Stand: 07.10.2026, 21:29 Uhr
Von: Lennart Niklas Johansson Schwenck

Saudi-Arabien senkt Ölpreise für Asien auf ein Sechsjahrestief. Europa zahlt künftig drei Dollar mehr je Barrel. Grund sind hohe Frachtkosten.
Riad – Wer in den kommenden Wochen tanken geht, bekommt die Folgen einer Entscheidung aus Riad zu spüren, die auf den ersten Blick wenig mit dem eigenen Alltag zu tun hat. Saudi-Arabien hat am Montag, den 5. Oktober, ein neues Preisdokument veröffentlicht, das zeigt, wie unterschiedlich das Königreich seine Kunden derzeit behandelt. Während asiatische Abnehmer deutlich günstiger einkaufen dürfen, müssen europäische Käufer tiefer in die Tasche greifen. Für viele Verbraucher wirft das eine einfache Frage auf: Warum zahlt Europa drauf, während Asien profitiert?
Der offizielle Verkaufspreis für die Ölsorte Arab Light liegt für Lieferungen nach Asien im November fünf US-Dollar unter dem Durchschnitt der Referenzsorten Oman und Dubai. Gegenüber dem Vormonat ist das ein Abschlag von drei Dollar je Barrel, wie aus Reuters-Daten hervorgeht. Dieser Rabatt ist der größte seit Juni 2020. Noch deutlicher fällt die Preissenkung bei den schwereren Sorten Arab Medium und Arab Heavy aus, die der staatliche Ölkonzern Saudi Aramco für den asiatischen Markt um fünf Dollar je Barrel reduziert hat. Besonders bemerkenswert ist der Zeitpunkt, denn Analysten hatten in einer Umfrage eigentlich mit einer Preiserhöhung von bis zu fünf Dollar gerechnet.
Saudi-Arabien senkt Preise für Asien auf Sechsjahrestief
Mit der Angelegenheit vertraute Personen erklärten gegenüber Reuters, Saudi Aramco wolle mit den Rabatten die gestiegenen Frachtkosten ausgleichen, die asiatische Käufer derzeit zusätzlich stemmen müssen. So soll der Marktanteil des Konzerns gesichert werden, nachdem der Krieg zwischen den USA und dem Iran die Exportrouten im Golf monatelang durcheinandergebracht hatte. Drei asiatische Raffineriequellen, die anonym bleiben wollten, bestätigten gegenüber der Nachrichtenagentur, die Preissenkungen seien gezielt darauf ausgerichtet, die hohen Transportkosten zu kompensieren.
Wie teuer der Transport inzwischen geworden ist, zeigen Zahlen des Datendienstleisters LSEG. Ein Supertanker, der zwei Millionen Barrel Rohöl vom Golf nach China transportiert, kostete am vergangenen Freitag rund 1,2 Millionen US-Dollar pro Tag im Zeitchartergeschäft. Vor einem Jahr lagen die Kosten für dieselbe Route bei etwa 80.000 US-Dollar täglich. Auch die Analysten von Lloyd‘s List registrieren einen kräftigen Anstieg bei mehreren Frachtindizes. Der Suezmax-Index für die Strecke zwischen den USA und Europa kletterte binnen einer Woche um 150 Prozent, jener für die Route Westafrika–Europa um 145 Prozent. Bei den sogenannten VLCC-Tankern, den größten Rohölfrachtern der Welt, stieg der Index für die Verbindung Westafrika-China um 43 Prozent auf rund 700.000 Dollar, während die Route zwischen dem US-Golf und China ein Plus von 20 Prozent verzeichnete.
Diese Kostenexplosion erklärt, warum Saudi-Arabien seine Preispolitik anpasst. Für Abnehmer in Nordwesteuropa und im Mittelmeerraum erhöht Saudi Aramco die offiziellen Verkaufspreise über alle Ölsorten hinweg um drei Dollar je Barrel. Käufer in den Vereinigten Staaten müssen dagegen keine Veränderung einplanen, ihre Preise bleiben konstant.
