Die Nutzung von KI im Recruiting führt zu einer Flut von gefälschten Bewerbungen und stellt Personaler vor neue Herausforderungen.
Künstliche Intelligenz (KI) verändert die Arbeitswelt. Nach einer Studie der Beratungsfirma Deloitte haben über 60 Prozent der Befragten hierzulande bereits Zugang zu KI-Tools. Die tägliche Nutzung ist mit 23 Prozent mehr als doppelt so hoch wie im globalen Durchschnitt.
Der Versandhändler Otto etwa nutzt Deep-Learning-Algorithmen zur Vorhersage, welche Produkte in den nächsten 30 Tagen gefragt sein werden. Auf Basis dieser KI-Prognosen nimmt das Unternehmen Vorbestellungen vor. Auch die Beantwortung von Standardanfragen über Call-Center wird zunehmend automatisiert. Viele Unternehmen setzen sprachbasierte Assistenten ein, die rund um die Uhr erreichbar sind.
In vielen Handwerksbetrieben ist Künstliche Intelligenz bereits fester Bestandteil der Büroarbeit – etwa bei Angeboten oder der Baustelldokumentation. Generell habe das Handwerk wenig Berührungsängste beim Thema KI, wie Christoph Krause vom Mittelstand-Digitalzentrum bei der Handwerkskammer Koblenz erklärt. Das Interesse daran sei in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, vorwiegend bei kleineren Betrieben. "Das Potenzial ist enorm", so Krause.
Alles, was nach klaren Regeln abläuft, lässt sich gut automatisieren. Gleichzeitig entsteht mehr Zeit für kreative Lösungen, strategisches Denken und persönliche Gespräche.
Jörg Schmidt, Geschäftsführer der Haufe AkademieKI-Einsatz: Widersprüchliche Entwicklungen
Geradlinig gelingt die KI-Einführung in den Betrieben aber nicht. Denn die neue Technik kann eine Erleichterung sein, indem Aufgaben automatisiert werden. Gleichzeitig kann KI zu Mehraufwand führen, wie sich in vielen Unternehmen derzeit bei der Bewerbersuche zeigt.
Die neue Technik hilft bereits bei der Auswahl von Bewerbern. Etwas durch "CV-Parsing", auch bekannt als Lebenslauf-Parsing. KI sichtet Bewerbungsunterlagen und erstellt Persönlichkeitsprofile. Beworben wird "Robot-Recruiting", bei dem eine Software eigenständig Bewerber zu einem Interview einlädt und nach dem Gespräch eine Bewertung zur Person abgibt.
Häufiger findet jedoch "Video-Recruiting" statt. Bewerber müssen sich per Webcam Fragen stellen, wobei KI das Verhalten im Gespräch analysiert und ein Persönlichkeitsprofil erstellt. Manche Anbieter geben vor, mit ihrer Software aus einem Anschreiben komplette Persönlichkeitsprofile zu erstellen.
"Die Tatsache, dass die meisten Anschreiben schon lang nicht mehr von den Bewerberinnen und Bewerbern selbst verfasst werden, trübt die Euphorie der Anbieter kaum", kritisiert Uwe P. Kanning, Wirtschaftspsychologe an der Hochschule Osnabrück. Personalabteilungen können so Zeit für aufwendige Gespräche sparen.
Unterschätzt werden jedoch die Wirkungen auf Bewerber. Nach einer Umfrage führt der KI-Einsatz zu einer "signifikant schlechteren Bewertung" des Unternehmens. Die Befragten sind weniger geneigt, sich bei ihm zu bewerben.
Sie akzeptieren jede der KI-gestützten Methoden signifikant weniger als eine herkömmliche Sichtung der Bewerbungsunterlagen sowie ein Einstellungsgespräch.
Uwe P. KanningAuch rechtlich gibt es Risiken für Unternehmen. "Schwierig bleibt es auch bei der ethischen KI-Governance. Die Nutzung von Künstlicher Intelligenz im Unternehmen muss transparent, erklärbar und datenschutzkonform erfolgen", erläutert Elke Singler, Beraterin und Expertin für den HR-Softwaremarkt.
In vielen Unternehmen fehlen Konzepte zur Einhaltung der KI-Verordnung (EU-KI-VO), die sich auch auf Neuerungen seit August beziehen. Die Verordnung legt Verpflichtungen für Anbieter und Nutzer von KI-Systemen fest und soll einen einheitlichen rechtlichen Rahmen für den KI-Einsatz in der Europäischen Union bieten.
