Russlands hohe Verluste im Ukraine-Krieg

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Stand: 29.06.2026, 19:50 Uhr

Von: Max Nebel

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Neue Berichte zeichnen ein dramatisches Bild der russischen Armee. Rekruten sterben teils nach Minuten, während Putins Verluste weiter steigen.

Moskau – Mehr als vier Jahre nach Beginn des Ukraine-Krieg verdichten sich die Hinweise auf enorme personelle Verluste der russischen Streitkräfte. Neue Berichte unabhängiger Journalisten und Analysen westlicher Experten zeichnen Ende Juni ein zunehmend düsteres Lagebild. Besonders drastisch fällt dabei ein Bericht über die angeblich extrem kurze Überlebenszeit neuer Rekruten an der Front aus.

Wladimir Putin besucht verwundete russische Soldaten in einem Militärkrankenhaus in Moskau.

Putin bei verwundeten Soldaten in Moskau: Viele andere erreichen das Krankenhaus nicht mehr. Neue Analysen zeigen den hohen Blutpreis der russischen Armee im Ukraine-Krieg. © Kristina Kormilitsyna/POOL/AFP (Archivbild)

Das russische Exilmedium Mediazona, das gemeinsam mit BBC Russian öffentlich bekannte Todesfälle dokumentiert, konnte bis zum 19. Juni 2026 mindestens 227.734 gefallene russische Soldaten namentlich bestätigen. Unter ihnen sind 7279 Offiziere. Mediazona betont zugleich, dass die tatsächliche Zahl der Toten deutlich höher liegen dürfte, weil viele Todesfälle in Russland nicht öffentlich gemacht oder nicht eindeutig dokumentiert werden.

Putins Blutpreis im Ukraine-Krieg: Quellen bestätigen mehr als 227.000 russische Tote

Die namentliche Zählung von Mediazona und BBC Russian gilt damit als vorsichtige Untergrenze, nicht als vollständige Bilanz. Gerade deshalb ist sie für die Einordnung der russischen Verluste besonders wichtig. Sie zeigt, dass der personelle Preis des Krieges bereits anhand öffentlich belegbarer Fälle außergewöhnlich hoch ist.

Eine Analyse des Center for Strategic and International Studies (CSIS) von Anfang 2026 ordnete diese Verluste auf der Makroebene ein. Demnach haben die russischen Streitkräfte seit Beginn der Vollinvasion rund 1,2 Millionen Gefechtsverluste erlitten. Dazu zählt der Thinktank Gefallene, Verwundete und Vermisste. Die Zahl der getöteten russischen Soldaten schätzt das CSIS auf 275.000 bis 325.000. Laut CSIS hat keine Großmacht seit dem Zweiten Weltkrieg vergleichbare Verluste in einem Krieg erlitten.

Kreml schickt Rekruten in den Tod: Bericht spricht von nur 20 bis 35 Minuten an der Front

Vor diesem Hintergrund fällt eine Analyse des Historikers Peter Frankopan im Magazin Foreign Policy drastisch aus. Unter Berufung auf russische Militärblogger schreibt er, neu angeworbene Soldaten überlebten vom Eintreffen im Ausbildungslager bis zu ihrem Tod an der Front oft nur zehn Tage bis drei Wochen. Nach Erreichen ihrer Kampfstellungen sollen es im Durchschnitt sogar lediglich 20 bis 35 Minuten sein. Diese Angabe lässt sich derzeit nicht unabhängig verifizieren.

Frankopan führt die hohen Verluste vordergründig auf den massiven Einsatz von Drohnen zurück. Der Ukraine-Krieg habe das Gefechtsfeld grundlegend verändert. Unbemannte Fluggeräte erschwerten Bewegungen an der Front erheblich und machten besonders angreifende Infanterie verwundbar.

Russlands Vormarsch bleibt teuer und langsam

Auch das Center for Strategic and International Studies beschreibt Russlands Vormarsch als ungewöhnlich verlustreich. Russische Einheiten würden häufig kleine Infanteriegruppen vorschicken, um ukrainische Verteidigungsstellungen aufzuspüren oder gegnerisches Feuer auszulösen. Anschließend kämen Artillerie, Gleitbomben und Drohnen zum Einsatz.

Diese Vorgehensweise ermögliche zwar einzelne Geländegewinne, verursache aber einen enormen personellen Verschleiß. Nach Einschätzung des CSIS hat Russland seit Anfang 2024 weniger als 1,5 Prozent des ukrainischen Staatsgebiets zusätzlich erobert. Die Analyse steht damit im Widerspruch zu Putins Darstellung, Russland stehe vor einem unausweichlichen militärischen Sieg.

ISW sieht Putins Siegesrhetorik unter Druck

Die Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) ordnet Putins jüngste Auftritte als Versuch ein, Stärke zu demonstrieren. Bei seiner Rede auf dem Parteitag der Kremlpartei Geeintes Russland habe Wladimir Putin erneut betont, Russland werde seine Ziele militärisch erreichen. Zugleich habe er diplomatische Lösungen faktisch zurückgewiesen.

Nach Einschätzung des ISW versucht der Kreml damit, trotz wachsender Probleme an der Front und in der Wirtschaft ein Bild der Stabilität zu vermitteln. Ukrainische Angriffe auf russische Ölraffinerien, Nachschubwege und militärische Infrastruktur setzen Moskau zusätzlich unter Druck. Putin habe die Auswirkungen solcher Angriffe zuletzt nur vage eingeräumt und Sorgen mit Durchhalteparolen zu zerstreuen versucht.

Warum unterscheiden sich die Verlustzahlen im Ukraine-Krieg?

Russland veröffentlicht keine regelmäßig aktualisierten offiziellen Angaben zu den eigenen Kriegsverlusten. Deshalb greifen Medien, Forschungsinstitute und Geheimdienste auf unterschiedliche Methoden zurück.

Mediazona und BBC Russian zählen zum Beispiel nur namentlich bestätigte Tote und kommen deshalb auf eine vorsichtige Untergrenze. Das CSIS arbeitet mit Hochrechnungen und weiteren Informationsquellen und gelangt dadurch zu höheren Schätzungen.

Die täglichen Angaben des ukrainischen Generalstabs sind militärische Eigenmeldungen einer Kriegspartei und lassen sich unabhängig nur eingeschränkt überprüfen.

Ukraine-Krieg: Experten warnen vor weiterer Eskalation

Frankopan warnt in Foreign Policy, dass Russlands wachsende militärische und wirtschaftliche Probleme neue Risiken schaffen könnten. Je stärker Putin unter Druck gerate, desto größer werde die Gefahr weiterer Eskalation. Wörtlich schreibt der Historiker: „Hütet euch vor dem Ertrinkenden: Die kommenden Monate werden wahrscheinlich gefährlich sein, außerhalb und innerhalb Russlands, während Putin verzweifelt versucht, sich über Wasser zu halten.“

Damit bleibt der Ukraine-Krieg ein brutaler Abnutzungskampf. Russland erzielt zwar weiterhin Geländegewinne, zahlt dafür nach Einschätzung mehrerer unabhängiger Forschungsinstitute und Analysten jedoch einen hohen personellen Preis. Die von Foreign Policy unter Berufung auf russische Militärblogger zitierte Überlebenszeit von 20 bis 35 Minuten ist nicht unabhängig überprüft. Sie fügt sich jedoch in das Gesamtbild ein, das die Recherchen seriöser Thinktanks und Journalisten zeichnen. (Quellen: Center for Strategic and International Studies, Mediazona, BBC Russian, Foreign Policy, Institute for the Study of War) (chnnn)

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