Schweden warnt vor russischer Insel-Besetzung als NATO-Test

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Sollte Moskau die NATO testen wollen, dürfte das aus Sicht von Militärs im Ostseeraum geschehen. Entsprechend groß ist dort die Sorge vor einer Eskalation. Bisher stand dabei das Baltikum im Vordergrund, nun rücken die vielen Tausend Ostseeinseln in den Fokus. Der Kreml könne morgen einen kleinen Angriff auf See starten, um die Spaltungen innerhalb des Bündnisses aufzudecken, während US-Präsident Donald Trump damit drohe, seine europäischen Partner im Stich zu lassen, sagte kürzlich der oberste Befehlshaber der schwedischen Streitkräfte, Michael Claesson. Schweden bereite sich darauf vor, dass Russland die NATO jederzeit durch die Besetzung einer Insel in der Ostsee auf die Probe stellen könnte, so Claesson gegenüber der Londoner „Times“.

Mit dem Beitritt Finnlands und Schwedens ist die Ostsee keineswegs zu einem „NATO-Meer“ geworden. Zwar dominiert das Bündnis geographisch, doch Russland verteidigt mit Vehemenz seinen Anspruch auf freien Zugang. Zuletzt setzte es etwa vermehrt Militärs auf sogenannten Schattentankern ein, um diese vor dem Zugriff westlicher Anrainerstaaten zu schützen. Seit Langem wird angenommen, dass Russland seine Truppen bei einem wie auch immer endenden Konflikt in der Ukraine neu formieren und seine Stellungen im Nordosten Europas ausbauen dürfte, womöglich mit dem Ziel, die NATO zu testen.

Angenommen wurde bisher, dass das mutmaßlich im Baltikum geschehen könnte, dessen Länder nicht genügend strategische Tiefe bieten, um sie wirksam zu verteidigen. Sollte dann der Beistand nach Artikel 5 des NATO-Vertrags ausgerufen werden, würden die Verbündeten über Schweden und die Ostsee Truppen und Material schicken. Dann wäre der freie Zugang über die Ostsee zentral. Um diesen zu unterbinden, könnte Russland versuchen, Truppen an zentraler Stelle zu positionieren, indem es etwa die großen Ostseeinseln Gotland oder Bornholm besetzt. Vorstellbar ist vieles, etwa eine amphibische oder luftgestützte Einnahme über Nacht. Oder auch „grüne Männchen“, die auf Yachten eintrudeln, eine Fähre, die angeblich havariert, und vieles mehr.

Viele Tausend schwer erreichbare Inseln

Auf Gotland wie Bornholm gab es während des Kalten Kriegs viel Militär, doch wurde das in den Neunzigerjahren massiv abgebaut. Seit 2022 hat sich das verändert, es werden wieder viele Soldaten stationiert und Stellungen ausgebaut. Eine Einnahme über Nacht wäre kaum mehr möglich. Claesson richtet seinen Blick nun auf die vielen Tausend anderen, oft nur schwer vom Festland erreichbaren Inseln in der Ostsee. Russland könne demnach sein Ziel, die NATO herauszufordern, erreichen, indem es sich jederzeit auf so gut wie jede Insel begebe. Der Angriff müsse nicht einmal besonders umfangreich sein, sondern könnte eher dazu dienen, „ein Zeichen zu setzen und abzuwarten, was politisch passiert“. Es gebe rund 400.000 Ostseeinseln, für Russland sei es also nur eine Frage der Wahl, so Claesson.

Der Este Erkki Koort, Leiter des Instituts für Innere Sicherheit an der Estnischen Akademie der Sicherheitswissenschaften, warnte kürzlich gar vor einem Szenario, in dem Russland die deutsche Insel Rügen besetzen könnte, etwa mittels hundert „grüner Männchen“. Schließlich sei Deutschland wichtige NATO-Drehscheibe und Hauptziel Wladimir Putins. Das Szenario sei unwahrscheinlich, sagt dazu Kjell Engelbrekt, Professor an der Schwedischen Verteidigungshochschule. Deutschland durch eine Besetzung seines Hoheitsgebiets direkt herauszufordern, würde bedeuten, eine schnelle Reaktion gemäß Artikel 5 zu riskieren. Zudem liegt Rügen sehr nah am Festland, wäre leicht zu verteidigen.

Für deutlich plausibler hält Engelbrekt das Szenario von Claesson: Die Besetzung einer der vielen Tausend Ostseeinseln durch russische Truppen, die zunächst vielleicht gar nicht unmittelbar als solche erkennbar wären. Einfach um zu schauen, wie die NATO reagiert. Schweden würde dann wohl auf politischer Ebene vehement reagieren, sagt Engelbrekt. Die militärische Antwort werde man erst nach Rücksprache mit den Verbündeten festlegen.

Ein schwedisches Marineschiff 2014 im Stockholmer SchärengartenEin schwedisches Marineschiff 2014 im Stockholmer Schärengartendpa

Schweden hat zuletzt massiv in die Aufrüstung investiert. Allein in die Luftverteidigung flossen seit November Investitionen in Höhe von rund 50 Milliarden Kronen – so viel betrug das gesamte Verteidigungsbudget im Jahr 2018. Seit 2020 haben sich die Verteidigungsausgaben verdoppelt, sie liegen nun bei rund 2,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Trotzdem ist die Armee vergleichsweise klein, das Land auf den Beistand der Alliierten angewiesen. Deswegen war Schweden 2024 der NATO beigetreten.

Doch am Beistand der USA gibt es auch in Stockholm große Zweifel. Schweden ist zusammen mit den anderen nordischen Staaten unter den europäischen Ländern, die gemeinsam derzeit eine Art Notfallplan aufbauen, um die NATO-Strukturen zu verteidigen, sollten die USA das Bündnis verlassen. Als Auslöser der Vorbereitungen gilt die Krise um Grönland.

Falls die NATO im Konfliktfall nicht rasch reagiert, könnte aus Sicht von Engelbrekt die Joint Expeditionary Force (JEF) ein geeignetes Format sein. Das ist ein Militärverbund von Großbritannien, den Niederlanden sowie den Baltischen und Nordischen Staaten, der angesichts von Trumps Politik erheblich an Bedeutung gewonnen hat. Zudem würden die europäischen Verbündeten mit Sicherheit solidarisch mit Schweden handeln, unabhängig davon, ob Artikel 5 geltend gemacht werde oder nicht, so Engelbrekt.

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