Stand: 24.09.2026, 09:29 Uhr
Xi reist zu Trump, Selenskyj fordert: Peking solle Putin im Ukraine-Krieg stoppen. Kiew kündigt an, Russland den Winter schwer zu machen.
Washington – Während Chinas Präsident Xi Jinping in die USA zu einem mit großer Spannung erwarteten Treffen mit US-Präsident Donald Trump reiste, nutzte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am Mittwoch (23. September) seine Rede vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen, um Peking öffentlich dazu aufzufordern, bei der Beendigung des Ukraine-Kriegs zu helfen. Er sprach von einer entscheidenden Rolle, die China in einer möglichen Friedenslösung spielen könne, und adressierte seine Worte direkt an die Führung in Peking.
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Dieser Artikel entstand in Kooperation mit newsweek.com.
„Er ist jemand, der Russland stärker beeinflussen kann als viele andere“, sagte Selenskyj über Xi und fügte hinzu, die Ukraine hoffe, der chinesische Staatschef „wolle Frieden genauso sehr wie wir“. Die Äußerungen unterstrichen Kiews Einschätzung, dass China nach fast fünf Jahren Krieg zu den wenigen Großmächten gehört, die noch nennenswerten Druck auf Russlands Präsidenten Wladimir Putin ausüben können.

Auf Anfrage per E-Mail teilte ein Mitarbeiter des Weißen Hauses der Zeitschrift Newsweek mit, Trump bleibe entschlossen, ein Ende des Kriegs zu erreichen, und sei weiterhin überzeugt, dass ein Friedensabkommen möglich sei. Der Vertreter ergänzte, die US-Regierung stehe sowohl mit Moskau als auch mit Kiew in Kontakt und sehe die Vereinigten Staaten in einer konstruktiven Rolle bei den Bemühungen, eine Einigung zu vermitteln.
Chinas Balanceakt zwischen Neutralität und Nähe zu Moskau
China hat sich in Russlands Krieg gegen die Ukraine als neutral dargestellt. Zugleich wiederholt Peking jedoch die Erzählung des Kremls, wonach die Ausweitung der NATO für den Konflikt verantwortlich sei, und vertieft seine diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu Moskau, unter anderem, indem es in Missachtung eines von den USA geführten Sanktionsregimes zu einem der wichtigsten Abnehmer russischen Öls und Gases geworden ist.
Die Vereinigten Staaten, die Europäische Union (EU) und andere Verbündete Kiews werfen China seit Langem vor, Russlands Kriegsanstrengungen durch Handel und den Export sogenannter Dual-Use-Güter mitzutragen. Die NATO hat Peking als „entscheidenden Ermöglicher“ von Russlands Fähigkeit bezeichnet, den Krieg fortzusetzen, und damit die Bedeutung chinesischer Unterstützung für die russische Kriegswirtschaft hervorgehoben.
Mit Blick auf die offizielle Linie zu Russlands Invasion betont Peking jedoch, seine Position sei unverändert. „Wir schüren nicht die Flammen, wir suchen keinen Profit aus der Krise und werden eine Schuldzuweisung niemals akzeptieren“, sagte Liu Pengyu, Sprecher der chinesischen Botschaft in Washington, D.C., im Februar gegenüber Newsweek. China werde weiterhin auf seine eigene Weise eine konstruktive Rolle spielen, um die humanitäre Lage in der Ukraine zu erleichtern, betonte er.
Streit um Vorwürfe militärischer Unterstützung Russlands
China hat zudem Behauptungen der Europäischen Union zurückgewiesen, wonach das chinesische Militär russische Soldaten ausgebildet habe, die später in der Ukraine gekämpft hätten. „Diese Äußerungen entbehren jeder faktischen Grundlage und sind reine Verleumdung und Diffamierung“, sagte Ministeriumssprecher Lin Jian im Juni vor Journalisten. Peking versucht damit, den Eindruck einer direkten militärischen Verstrickung in den Konflikt zu vermeiden.
Selenskyj, der am Dienstag während der UN-Woche Gespräche mit Trump führte, widmete einen erheblichen Teil seiner Rede vor der Generalversammlung der Forderung an die Staaten, Sanktionen zu verschärfen und Russlands Fähigkeit zur Kriegsfinanzierung einzuschränken. „Russlands Einnahmen müssen weiter ein Ziel bleiben. Wer Russland durch Handel mehr Geld verschafft, gibt diesem Krieg mehr Zeit“, sagte er. „Genau deshalb dringen wir auf eine Begrenzung des Handels mit dem Aggressor und deshalb vernichten wir Russlands Einnahmen selbst.“
In der vergangenen Woche unterzeichnete Trump den Lindsey O. Graham Sanctioning Russia and Iran Act von 2026, ein parteiübergreifendes Gesetz, das nach dem verstorbenen republikanischen Senator aus South Carolina benannt ist, der den Entwurf vor fast 18 Monaten eingebracht hatte. Das Gesetz weitet die Sanktionen gegen russische Banken, Regierungsvertreter und Moskaus Schatten-Tankerflotte aus und erlaubt Zölle von bis zu 100 Prozent auf Länder, die weiterhin große Mengen an russischem Öl und Gas kaufen.
