01. Februar 2026 Susanne Aigner
Forscher verändern Blüten per Gen-Schere so, dass Roboter sie bestäuben können. Doch die Technik birgt ungeahnte Risiken.
Ob Nutzpflanzen, Wildpflanzen, Wirbeltieren, Insekten, Bakterien, Pilzen oder Viren: Mit Hilfe neuer gentechnischer Verfahren und Werkzeugen wie die Gen-Schere CRISPR/Cas kann jedes Gen jeder Lebensform gentechnisch verändert und diese Veränderungen innerhalb der jeweiligen Art verbreitet werden.
Betroffen sind auch Wildpflanzenarten wie Ackerschmalwand, Alpenkresse, Borstenhirse, Glockenblumen, Leindotter, Luzerne, Pappel, Raps, Reis, Sorghum und Zwenke können sich auskreuzen und sich auf Feldern und in der Umwelt verbreiten. Einzelne Arten können sich zu schädlichen Unkräutern entwickeln.
NGT-Wildpflanzen können Wildpopulationen verändern
Die Morphologie der Blüten als auch der Blühzeitpunkt sind wichtige Faktoren für die Fortpflanzung. Ein veränderter Aufbau der Blüten kann den Genaustausch mit natürlichen Populationen verstärken. Kleine Veränderungen in regulatorischen DNA-Elementen können zu Genvarianten führen, die mit konventionellen Methoden unmöglich zu erreichen sind.
Zudem beeinflussen Veränderungen eines einzelnen Merkmals oft auch andere Pflanzenmerkmale (Trade-offs), so dass die Auskreuzung nicht nur die Blüte verändert, sondern auch damit verbundene Merkmale, die für das Fortbestehen von Wildpflanzen relevant sind.
All das kann zur Folge haben, dass Interaktionen innerhalb und zwischen den Arten gestört, die Fortpflanzung der Pflanzen behindert sowie Insekten gefährdet werden.
Werden NGT-Pflanzen unkontrolliert in die Umwelt freigesetzt, stellen sie mit ihren manipulierten Blüten ein ernstes Risiko für die biologische Vielfalt und den Artenschutz dar, warnt Christoph Then von Testbiotech, einem unabhängigen Institut für die Folgenabschätzung im Bereich Gentechnik.
"Robo-Blüten" – wenn Roboter Bienen ersetzen
Mit Hilfe der Neuen Gentechnik (NGT) kann der Aufbau der Blüten so verändert werden, dass eine Bestäubung durch Roboter erfolgen kann. So genannte Robo-Blüten oder Roboterblumen sollen natürliche Blüten imitieren bzw. deren Bestäubung unterstützen.
Ziel ist es, die "Bestäubung und Pflanzenzüchtung effizienter zu gestalten" – insbesondere als Reaktion auf das Bienensterben. So werden durch gentechnische Eingriffe an Nutzpflanzen wie Soja und Tomaten die Blüten für Roboter, die oft an natürlichen, filigranen Blüten scheitern, besser zugänglich.
Die Bestäubung wird stark vereinfacht – nicht durch bessere Roboter, sondern durch besser zugängliche Blüten. So gelang es Gentechnikern, mit Hilfe der Genschere CRISPR Tomatenlinien zu entwickeln, deren Blüten einen gut sichtbaren, herausragenden Griffel besitzen und gleichzeitig männlich steril sind.
Die Bestäubung übernimmt ein Roboterarm, der die Blüten mithilfe künstlicher Intelligenz erkennt und punktgenau den Stempel ansteuert. Damit werde ein Arbeitsschritt automatisiert, der bisher als kaum mechanisierbar galt, freuen sich die Wissenschaftler.
Roboterfreundliche Sojablüten
Auch die Sojapflanze mit ihren natürlicherweise geschlossen Blütenblättern ist für Roboter schwer zugänglich. Doch mit Hilfe der Genschere CRISPR wurden neue Blütenformen entwickelt, die von Robotern gut erreicht werden können.
Die sichtbaren Merkmale der "neu entwickelten Blüten ermöglichen es, sterile und fertile Linien ohne aufwendige Laboranalysen zu unterscheiden", argumentieren die Züchter. Die Einführung in die Praxis brauche allerdings noch Zeit, räumen sie ein, denn die neuen Methoden müssen zunächst in bestehende Abläufe integriert und wirtschaftlich bewertet werden.
"Speed Breeding": Verkürzte Züchtungsprozesse mit besseren Inhaltsstoffen?
Mit Hilfe des Speed Breeding wollen die Gentechniker "Züchtungsprozesse beschleunigen", um das Pflanzenwachstum zu "optimieren und die Generationenwechsel zu beschleunigen".
Unter verlängerten Tageslängen, kombiniert mit automatisierter Bestäubung, lassen sich bis zu sechs Generationen pro Jahr erzielen, statt wie üblich nur zwei bis drei, argumentieren sie. So wurden innerhalb eines einzigen Jahres neue Tomatenlinien entwickelt, die einen "um 61,9 Prozent höheren Zuckergehalt" sowie "über 50 Prozent mehr Lycopin" aufweisen. Gleichzeitig behalten sie ihre natürlichen Resistenzmerkmale, betonen sie.
