Stand: 29.05.2026, 12:09 Uhr
Von: Lennart Niklas Johansson Schwenck
Russland rüstet nach: Neue Atom-U-Boote sollen Putins Seemacht stärken. Sie sind leiser, schneller und tragen Dutzende Atomsprengköpfe. Was steckt dahinter?
Moskau – Mit der russischen Invasion in die Ukraine veränderte sich die geopolitische Sicherheitslage, die bis dato für die moderne Welt galt. Seither ist viel geschehen. Mitunter kam es zu einem neuen Rüstungsboom der Nationen. Sondervermögen, Wehrpflicht, FCAS-Debakel und zahlreiche Aktienmillionäre durch Rüstungsunternehmen sind nur wenige Stichworte, die das neue globale Konstrukt umfassen. Ein besonders folgenreicher Ausdruck dieses Rüstungswettbewerbs vollzieht sich dabei weitgehend unsichtbar: unter der Wasseroberfläche der Weltmeere.
Und während die USA im völkerrechtswidrigen US-israelischen Angriffskrieg gegen den Iran ihr milliardenschweres Arsenal verfeuern und Europa über Panzer und Luftverteidigung diskutiert, investiert Russland still und konsequent in eine Waffengattung, die seit dem Kalten Krieg als das gefährlichste Instrument nuklearer Abschreckung gilt: das atomgetriebene Raketenunterseeboot.

Russlands Atomflotte wächst: Was die Borei-A-Klasse kann
Berichten zufolge baut Russland seine nuklearen Seestreitkräfte mit Hochdruck aus. Im Mittelpunkt steht dabei die Borei-A-Klasse, auch bekannt als Projekt 955A, die modernste Generation atomgetriebener ballistischer Raketenunterseeboote (SSBN) der russischen Marine. Laut dem US-Verteidigungsministerium verfügen diese Boote über „verbesserte Kommunikations- und Detektionssysteme, eine verbesserte akustische Signatur sowie wesentliche strukturelle Veränderungen wie vollbewegte Ruder und vertikale Endplatten an den Hydroplanen für eine höhere Manövrierfähigkeit sowie eine andere Turmgeometrie.“ Hinzu kommen hydraulische Düsenantriebe und verbesserte Schrauben, die ein nahezu geräuschloses Fahren mit bis zu 30 Knoten – das entspricht etwa 55 km/h – unter Wasser ermöglichen.
Das erste Boot dieser Klasse, die „Knyaz Vladimir“, wurde am 12. Juni 2020 in aktiven Dienst gestellt und ist der Pazifikflotte zugeteilt. Das zweite Borei-A-Boot, die „Generalissimus Suworow“, absolvierte alle Test- und Bewertungsfahrten in der Weißen See, darunter auch Testschüsse mit der Bulawa-Rakete unter Verwendung eines Übungsgefechtskopfes. Das Borei-A-Programm steht dabei im Kern der russischen Strategie, seinen seegestützten Atomabschreckungsanteil des nuklearen Triaden zu modernisieren.