Selenskyj setzt auf Druck und bleibt bei Friedenshoffnung
Trump sagte am Dienstag, er sei zuversichtlich, dass Russland und die Ukraine letztlich ein Friedensabkommen schließen werden, und erklärte gegenüber Reportern: „Wir werden ein Abkommen schließen.“ Der Präsident, der im Wahlkampf 2024 versprochen hatte, den Krieg zu beenden, hat bislang noch keine Einigung erreicht, doch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj betonte, er bleibe optimistisch, was die Aussichten auf Frieden angeht.
„Manchmal mag es scheinen, dass die Ukraine sich nur auf den Krieg konzentriert, weil wir über Waffen sprechen, über Verteidigung und über Sanktionen gegen den Aggressor. Aber die Ukrainer haben diesen Krieg nicht gewählt“, sagte er am Mittwoch vor der Versammlung. „Wir wählen, nicht zu sterben. … Wir verteidigen uns.“ Selenskyj bezeichnete Putin in diesem Zusammenhang als „Patient Zero“ im Krieg Russlands gegen die Ukraine.
„Irgendetwas scheint Putin immer davon abzuhalten zu sagen: ‚Das war’s. Genug, Frieden‘“, so Selenskyj weiter. „Können Sie ihn sich überhaupt ohne Krieg vorstellen? Er ist ‚Patient Zero‘, derjenige, von dem der Krieg sich immer weiter ausbreitet. … ‚Patient Zero‘ muss gestoppt werden.“
Hohe Verluste und globale Folgen des Kriegs
Selenskyjs Äußerungen fielen in eine Phase, in der ukrainische Kommandeure von Erfolgen einer Gegenoffensive in der Region Donezk berichteten, die nach ihrer Darstellung Russlands Bemühungen untergraben habe, weiteres Gebiet im östlichen Donbass zu erobern. Putin hält dennoch an der Darstellung fest, er gewinne den Krieg, gestützt auf Berichte über übertriebene Erfolge seiner Generäle an der Front, und weigert sich, bei Gesprächen mit Vertretern der Trump-Regierung von seinen Maximalzielen abzurücken.
Russland habe seit Beginn der Invasion des Nachbarlands im Februar 2022 insgesamt 1.460.400 Verluste erlitten, erklärte das ukrainische Militär im vergangenen Monat. Die Zahl umfasst im Krieg getötete wie auch verletzte Soldaten, von denen viele an die Front zurückgekehrt oder mehrfach verwundet worden seien. Laut dem Thinktank Center for Strategic and International Studies (CSIS) hat Moskau seit Kriegsbeginn bis zu 450.000 Gefallene auf dem Schlachtfeld hinnehmen müssen.
Die wahrscheinliche Zahl der ukrainischen Opfer liege im gleichen Zeitraum bei rund 625.000, darunter bis zu 150.000 Tote, so CSIS. Keines der beiden Länder veröffentlicht offizielle Gesamtzahlen zu seinen Verlusten, sodass unabhängige Schätzungen und Analysen von Forschungseinrichtungen ein zentrales Instrument zur Einschätzung der tatsächlichen Opferbilanz sind.
Wirtschaftliche Verwerfungen und drohender harter Winter
Über das Schlachtfeld hinaus hat der Krieg die globalen Märkte für Treibstoff, Düngemittel und Getreide durcheinandergebracht und zugleich eine tiefgreifende geopolitische Spaltung zwischen Russland und westlichen Staaten beschleunigt. Russlands Außenminister Sergej Lawrow soll am Samstag vor der Generalversammlung sprechen. Vor dem UN-Sicherheitsrat erklärte Lawrow am Mittwoch, Moskau werde keinem Stopp der Kampfhandlungen zustimmen, da ein Waffenstillstand der Ukraine Zeit verschaffen würde, ihre Waffenlager wieder aufzufüllen, betonte jedoch, Russland bleibe grundsätzlich offen für umfassendere Friedensverhandlungen.
Unter Hinweis darauf, dass die Ukrainer in den kommenden Monaten erneut mit schweren russischen Raketen- und Drohnenangriffen rechnen müssten, sagte Selenskyj, Kiew werde zugleich dafür sorgen, dass auch Moskau die Folgen des Konflikts zu spüren bekomme. „Die Ukrainer verstehen, dass dieser Winter für uns sehr hart werden könnte, aber im Gegenzug werden wir keine andere Wahl haben, als ihn auch für Russland sehr hart zu machen.“



