Stand: 12.08.2026, 10:55 Uhr
Von: Lisa Weegner
Patriot-Mangel könnte den Krieg verlängern – Russland baut mehr ballistische Raketen.
Der Mangel an Patriot-Abfangraketen könnte den Ukraine-Krieg nach Einschätzung des US-Instituts für Kriegsstudien ISW bis ins Jahr 2027 verlängern. Russland stelle seine Waffenproduktion gezielt auf ballistische Raketen und schnellere Drohnen um, um Schwächen der ukrainischen Luftverteidigung auszunutzen. Für den kommenden Winter warnen die Analysten vor verstärkten Angriffen auf die Energieversorgung.
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Das ISW sieht darin mehr als eine technische Anpassung. Nach Einschätzung des Instituts geht der Kreml davon aus, den Mangel an Patriot-Abfangraketen für zusätzlichen militärischen Druck nutzen zu können. Solange Moskau einen solchen Weg zu seinen Kriegszielen sehe, seien ernsthafte Verhandlungen und größere Zugeständnisse weniger wahrscheinlich.

Ein wichtiger Teil dieser Strategie sind ballistische Raketen. Nach Angaben des stellvertretenden ukrainischen Militärgeheimdienstchefs Wadym Skibizkyj verschiebt Russland seine Produktion bereits seit April zugunsten solcher Systeme. Zwischen April und Juli habe sich die monatliche Zahl der eingesetzten ballistischen Raketen mehr als verdreifacht.
Russland baut mehr ballistische Raketen
Russland habe dafür die Produktion weniger präziser Kinschal- und Ch-32-Raketen ausgesetzt, erklärte Skibizkyj. Bei wichtigen Raketentypen liege die Produktion derzeit zehn bis 20 Prozent über den monatlichen Planvorgaben. Zugleich würden bei Angriffen vor allem neu produzierte Raketen eingesetzt. Vorhandene Bestände blieben damit teilweise unangetastet.
Auch größere Angriffswellen seien möglich. Nach Angaben des ukrainischen Kommandeurs Robert Browdi kann Russland derzeit gleichzeitig 77 Raketen verschiedener Typen abfeuern. Moskau arbeite daran, diese Zahl auf bis zu 200 zu erhöhen. Browdi betonte allerdings, dass sich diese Angaben auf Raketen unterschiedlicher Typen beziehen und nicht nur auf ballistische Systeme.
Auch bei Drohnen verändert Russland nach ukrainischen Angaben seine Produktion. Langsamere Modelle mit Kolbenmotor lassen sich inzwischen häufiger abfangen. Deshalb sollen verstärkt die strahlgetriebenen Geran-4 und Geran-5 gebaut werden. Sie erreichen höhere Geschwindigkeiten und verkürzen damit das Zeitfenster für einen Abschuss.
Für August plane Russland insgesamt 11.000 Drohnen verschiedener Geran-, Garpiya- und Gerbera-Varianten, sagte Skibizkyj. Im Juli sei die Produktion zunächst leicht gesunken, weil Kapazitäten auf die schnelleren Modelle umgestellt worden seien.
ISW warnt vor Angriffen im Winter
Das ISW erwartet im Winter 2026/27 stärkere russische Angriffe auf die ukrainische Energieversorgung. Der ukrainische Drohnen- und Elektronikspezialist Serhij Beskrestnow warnte ebenfalls vor einer solchen Kampagne. Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte Anfang August, praktisch kein ukrainisches Kraftwerk sei noch unbeschädigt.
Besonders schwer wiegt nach Darstellung des ISW der Mangel an Patriot-Abfangraketen. Patriot sei das einzige ukrainische Luftabwehrsystem, das russische ballistische Raketen abfangen könne. Die Analysten leiten daraus auch eine politische Folge ab: Der Engpass könne Russland im Winter zusätzlichen Spielraum für massive Angriffe geben und damit ernsthafte Verhandlungen weiter hinauszögern. Nach Einschätzung des ISW könnte dies dazu beitragen, den Krieg bis 2027 zu verlängern. Quellen: Institute for the Study of War (ISW), nif/red.