Wie Riad die Hormus-Blockade umgeht
Hinter den Preisanpassungen steckt eine monatelange Logistikkrise. Der Iran hat wiederholt Schiffe in der Straße von Hormus angegriffen, wodurch Versicherer ihre Prämien massiv angehoben haben und die Frachtraten pro Schiff in die Höhe schnellten. Um dennoch Öl auf den Weltmarkt zu bringen, ist Saudi-Arabien seit September dazu übergegangen, Rohöl außerhalb der Meerenge von Schiff zu Schiff umzuladen. Auf diesem Weg wurden Millionen Barrel verkauft, sodass die Ölströme durch die Wasserstraße inzwischen wieder nahe am Niveau vor dem Konflikt liegen. Zusätzlich nutzt das Königreich die Pipeline zum Rotmeerhafen Yanbu, nachdem die Verladungen dort nach einem Drohnenangriff auf die wichtige Ost-West-Pipeline kurzzeitig ausgesetzt werden mussten.
Rob Barnett, Senior Energy Analyst bei Bloomberg Intelligence, ordnete die Lage vor zwei Wochen gegenüber Bloomberg Television so ein: „Saudi-Arabien hat sich von einem Ankerlieferanten im globalen Ölmarkt zu einem Land entwickelt, das Schwierigkeiten hat, seine Kunden zu erreichen.“ Laut Barnett kann das Königreich auf dem Papier rund zwölf Millionen Barrel Öl täglich produzieren, aktuell liegt die Fördermenge jedoch bei etwa sieben Millionen Barrel oder sogar leicht darunter. Als Grund nannte er die komplizierte Lage rund um die Houthi-Angriffe, welche die bisherigen Logistik-Workarounds des Landes erheblich erschwert hätten. Entscheidend sei laut Barnett vor allem, wie sich der Konflikt zwischen den USA und dem Iran weiterentwickelt, denn solange keine stabilere geopolitische Lage in der Region herrsche, blieben saudi-arabische Pipelines und Ölfelder potenziell in Reichweite iranischer Raketen.
Was die Preisrabatte für Europas Verbraucher bedeuten
Für die Europäische Union relativiert sich die Lage allerdings etwas, wenn man auf die Lieferantenstruktur blickt. Saudi-Arabien deckt mit einem Anteil von unter sieben Prozent nur einen kleineren Teil des europäischen Ölbedarfs ab. Deutlich wichtiger sind die USA mit 14,6 Prozent und Norwegen mit 12,8 Prozent. Dennoch kann sich der Effekt der günstigeren Asien-Preise indirekt auf den gesamten Weltmarkt auswirken, weil asiatische Käufer durch das Billigöl andere Lieferquellen weniger stark nachfragen müssen.
Trotz aller Anpassungen bleibt die Lage am Golf angespannt. Der Rohölpreis der Sorte West Texas Intermediate ist zwar zuletzt gesunken und lag am 6. Oktober bei rund 87 Dollar je Barrel, verglichen mit dem Januar aber weiterhin auf erhöhtem Niveau. Um zusätzlichen Druck aus dem Markt zu nehmen, haben die G7-Staaten Anfang Oktober angekündigt, 100 Millionen Barrel Rohöl und Diesel aus ihren strategischen Reserven freizugeben. Zahlen des Datenanalysten Kpler zeigen zudem, dass die Rohölexporte aus dem Nahen Osten im September auf 16,3 Millionen Barrel pro Tag gestiegen sind. Gegenüber dem Niveau vor dem Konflikt fehlen der Region damit nur noch rund drei Millionen Barrel täglich, ein Hinweis darauf, wie sehr sich die Exporteure inzwischen an die neue Realität angepasst haben. (Quellen: Bloomberg Intelligence, Reuters, Argus Media)(ls)



