Stand: 24.08.2026, 15:47 Uhr
Von: Stefan Scholl

Debatte über eine mögliche Massenmobilisierung nach den Duma-Wahlen veranlasst viele junge Männer zur Ausreise.
Man habe trainiert, wie man frisch rekrutierte Truppen unterbringt, mit Proviant und Waffen versorgt. So beschrieben westliche Geheimdienstler gegenüber dem „Wall Street Journal“ ein Manöver zur Vorbereitung der Mobilisierung in der russischen Ostseeregion Kaliningrad im Juli. In anderen russischen Gebieten habe es ähnliche Manöver gegeben. Die Nachrichtendienstler vermuten, der Kreml werde erst nach den Duma-Wahlen im September entscheiden, ob er wirklich eine neue Teilmobilmachung veranstaltet. Aber angesichts der längst gegen Null gehenden Geländegewinne an der Front werde Wladimir Putin kaum darauf verzichten können, um sein militärisches Kleinstziel zu erreichen: die Eroberung des gesamten Donbas.
Russische Exilmedien fürchten, der Kreml werde nach den Parlamentswahlen die Teilmobilmachung vom September 2022 wiederholen, bei der etwa 302.000 Wehrpflichtige eingezogen und an die Front geschickt wurden. Fachleute verweisen auf die wachsenden Verluste angesichts inzwischen massenhaft eingesetzter feindlicher Gefechtsdrohnen; laut CIA-Direktor John Ratcliffe überleben russische Rekruten in vorderster Front keine 30 Minuten. Die Zahl ist offenbar stark übertrieben. Aber auch der oppositionelle russische Militärblogger Jan Matwejew glaubt, die russische Ukraine-Streitmacht, laut Putin über 700.000 Mann, werde immer schneller dezimiert werden. Selbst wenn man sie verdoppele, könne sie die Ukraine nicht endgültig besiegen. Es klingt nach einer Kaderbedarfslücke in Millionenhöhe.
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Militärische Argumente gegen eine Massenmobilmachung finden sich allerdings auch. Zwangsweise an die Front geschickte Zivilisten kämpfen oft ohne Enthusiasmus; der kriegsfreiwillige Exhäftling Daniil Tulenkow schildert in seinen Erinnerungen, wie eine ganze Kompanie Mobilisierter sich 2023 weigerte, vier Sturminfanteristen beim Angriff auf eine ukrainische Stellung zu unterstützen: „Sie drückten sich an die Grabenwand und schlugen die Augen nieder.“
Viel los an der Grenze
Politologen vermuten, auch angesichts der Benzinkrise in ganz Russland werde der Kreml auf eine Massenmobilmachung verzichten, um den Verdruss der Bürger:innen in Grenzen zu halten. Jedenfalls dementieren die Vertreter der Staatsmacht entschieden alle Wortmeldungen aus dem Westen. Dmitrij Medwedew, Vizevorsitzender des Sicherheitsrates, schimpfte über „verlogene Provokationen“, mit denen der Feind vor den Duma-Wahlen Verwirrung stiften wolle.
Russlands UN-Botschafter schränkte vor Journalist:innen allerdings seine Versicherung ein, es sei keine Mobilmachung geplant: „Lassen Sie uns sehen, was nach den Wahlen sein wird.“ Schon jetzt gilt als sicher, dass die Behörden ihre Bemühungen intensivieren werden, Einzelbürger für die Front anzuwerben – zurzeit werden Handgelder von bis zu 46.000 Euro geboten. Andere nötigt man zu den Waffen.
Angesichts solcher Meldungen suchen viele wehrpflichtige Russen wie nach der Ausrufung der Teilmobilmachung 2022 das Weite. Damals sollen laut „Forbes.ru“ bis eine Million das Land verlassen haben. Wie die russischen Grenzbehörden meldeten, haben vergangene Woche an mehreren Tagen wieder 20.000 Menschen am Kontrollpunkt Werchnij Lars die Grenze nach Georgien überschritten; in Armenien suchen Russen laut dem Portal „Verstka.media“ schon seit Juni vermehrt nach Wohnungen …
Selbst in Moskau herrscht Nervosität. „Einer unserer Produktionsmanager hat gekündigt“, erzählt ein Personalchef. „Er sagte, er wolle nicht riskieren, an die Front zu geraten, er habe zwei kleine Kinder.“ Der Mann sei nach Chile ausgewandert.