In jedem Unternehmen sind KI-Systeme in Kategorien mit minimalem, hohem oder unannehmbarem Risiko einzuteilen. Die Vorgaben treten in mehreren Stufen in Kraft. So drohen ab August 2025 den Unternehmen Geldbußen, die gegen die bereits bestehenden Verpflichtungen verstoßen. Bis zu 35 Millionen Euro oder sieben Prozent des gesamten Jahresumsatzes sind mögliche Strafzahlungen hoch.
Mehraufwand durch Fake-Bewerber
KI kann aber auch zu aufwendiger Mehrarbeit für Personalentscheider führen. Das Schreiben von Bewerbungen wird durch die Technik erleichtert. Das Programm Loopcv, verspricht Stellensuchenden: "Lade deinen Lebenslauf hoch, wähle den gewünschten Jobtyp und drücke auf Start! Loopcv bewirbt sich jeden Tag massenhaft in deinem Namen."
Vor "Deepfakes im Recruiting" warnt deshalb Jan Hawliczek, Geschäftsführer von Die Grüne 3. Denn es gehen zahlreiche Bewerbungen ein, die zumindest KI-gestützt sind (Es gibt zahlreiche Programme, die genutzt werden können).
Dahinter stecken zum Teil Bots, die eine Bewerbung generieren und versenden, ohne dass eine reale Person dahintersteckt. Zum Teil kommen diese Bewerbungen von tatsächlich existierenden Stellensuchenden, die ein KI-System nutzen, um sich auf passende Stellen zu bewerben. Diese Personen wissen aber gar nicht, wo genau sie sich bewerben. Die Entscheidung trifft die KI
Jan HawliczekEr warnt auch vor Fake-Lebensläufen inklusive Bewerbungsfotos, die KI-generiert sind. Diese Entwicklung stellt Personaler vor große Herausforderungen, da "wir kaum standardisieren können, wie wir auf welche Bewerbung reagieren. Momentan sehen wir uns die Bewerbungen einzeln an, um sie bewerten zu können".
Auch beim Bewerbungsgespräch per Webcam werde getrickst, indem Technik sekundenschnell Bewerber beim Antworten unterstützen, um Fachwissen vorzutäuschen.
"Die höchste Stufe von Deepfakes im Jobinterview ist, dass eine komplett autonome KI das Gespräch führt – also kein Mensch im Gespräch involviert ist. Solche Fälle kommen erst sehr selten vor, sind aber nicht gänzlich neu. Auch das wird sicherlich zunehmen". Software ermögliche es, KI-Avatare für diese Gespräche zu erstellen.
Finanzen per KI gemanagt
Auch in der Finanzabteilung ist der KI-Einsatz für Unternehmen attraktiv. "Hier werden zahlreiche Daten gesammelt, repetitive Aufgaben erfüllt und Daten analysiert", berichtet Diplom-Finanzwirtin Sylvia Meier.
In der Buchhaltung werden Rechnungen per Scan eingelesen, automatisch den richtigen Kostenstellen zugeordnet und zur Freigabe weitergeleitet. Mit KI können Prozesse beschleunigt werden – die Expertin sieht aber auch viele Probleme:
Obwohl KI viele Optionen bietet, müssen Unternehmen noch einige Hürden nehmen, um tatsächlich erfolgreich zu sein.
Die Beratungsgesellschaft PwC hat in einer aktuellen Studie untersucht, wie Unternehmen KI im Rechnungswesen einsetzen. Nur 27 Prozent der Befragten nutzen KI zur Automatisierung der Abschlussprüfung.
Der Einsatz von KI scheitert momentan oft an fehlenden qualifizierten Beschäftigten und der Verfügbarkeit von IT-Dienstleistern. "Dabei könnte KI viele Arbeitsschritte automatisieren. Potenzial wird beispielsweise im Bereich Jahresabschluss gesehen", ergänzt die Finanzwirtin.
Diese Veränderungen erhöhen die Anforderungen an die Belegschaften. Vorgaben der EU-KI-VO ignorieren Unternehmensentscheider jedoch häufig. Die Pflicht zur Schulung von Beschäftigten, die mit KI arbeiten, wird in vielen Fällen vernachlässigt.
Führungskräfte sollten eine Kultur des lebenslangen Lernens fördern, in der der Umgang mit KI genauso selbstverständlich trainiert wird wie früher Office-Kenntnisse.
Benedikt von Kettler, UnternehmensberaterWichtig sei reflexive KI-Nutzung als "neue Basiskompetenz". Unternehmen sollten "Plattformen für den Wissensaustausch schaffen, wo erfahrene Mitarbeiter und KI-Neulinge zusammenkommen".



