Russland droht neue Teilmobilmachung

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Stand: 15.07.2026, 15:18 Uhr

Von: Tadhg Nagel

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Russlands Rekruten sinken auf niedrigsten Stand seit drei Jahren. Im Herbst droht eine neue Mobilmachung. Putin riskiert so eine erneute Fluchtwelle.

Moskau – Russlands Armee kommt im Ukraine-Krieg kaum noch voran und fährt dennoch herbe Verluste ein. Jeden Monat sterben so über 30.000 Soldaten – weit mehr, als auf ukrainischer Seite. Um seinen Angriffskrieg aufrechterhalten zu können, benötigt der russische Präsident Wladimir Putin daher stetig neues Personal. Angesichts der zugleich sinkenden Anzahl neuer Rekruten, könnte der Kreml jetzt einen drastischeren Schritt erwägen. Doch Moskau riskiert damit den Zorn der eigenen Bevölkerung.

Russlands Präsident Wladimir Putin steht vor einem innenpolitischen Dilemma das er sich mit dem Ukraine-Krieg selbst geschaffen hat und das ihn möglicherweise zur Mobilmachung zwingt.

Russlands Präsident Wladimir Putin steht vor einem innenpolitischen Dilemma das er sich mit dem Ukraine-Krieg selbst geschaffen hat und das ihn möglicherweise zur Mobilmachung zwingt. © Uncredited

Nach über vier Kriegsjahren sind offenbar immer weniger Russen dazu bereit, Wehrdienstverträge zu unterzeichnen. Laut einem Bericht des russischen Exilmediums Meduza ging die Zahl der Vertragsrekrutierungen im vierten Quartal 2025 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um das Eineinhalbfache zurück. Im ersten Quartal 2026 seien täglich noch etwa 800 Verträge; dies sei der niedrigste Wert seit drei Jahren. Nachdem sich alternative Maßnahmen wie höhere Vergütungen, verstärkte Propaganda und das falsche Versprechen, nur im Hinterland zu dienen, als zu wenig wirkungsvoll herausgestellt hätten, denke man jetzt über einen weitaus radikaleren Schritt nach.

Putin kennt das Risiko: Ukraine-Teilmobilmachung würde den Gesellschaftsvertrag mit den aufkündigen

Ähnliches berichtete die unabhängige russische Zeitung Novaya Gazeta bereits Ende Juni. Quellen aus dem Umfeld der Präsidialverwaltung und der Sicherheitskräfte, so heißt es dort, gehen von der Ankündigung einer neuen Mobilisierungswelle im Oktober aus. Die Vorbereitungen „für etwas, das niemals als Mobilmachung bezeichnet werden wird“, seien „seit mehreren Monaten“ im Gang, habe eine von ihnen erklärt.

Doch für Putin wäre eine erneute Massenmobilmachung ein enormes innenpolitisches Risiko, analysiert der Thinktank Atlantic Council. Seit Beginn der Invasion habe der Kreml hart daran gearbeitet, die Bevölkerung von den direkten Folgen des Krieges abzuschirmen – im stillschweigenden Tausch gegen politische Passivität. Eine großangelegte Einziehung würde diesen unausgesprochenen Gesellschaftsvertrag aufkündigen. Dem russischen Präsidenten sei schmerzlich bewusst, dass unzufriedene Wehrpflichtige 1917 zum Sturz des Zarenreichs beitrugen. Er wisse auch, dass Wut über sowjetische Verluste in Afghanistan den Untergang der UdSSR beschleunigt hatten.

Minderheiten, Gefangene und Freiwillige für Putin: Bisherige Rekrutierungsstrategie reicht nicht mehr aus

Um das zu vermeiden, habe der Kreml seine Rekrutierung bislang auf ethnische Minderheiten, Strafgefangene und Freiwillige konzentriert. Diese – bislang wirksame – Strategie reiche aber offenbar nicht mehr aus. Putin stecke nun in einem Dilemma. Gelinge es Russland nicht, seinen zahlenmäßigen Vorteil auf dem Schlachtfeld zu erhalten, drohe die Invasion der Ukraine endgültig zu scheitern. Auf Zugeständnisse oder eine Reduzierung seiner politischen Ziele wolle er sich dennoch nicht einlassen.

Technisch sei eine Massenmobilmachung kein Problem, denn viele der Voraussetzungen seien bereits geschaffen. Russland habe in den vergangenen Jahren ein umfassendes elektronisches Register aller Wehrpflichtigen aufgebaut, so der Bericht. Nach einer Entscheidung des Kremls könne man theoretisch unmittelbar mit dem Versand von Einberufungsbescheiden beginnen. Eine offizielle Ankündigung werde jedoch wohl kaum vor den russischen Parlamentswahlen im September 2026 erfolgen. Schließlich nutze Putin manipulierte Wahlergebnisse erfahrungsgemäß als Rückenwind für unpopuläre Schritte.

Armenien und Georgien als Puffer: Putin hat Absprachen mit den Fluchtzielen von 2022 getroffen

Dass eine solche Ankündigung unpopulär wäre, stehe kaum infrage. Auf die Teilmobilmachung vom September 2022 habe die russische Bevölkerung mit einer beispiellosen Fluchtwelle reagiert. Schätzungsweise bis zu eine Million Männer im wehrfähigen Alter hätten das Land verlassen. Laut Newsweek handelte es sich dabei überproportional oft um junge, in Städten lebende und hoch qualifizierte Fachkräfte. Dies habe zu einem gravierenden Braindrain in Schlüsselbereichen wie Wissenschaft, Technologie und Hochschulbildung geführt.

Eine erneute Mobilmachung könnte angesichts zunehmender Kriegsmüdigkeit auf noch breiteren Widerstand stoßen. Moskau habe dieses Risiko aber schon einkalkuliert, urteilt der österreichische Standard. Schließlich seien Absprachen mit Ländern wie Armenien und Georgien getroffen worden – also genau jenen Nachbarstaaten, die 2022 das Fluchtziel vieler junger Russen waren. (Quellen: Atlantic Council, Meduza, Newsweek, Novaya Gazeta, Standard) (tpn)

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