Konvergenz von Gentechnik und KI birgt Risiken
NGT-Eingriffe werden oft durch künstliche Intelligenz unterstützt, was die Entwicklung solcher Anwendungen in naher Zukunft noch erheblich beschleunigen wird. So werden in kürzester Zeit viele gentechnisch veränderte Organismen in Umlauf gebracht – Pflanzen und Tiere bis hin zu neuen pathogenen Viren, befürchten Gentech-Kritiker. Wird die Entwicklung der NGT durch KI unterstützt, werde sich Entwicklung solcher Anwendungen künftig noch beschleunigen, fürchten die Autoren.
Ausmaß und das Tempo der Freisetzungen und die daraus resultierende Exposition, zum Beispiel gegenüber Bestäubern, müsse Teil der Risikobewertung sein. Im aktuellen Bericht "… weit jenseits aller Kontrolle und Vorhersage. Die Konvergenz von Gentechnik und KI" warnt Testbiotech dem entsprechend vor Risiken für die biologische Vielfalt.
Patente auf Lebewesen gehören generell verboten!
Der Einsatz der KI zum Design von Gentechnik-Organismen eröffnet eine neue Dimension exklusiver Schutzrechte, bei der nicht die KI-Programme selbst beansprucht werden, sondern die daraus resultierenden Organismen.
So hat die Firma Pioneer ein KI-Programm zum Patent (WO 2024006802) angemeldet, mit dem die Eigenschaften von Pflanzen, Tieren und Mikroorganismen gleichermaßen designt werden können.
Die im Patent beschriebene KI soll dazu dienen, die Funktion der Gen-Schere CRISPR/Cas zu optimieren. Einige Patentansprüche sind so formuliert, dass alleine schon der Einsatz der KI als Züchtungsmethode gelten würde. Damit könnten auch alle mit diesen Programmen "bearbeiteten" Organismen – Pflanzen, Tiere, Bakterien – als patentierte Erfindung gelten.
Konzerne wie Monsanto/Bayer haben bereits Patente auf NGT-Pflanzen mit manipuliertem Blühzeitpunkt angemeldet.
Angetrieben von Profitinteressen werden die Unternehmen versuchen, so schnell wie möglich damit auf den Markt zu kommen, kritisiert Testbiotech. Dadurch werde das Tempo und der Umfang von Freisetzungen sowie der Druck auf die Ökosysteme erhöht. Die Organisation fordert nicht nur ein Verbot derartiger Patentansprüche, sondern ein generelles Verbot von Patenten auf Pflanzen und Tieren in Europa.
Neue EU-Gesetze sollen Rahmenbedingungen für NGT aufweichen
Ginge es nach der EU, sollen die meisten dieser NGT-Pflanzen (darunter auch die "Robo-Blüten") als gleichwertig mit Pflanzen aus konventioneller Züchtung eingestuft werden.
Die vorgeschlagene künftige Regulierung reicht nicht aus für einen sicheren Umgang mit NGT-Pflanzen, betont die Gentech-kritische Organisation Testbiotech. Sie würde die massenhafte Freisetzung von NGT-Pflanzen ohne Umweltrisikoprüfung auch dann erlauben, wenn diese völlig neu für die Umwelt sind.
Veränderungen in der Blüte wurden zwar bereits durch frühere Züchtungsmethoden erreicht. NGTs können jedoch über alles hinausgehen, was konventionelle Züchtung erreichen kann, warnt Testbiotech im Hintergrundbericht "Manipulated flowering in NGT plants: A crack in ecosystems" vom Januar 2026. Während konventionelle Züchtungsmethoden auf bestimmte Genomregionen in Pflanzen nicht zugreifen können, können NGTs diese Einschränkungen umgehen.
Risikotechnologien müssen kritisch hinterfragt werden
Ausgerechnet in dieser Situation will die EU Pflanzen aus Neuer Gentechnik deregulieren, so dass diese ohne Risikoprüfung in die Umwelt gelangen können. Bewährte Gentechnik-Regelungen wie Risikoprüfung, Kennzeichnungsplicht, Rückholbarkeit, Schutzmöglichkeiten vor Gentechnik-Kontaminationen und Haftungsregelungen sollen abgeschafft werden. Es soll auch kein Verbot von Patenten auf neue Gentechnik-Pflanzen geben.
In Erwartung kurzfristiger Gewinne werden unumkehrbare Entwicklungen in Gang gesetzt, die langfristig zu großen Schäden an Mensch und Umwelt führen, kritisieren die Autoren von Testbiotech in einem Bericht von 2024. Sie fordern mehr Risikoforschung, weniger Einfluss der Industrie sowie eine Stärkung des Vorsorgeprinzipes.
Forschungsanreize sollten den Nutzen für die Allgemeinheit fördern, anstatt privatwirtschaftliche Interessen zu bedienen. Werden Forschungsprogramme entwickelt, muss die Zivilgesellschaft daran teilhaben dürfen.
Resolution und Aufruf zur Email-Aktion
Anlässlich der Grünen Woche, die im Januar in Berlin stattfand, verfassten 45 Organisationen eine entsprechende Resolution an politische Entscheidungsträger.
Darüber hinaus ruft die Interessengemeinschaft Gentechnikfreie Saatgutarbeit (IG Saatgut) und der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (ABL) zu einer landesweiten Email-Aktion auf. Erklärtes Ziel ist es, eine weitere Deregulierung des Gentechnik-Gesetztes zu verhindern. Tausende Emails sollen Abgeordnete und Entscheidungsträger dazu bewegen, den neuen Entwurf abzulehnen – damit die bewährten Regelungen auch für die Neuen Gentechniken gelten!



