Russische Tiefsee-U-Boote sollen nahe dem Spitzbergen-Archipel im Arktischen Ozean eine geheime Technologie zum Ausschalten von Unterseekabeln getestet haben. Das geht aus einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters hervor, der am Donnerstag veröffentlicht wurde.
Demnach sei die Operation bereits im Frühjahr dieses Jahres von der Hauptverwaltung für Tiefseeforschung des russischen Verteidigungsministeriums (Gugi) durchgeführt worden, berichtete Reuters unter Berufung auf zwei westliche Behördenvertreter, die mit den Vorgängen betraut wurden.
Russlands Einheiten hätten demnach bei einem Test in den arktischen Gewässern nahe der Inselgruppe Spitzbergen neue Tiefseeapparaturen eingesetzt. Ziel sei es gewesen, den Einsatz einer geheimen Waffe zu simulieren, mit der wichtige Unterseekabel außer Betrieb gesetzt werden können, ohne jegliche Spuren zu hinterlassen, so die Insiderquellen.
Norwegen, Großbritannien und die USA störten Russlands Test wohl
Dem Bericht zufolge sollen die Nato-Staaten Norwegen, Großbritannien und die USA den Test der russischen Streitkräfte im Rahmen einer koordinierten Aktion zunächst beobachtet und anschließend gestört haben, heißt es weiter. Dabei habe man zunächst die russischen spezialisierten Tiefsee-Mini-U-Boote ausgespäht und anschließend daran gehindert, die Übung erfolgreich abzuschließen, sagten die beiden westlichen Behördenvertreter Reuters zufolge.
Jeder Versuch, unsere kritische Infrastruktur ins Visier zu nehmen, wird entdeckt werden und Folgen haben.
Tore Sandvik, Norwegens Verteidigungsminister
Wie konkret Russlands Manöver in den arktischen Gewässern durch die Nato-Staaten gestört wurden, wurde nicht beschrieben. Infolge der Unterbrechung des Tests sollen die russischen Einheiten das Seegebiet schließlich verlassen haben, heißt es weiter.
Im Rahmen des Vorfalls sei kein Kabel beschädigt worden, hieß es weiter. Den beiden Insiderquellen zufolge wollte Russland mit dem Test offenbar den Einsatz der neuen Technologie für den Fall eines Kriegs mit der Nato auf die Probe stellen. Dabei gehe es im Besonderen darum, weitreichende Ausfälle in der globalen Kommunikation zu verursachen. Wie genau die neue Waffe im Detail allerdings funktionieren soll, ließen die Behördenvertreter offen.
Bereits im April sollen Großbritannien und Norwegen bekannt gegeben haben, dass man eine verdeckte russische Operation in arktischen Gewässern aufgedeckt habe. Wie genau die neue Waffe aufgespürt wurde, wo sich der Test ereignet hat und inwieweit die Vereinigten Staaten bei der Störaktion beteiligt waren, ist bislang nicht bekannt.
Norwegen warnt Moskau vor verdeckten Operationen
Dem Reuters-Bericht zufolge sollen britische und norwegische Stellen den russischen Behörden unterdessen mitgeteilt haben, dass ihnen die neue Technik längst bekannt sei. Norwegens Verteidigungsminister Tore Sandvik erklärte demnach: „Mit unserer gemeinsamen Operation haben wir Russland eine klare Botschaft gesendet, dass es nicht verdeckt operieren kann.“ In dem Rahmen habe man den russischen Behörden „unmissverständlich klargemacht, dass jeder Versuch, unsere kritische Infrastruktur ins Visier zu nehmen, entdeckt wird und Folgen haben wird“.
Sowohl das russische Verteidigungsministerium als auch die Nato reagierten laut Reuters zunächst nicht auf eine Anfrage. Letztere Instanz verwies demnach lediglich auf norwegische und britische Stellen.
Warum Russlands Test vor Spitzbergen so alarmierend ist
Zwei etwa 1400 Kilometer lange Glasfaserkabel verbinden die Inselgruppe Spitzbergen mit dem norwegischen Festland. Nach Angaben von Reuters sollen sie bis zu 2700 Meter tief im Wasser verlaufen. Über diese Kabel verlaufen demnach immense Mengen an Satellitendaten. Eine unbemerkte Zerstörung dieser Glasfaserkabel könnte demnach große Teile des Internets sowie der (mitunter auch militärischen) Kommunikationswege lahmlegen.
Zunehmende Spannungen in der Arktis und Meldungen über Sabotageversuche
Der jüngste Vorfall reiht sich in eine Serie jüngster Konflikte zwischen Russland und Nato-Staaten in arktischen Gewässern ein. Erst in der vergangenen Woche hatte Norwegen auf Betreiben des staatlichen ukrainischen Energiekonzerns Naftogaz ebenfalls vor Spitzbergen ein russisches Schiff beschlagnahmt. Die Festsetzung der „Professor Moltschanow“ erfolgte vor dem Hintergrund, dass Naftogaz mit dem Schritt eine gerichtlich anerkannte Entschädigungsforderung gegen den russischen Staat durchsetzen möchte.
Derweil mehren sich die Meldungen über Sabotageversuche in Gewässern der Nato-Staaten und versuchte hybride Kriegsführung, die laut Sicherheitsexperten und westlichen Staatsoberhäuptern mutmaßlich von Russland ausgehen soll. Vor allem die Beschädigung von wichtigen Unterseekabeln in der Ostsee geriet in den vergangenen Monaten vermehrt in die Schlagzeilen.
In den meisten dieser Fälle ist die Ursache der Kabelschäden immer noch unklar und es gibt laufende Ermittlungen. Sicherheitsexperten wie etwa der Marine-Inspekteur Jan Christian Kaack sehen allerdings Russland als Verursacher vieler dieser Vorfälle. So betonte der Vizeadmiral der Deutschen Marine bereits im vergangenen Jahr, dass russische Truppen längst „Unterseekabel sabotiert, Navigationssignale gestört, Schiffe bedrängt“ hätten. Dazu seien „Drohnenüberflüge, Sabotage, Ausspäh- und Eindringversuche in unsere Stützpunkte“ festgestellt worden.



