rare Earths – https://pubs.usgs.gov/periodicals/mcs2025/mcs2025-rare-earths.pdf – besucht am 27.05.2026
  • Europäische Kommission – Critical Raw Materials Act – https://single-market-economy.ec.europa.eu/sectors/raw-materials/areas-specific-interest/critical-raw-materials/critical-raw-materials-act_en – besucht am 27.05.2026
  • Bundesministerium für Wirtschaft und Energie – Der europäische Critical Raw Materials Act – https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Artikel/Industrie/critical-raw-materials-act.html – besucht am 27.05.2026
  • Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR/DERA) – Rohstoffsteckbrief Seltene Erden – https://www.deutsche-rohstoffagentur.de – besucht am 27.05.2026
  • Wirtschaftskammer Österreich – Chinesische Exportkontrollen für kritische Rohstoffe und Industriemagnete – https://www.wko.at/aussenwirtschaft/china-exportkontrollen-rohstoffe – besucht am 27.05.2026
  • IHK Region Stuttgart – China: Exportkontrolle von Seltenen Erden – https://www.ihk.de/stuttgart/fuer-unternehmen/international/aktuelles/china-exportkontrolle-seltene-erden-6678934 – besucht am 27.05.2026
  • KPMG Klardenker – So sollten Sie auf Chinas neue Exportregeln reagieren – https://klardenker.kpmg.de/seltene-erden-so-sollten-sie-auf-chinas-neue-exportregeln-reagieren/ – besucht am 27.05.2026
  • Handelsblatt – EU-Kammer warnt vor Ausweitung von Chinas Exportkontrollen – https://www.handelsblatt.com/politik/international/seltene-erden-eu-kammer-warnt-vor-ausweitung-von-chinas-exportkontrollen/100216648.html – besucht am 27.05.2026
  • Fidelity – Analystenumfrage 2026 zu Seltenen Erden – https://www.fidelity.de/fidelity-articles/themen-im-fokus/analystenumfrage-2026-seltene-erden-lieferketten-schluesseltechnologie-china/ – besucht am 27.05.2026
  • Statista – Importmenge von Seltenen Erden in Deutschland – https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1345574/umfrage/importmenge-von-seltenen-erden-in-deutschland – besucht am 27.05.2026
  • Center for Strategic and International Studies – Rare Earths in Defense Applications – https://www.csis.org – besucht am 27.05.2026
  • Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) – Metallmarktmodell METRO – https://www.zew.de – besucht am 27.05.2026
  • ZDF heute – Seltene Erden, Japan als Vorreiter – https://www.zdfheute.de/politik/ausland/seltene-erden-japan-vorreiter-e-auto-smartphone-100.html – besucht am 27.05.2026
  • NZZ – Der Westen muss sich aus der Abhängigkeit von China befreien – https://www.nzz.ch/meinung/streitpunkt-seltene-erden-der-westen-muss-sich-aus-der-abhaengigkeit-von-china-befreien-ld.1899287 – besucht am 27.05.2026
  • Niedersächsisches Ministerium für Umwelt – Neodym in Windrädern – https://www.umwelt.niedersachsen.de/startseite/aktuelles/pressemitteilungen/neodym-in-windraedern-148929.html – besucht am 27.05.2026
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