Genau das hat METR nun geprüft. Die gemeinnützige Organisation untersucht unter anderem, ob KI-Entwickler die Kontrolle über ihre Systeme verlieren könnten. Vom 12. August bis 29. Oktober 2026 erhielten 2,5 Vollzeitkräfte nach eigenen Angaben bisher beispiellosen Zugang zu Benchmark-Ergebnissen unveröffentlichter Modelle, Trainingsmetriken, Mitarbeiterumfragen und internen Analysen, dazu kamen rund 15 Interviews mit Anthropic-Forschenden. METR nahm kein Geld von Anthropic, arbeitete aber aus Sicherheitsgründen auf Anthropic-Geräten.
Anthropic-CEO Dario Amodei hatte zuletzt zugesagt, externe Prüfer ins Unternehmen zu holen. Im Oktober stellte Anthropic dann eine Zusammenarbeit mit METR mit "mitarbeiterähnlichem Zugang“ vor. Die aktuelle Prüfung ist laut METR jedoch ein separates Projekt mit engerem Zuschnitt.
Zwei Jahre Fortschritt in einem Jahr
Seit Oktober 2025 steigen die Testergebnisse von Anthropics Modellen laut METR etwa 1,9-mal so schnell wie zwischen März 2024 und Oktober 2025. Grundlage ist der AECI, eine Kennzahl, die viele Benchmarks bündelt. Anthropic habe damit in einem Jahr so viel Fortschritt erzielt wie zuvor in zwei, grob vergleichbar mit dem Sprung von Claude 2.1 zu Sonnet 4.5. In die Analyse flossen auch drei unveröffentlichte Modelle ein, die zwischen Juli und Oktober 2026 fertig trainiert wurden. Vor Oktober 2025 legten Anthropics Modelle rund 15 AECI-Punkte pro Jahr zu, seither 29.
Vor Oktober 2025 legten Anthropics Modelle rund 15 AECI-Punkte pro Jahr zu, seither 29. Orange markiert sind unveröffentlichte Modelle. | Bild: METRDass die Beschleunigung nicht an schneller wachsender Rechenleistung im Training liegt, hält METR für sicher. Stattdessen schätzen die Prüfer, dass rund 80 Prozent des aktuellen Tempozuwachses auf den Einsatz von KI in Anthropics eigener Forschung zurückgehen. Ein Mitarbeiter sagte in den Interviews, man sei "nur noch durch Ideen und Rechenleistung begrenzt, nicht mehr durch Code".
Andere berichten, dass Experimente, deren Umsetzung früher ein bis zwei Tage dauerte, jetzt "praktisch kostenlos" seien. In informellen Slack-Umfragen gaben Mitarbeitende im Oktober 2026 im Schnitt an, mit dem neuesten internen Modell etwa zwölfmal so produktiv zu sein.
METR wertet diese Selbsteinschätzungen allerdings nur als "sehr lose" Belege, die unrepräsentativ seien und den tatsächlichen Gewinn vermutlich überschätzten.
Selbst eingeschätzter Produktivitätsgewinn: von 1,2-fach bei Claude 3.7 Sonnet auf 12-fach beim internen Model 4. | Bild: METRVollständig autonom forscht die KI noch nicht. Die Beschleunigung komme hauptsächlich durch Assistenz. Es gebe aber "Lebenszeichen" dafür, dass eigenständige Beiträge bald eine größere Rolle spielen könnten. Engpässe, die das Tempo in den nächsten zwölf Monaten bremsen würden, fand METR keine. Deshalb bestehe ein "signifikantes Risiko", dass sich die Beschleunigung im kommenden Jahr weiter verstärkt.
Große Unsicherheit und abweichende Stimmen
METR betont aber auch deutlich die Unschärfe der Ergebnisse: Die wahre Beschleunigung könne auch bei 1,3 liegen – oder 3. Rechne man Modelle von OpenAI, Google und xAI mit ein, bleibe ohnehin nur ein Faktor von 1,4, möglicherweise weil Anthropic 2025 hinter der Konkurrenz lag und der Aufholeffekt die Zahlen verzerrt.
Auch intern ist das Bild nicht einheitlich. Ein Forscher schätzt den KI-Anteil am Produktivitätsgewinn auf nur 15 bis 20 Prozent und misstraut den Selbstauskünften der Kollegen. Ein anderer hält dagegen Neueinstellungen für den wichtigsten Faktor der letzten Monate.
Geschwärzte Belege untergraben Prüfbarkeit
Anthropic hatte ein einseitiges Schwärzungsrecht über alle nicht öffentlichen Informationen und machte davon umfangreich Gebrauch. Laut METR wurde die Mehrheit der Belege gestrichen, die die Prüfer als am aussagekräftigsten bewerteten, darunter Prognosen für künftige Modelle, die Aufschlüsselung nach Trainingsschritten und die Engpassanalyse. Anthropic begründet die Schwärzungen mit vertraulichen Informationen, "die andere KI-Entwickler beschleunigen könnten".
Die Folge: Die Öffentlichkeit müsse sich stärker auf METRs Urteil verlassen, "als ideal wäre", schreibt die Organisation. Von Transparenz über die Belege könne keine Rede sein. Auf einem Graphen, den METR in ihrem Bericht veröffentlicht, prangt dementsprechend in großen Buchstaben "FAKE DATA".
Anthropic streicht Prüfung der Rechenverteilung
In einem begleitenden Review nimmt sich METR zudem Anthropics Risikobericht vom August 2026 vor. Dort erklärte das Unternehmen öffentlich, die Beschleunigung liege "unter einem Faktor 2". Die interne, ungeschwärzte Version impliziere jedoch einen Wert von 1,97, und Anthropic selbst halte es dort für "plausibel", dass die Schwelle überschritten sei. METR hält es daher für möglich, dass die Warnstufe bereits am 15. Juli erreicht war, und wirft dem öffentlichen Bericht vor, Beschleunigung und Unsicherheit zu untertreiben.
Anthropics Einstufung der akuten Katastrophengefahr als "niedrig" teilt METR aktuell. Eine weitere deutliche Beschleunigung in den nächsten sechs Monaten könne die Organisation aber nicht ausschließen, was schnell zu einer höheren Risikoeinstufung führen könnte.
Ursprünglich sollte METR auch verifizieren, wie Anthropic seine Rechenleistung zwischen Fähigkeits- und Sicherheitsforschung aufteilt. Anthropic strich diesen Teil mitten im Projekt mit der Begründung, man wolle den Fokus vorerst auf die Risikobewertung legen und die Compute-Prüfung später nachholen.
Daniel Kokotajlo, der hinter dem KI-Szenario "AI 2027" steht, reagierte auf X scharf: Die Prüfung der Rechenverteilung sei die Grundlage, um Zusagen zur Tempodrosselung überhaupt überprüfbar zu machen.