Technische Daten: Größe, Geschwindigkeit und Bewaffnung
Die Borei-A-Boote sind 170 Meter lang, haben eine getauchte Verdrängung von 24.000 Tonnen und werden von einem OK-650-Kernreaktor angetrieben, der mit einem modernen Pumpstrahlantrieb kombiniert wird. Dieses Antriebssystem ist bei russischen U-Booten ungewöhnlich und trägt erheblich zur Geräuschreduzierung bei. An Bord befinden sich 107 Besatzungsmitglieder. Jedes Borei-A-Boot kann bis zu 15 Bulawa-Interkontinentalraketen (ICBM) mitführen, die in zwei Reihen mit je vier bis fünf Startschächten angeordnet sind. Jede Bulawa-Rakete kann bis zu zehn unabhängig steuerbare Mehrfachsprengköpfe (MIRV) tragen. Darüber hinaus sind die U-Boote mit acht Torpedorohren im Kaliber 533 Millimeter ausgestattet. Laut dem Militärfachportal National Security Journal könnte ein einzelnes Borei-A-Boot damit rechnerisch bis zu 150 Atomsprengköpfe auf einmal tragen.
Ein entscheidender Vorteil der Borei-A-Klasse ist ihre Fähigkeit, U-Boot-Jagd-Schiffen und Flugzeugen zu entgehen. Die akustische Tarnung wird durch hydroakustische Gegenmaßnahmen der Typen MG-104 Brosok und MG-114 Beryl erreicht. Auch die Navigations-, Kommunikations- und Sonaranlage sollem gegenüber der ursprünglichen Borei-Klasse deutlich verbessert worden sein.
Russlands Gesamtflotte: Ein nuklearer Riese unter Wasser
Das Nuclear Threat Initiative (NTI), ein international anerkanntes Forschungsinstitut, veröffentlichte im August 2024 eine Übersicht der russischen U-Boot-Kapazitäten. Demnach verfügt die russische Marine über schätzungsweise 64 U-Boote, darunter 16 atomgetriebene ballistische Raketenunterseeboote, 14 nuklearbetriebene Angriffsunterseeboote sowie 11 nuklearbetriebene Marschflugkörper-Unterseeboote. Hinzu kommen 23 dieselelektrische Angriffsunterseeboote.
Neben der Borei-A-Klasse betreibt Russland noch sieben ältere Delfin-Klasse-SSBNs, die zwischen 1985 und 1992 gebaut wurden. Diese Boote können mit 22 Knoten tauchen und sind mit bis 29.000 km/h (Mach 24) schnellen R-29M-Shtil-Raketen sowie modernisierten Sinewa-SLBMs bestückt, die je vier Sprengköpfe tragen können. Außerdem ist noch ein Kalmar-Klasse-Boot (Delta III) mit dem Namen „Rjasan K-44“ bei der Pazifikflotte aktiv, das mit R-29R-Raketen bewaffnet ist.

US-russisches Wettrüsten unter Wasser: Arktis- und Pazifik-Stratego im 21. Jahrhundert
Die strategischen Einsatzgebiete der Borei-A-Klasse sind die Pazifik- und die Nordflotte. Im Pazifik könnte ein Borei-A-Boot theoretisch die amerikanische Marinebasis Pearl Harbor bedrohen oder die Westküste der USA in Reichweite nehmen. Für die Nordflotte sind Arktispatrouillen das zentrale Szenario. Russland sieht die Arktis nicht nur als militärischen Puffer, sondern auch als wirtschaftliche Ressource: Moskau beansprucht die Region als reich an Erdöl, Erdgas und Mineralien und will den dortigen Einfluss der USA, Kanadas und der NATO aktiv zurückdrängen. Die Arktis biete daher auch taktische Vorteile: Von dort aus seien die Bulawa-Raketen kaum zu verfolgen, was im Ernstfall eine frühzeitige Vorwarnung vor einem Abschuss erschwere.
Dass Russland diese Fähigkeiten gezielt ausbaut, ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis einer bewussten politischen Entscheidung, die nuklearen Optionen zu erweitern und gleichzeitig den rechtlichen Rahmen zu beseitigen, der sie bislang begrenzte. Russland hat seine Teilnahme am New-START-Vertrag, dem letzten verbliebenen großen Rüstungskontrollabkommen zwischen Moskau und Washington, im Jahr 2023 ausgesetzt. Seitdem gibt es keinerlei Beschränkungen für den Ausbau beider Atomflotten. Die Folge ist ein klassisches Wettrüsten unter Wasser. Die USA planen laut Spherical Insights den Bau von zwölf Columbia-Klasse-SSBNs für rund 132 Milliarden US-Dollar, um die alternden Ohio-Klasse-Boote zu ersetzen. Gleichzeitig investieren die USA zusätzlich in Virginia-Klasse-Angriffsunterseeboote und die Modernisierung der Nuklearstreitkräfte im Allgemeinen. (ls)
Quellen: National Security Journal, Nuclear Threat Initiative, Spherical Insights, US-Verteidigungsministerium



