Russland täuscht Putin über Frontlage

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Stand: 07.09.2026, 11:02 Uhr

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Militäranalysten zufolge malt das russische Militär seinem Präsidenten ein verzerrtes Lagebild – mit Folgen für die Friedensgespräche mit den USA.

Während US-Sondergesandter Steve Witkoff und Jared Kushner, Schwiegersohn von Präsident Donald Trump, durch Moskau und Kiew reisen, um einen Waffenstillstand im Ukraine-Krieg auszuloten, zeichnet sich hinter den Kulissen ein beunruhigendes Muster ab. Es geht um die Frage, auf welcher Grundlage der russische Präsident überhaupt verhandelt – und ob dieses Fundament der Realität standhält.

Das von der staatlichen russischen Agentur Sputnik via AP veröffentlichte Foto zeigt den russischen Präsidenten Wladimir Putin im Senatspalast des Kremls, wie er Steve Witkoff (2.v.l), dem Gesandten von US-Präsident Trump, die Hand schüttelt. Juri Uschakow, der außenpolitische Berater des Kremls, im Hintergrund.

Präsident Wladimir Putin im Senatspalast des Kreml, wie er Steve Witkoff (2.v.l), die Hand schüttelt. Juri Uschakow, der außenpolitische Berater des Kremls, im Hintergrund. © Mikhail Metzel/picture alliance/dpa/Pool Sputnik Kremlin/AP

Laut einer Einschätzung des amerikanischen Thinktanks Institute for the Study of War (ISW) informiert das russische Militär Präsident Wladimir Putin systematisch falsch über die Lage an der Front. Milblogger – russische Militärblogger – beschreiben diese Praxis als Kultur der sogenannten „schönen Berichte“ – geschönte Lagemeldungen, die die Wirklichkeit verdecken. Hochrangige Kommandeure präsentieren demnach übertriebene russische Geländegewinne, auch als Teil einer gezielten kognitiven Kriegsführung. Das Ergebnis: Putin scheint fest davon überzeugt, seine Kriegsziele in der Ostukraine noch 2026 erreichen zu können. Und genau das soll aktuell die Friedensgespräche gefährden.

Gesprächsklima im Kreml: konstruktiv, aber ohne Durchbruch

Am 5. September empfing Putin die US-Gesandten Witkoff und Kushner im Kreml. Zum achten Mal reisten die Vertreter Washingtons für solche Gespräche nach Russland. Das Treffen soll mehr als drei Stunden gedauert haben. Kreml-Berater Juri Uschakow beschrieb die Atmosphäre als „substanziell, konstruktiv, außergewöhnlich offen und von gegenseitigem Vertrauen geprägt.“ Uschakow zufolge berichtete Putin den Gesandten von „bedeutenden Fortschritten“ der russischen Streitkräfte an der Front. Das ISW und andere westliche Analysten dagegen werten diese Darstellung als übertrieben und nicht vereinbar mit der tatsächlichen Lage.

Putin nutzte das Treffen, um seinen Standpunkt zu bekräftigen: Russland werde seine Kriegsziele auf militärischem Wege durchsetzen. Nach ISW-Analyse hält der Kreml unverändert an maximalistischen Forderungen fest. Diese umfassen den vollständigen ukrainischen Rückzug aus den Oblasten Luhansk, Donezk, Saporischschja und Cherson, einschließlich jener Gebiete, die russische Truppen gar nicht kontrollieren. Zusätzlich verlangt Moskau die „Entnazifizierung“ der ukrainischen Regierung, womit Putin laut Interpretation des ISW deren Ersetzung durch eine pro-russische Führung meint, sowie den dauerhaften Ausschluss der Ukraine aus der NATO.

Eine dem Kreml nahestehende Person sagte gegenüber Reuters, Putin sei zuversichtlich, gestützt auf Berichte seiner Kommandeure, dass russische Kräfte den verbliebenen Teil der Oblast Donezk noch bis Ende 2026 einnehmen könnten. Das ISW hält dieses Szenario für ausgeschlossen. Seit Kriegsbeginn im Februar 2022 habe Putin mindestens 15 Fristen zur Einnahme der Oblast Donezk gesetzt und keine davon sei eingehalten worden. Allein um die Stadt Kostjantyniwka kämpfen russische Truppen seit Oktober 2025, ohne sie in elf Monaten einnehmen zu können.

Vormarsch in Zeitlupe: das Donbas-Rechenexempel

Das ISW hat den russischen Vormarsch im August 2026 ausgewertet. Demnach gewannen russische Streitkräfte im gesamten Frontbereich durchschnittlich 2,91 Quadratkilometer pro Tag – im Schwerpunktgebiet Oblast Donezk sogar nur 2,36 Quadratkilometer täglich. Auf Basis dieses Tempos würde Russland den verbleibenden Gebietsanteil von 19 Prozent der Oblast erst am 2. Oktober 2032 vollständig einnehmen können. Und selbst das setzt voraus, dass das Tempo nicht weiter abnimmt, was angesichts des Trends der letzten Monate keineswegs sicher ist.

Kremlchef Wladimir Putin mit Generalstabschef Waleri Gerassimow (Aufnahme vom 3. Juli 2026)

Kremlchef Wladimir Putin bei einer Militärberatung (Aufnahme vom 3. Juli). © Handout/Russisches Präsidialamt/AFP

Selenskyj empfing Witkoff und Kushner am 6. September in Kiew per Zug, da russische Angriffe auf die Flughäfen der Hauptstadt eine Landung verhindert hatten. Er sprach von zwei bilateralen Gesprächsrunden und einer multilateralen Runde mit Sicherheitsberatern aus Großbritannien, Deutschland und Frankreich. Vereinbart wurden nach seinen Angaben Grundprinzipien für ein Kriegsende, darunter Sicherheits- und Wirtschaftsgarantien. Die USA dagegen geben eine optimistische Prognose: Gibt es „konkrete Pläne“ für das Ende des Ukraine-Kriegs nach dem Treffen mit Putin?

Zelensky betonte, die Ukraine stehe auf dem Schlachtfeld gestärkt da, was die Verhandlungsposition gegenüber Moskau verbessere. US-Präsident Trump kündigte an, Witkoff und Kushner nach ihrer Rückkehr zu konsultieren und am 7. September sowohl Putin als auch Selenskyj anzurufen. Ein Durchbruch bleibt jedoch aus. Indessen bahnt sich eine mögliche finanzielle Uneinigkeit zwischen USA und Europa an: US-Präsident Donald Trump forderte kürzlich, dass das Geld für die Unterstützung der Ukraine zurückgezahlt werden solle.

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