Update:
OpenAI hat den angekündigten Mathematik-Bericht veröffentlicht und dabei erstmals offiziell den Modellnamen Astra bestätigt. Laut OpenAI hat eine interne Version von Astra, der "nächsten großen Modellfamilie" des Unternehmens, zehn offene Probleme aus der Mathematik und theoretischen Informatik gelöst. An allen Problemen hatte die Fachwelt seit mindestens einem Jahrzehnt keinen Fortschritt mehr erzielt, in den meisten Fällen deutlich länger.
Die Ergebnisse erstrecken sich über sehr unterschiedliche Teilgebiete: von hochdimensionaler Geometrie und Codierungstheorie über Gruppentheorie, Quantenkomplexität und Gitterkryptografie bis hin zu extremaler Kombinatorik. Unter den gelösten Problemen ist etwa der Nachweis, dass sogenannte nicht-sofische Gruppen existieren, eine zentrale offene Frage der Gruppentheorie.
Thomas Bloom, Mathematiker an der University of Manchester und Betreiber der Sammlung erdosproblems.com, spricht bei X von "großen Neuigkeiten" und stuft die Ergebnisse höher ein als das im Mai veröffentlichte Gegenbeispiel zur Einheitsabstands-Vermutung. "Was Konstruktionen angeht, ist das groß", schreibt Bloom.
Noam Brown, einer der Köpfe hinter der Test-Time-Reasoning-Technologie, die Astra zugrunde liegt, räumt bei X allerdings ein, dass OpenAI an anderen großen Problemen auch gescheitert sei. "Leider keine Millennium-Probleme (bisher)", schreibt er. Gemeint sind die sieben berühmtesten ungelösten Fragen der Mathematik, für deren Lösung das Clay Mathematics Institute jeweils eine Million US-Dollar Preisgeld ausgesetzt hat. Seit dem Jahr 2000 wurde nur eines davon gelöst. Allerdings habe man pro Problem nicht viel Rechenleistung aufgewendet, so Brown. Test-Time-Compute lasse sich noch deutlich weiter skalieren. Brown bezeichnet Astra als "großen Schritt für wissenschaftliches Reasoning".
KI-Mathematik wird günstiger
Die Rechenkosten für die Lösungen sind bemerkenswert niedrig: Laut OpenAI hätten die benötigten Tokens zu den API-Preisen des Modells Sol rund 2000 US-Dollar gekostet. Die Argumente wurden anschließend von Menschen gemeinsam mit demselben Modell zu Manuskripten aufbereitet. Das Modell formalisierte jeden Beweis danach in einem Lean-Zertifikat, einer maschinenprüfbaren Bestätigung der mathematischen Korrektheit. Zusätzlich veröffentlicht OpenAI für jede Lösung eine Erzählung des Denkprozesses des Modells.
OpenAI grenzt die Urheberschaft ab: Man habe bei der Erstellung der Manuskripte und der Formalisierung geholfen und übernehme die Verantwortung für die Korrektheit, die mathematischen Argumente selbst stammten jedoch vom System. Menschliche Autorenschaft für einen vollständig von einer KI erzeugten Beweis zu beanspruchen, würde sowohl den Beitrag des Systems als auch die Natur echter menschlicher Denkarbeit falsch darstellen. Das Unternehmen verweist dabei auf die Unterzeichner der Leiden-Erklärung zu KI und Mathematik.
Bloom relativiert den Gedanken, KI ersetze Mathematiker: Es sei nicht angemessen, so zu argumentieren, wenn die KI auf über einem Jahrhundert mathematischer Theorie aufbaue, von Mathematikern gebaut worden sei und mit allem trainiert worden sei, was Mathematiker je geschrieben hätten.
Ursprünglicher Artikel:
OpenAI arbeitet an neuer Modellfamilie "Astra", die stunden- oder tagelang an Problemen arbeiten soll
OpenAI arbeitet an einer neuen Modellfamilie mit dem vorläufigen Namen "Astra", die bei langandauernden Aufgaben deutlich leistungsfähiger sein soll als bisherige Modelle.
CEO Sam Altman hat Astra in dieser Woche Politikern und Regulierungsbehörden in Washington D.C. vorgeführt. OpenAI betonte dabei die Fähigkeit, mehrere Agenten über einen längeren Zeitraum zusammenarbeiten zu lassen, um besonders schwierige Probleme zu lösen. Als mögliche Anwendungsgebiete nannte das Unternehmen komplexe Projekte und fortgeschrittene mathematische Aufgaben. Das berichtet The Information unter Berufung auf drei mit den Plänen vertraute Personen.
Astra soll laut dem Bericht eine neue Modellklasse neben den bestehenden Familien Sol, Terra und Luna bilden. Ob das Modell als GPT-6 oder als zusätzliche Variante innerhalb der GPT-5-Reihe erscheint, etwa als GPT 5.7, ist offenbar noch nicht entschieden. Auch ein Veröffentlichungstermin steht nicht fest.
OpenAI will zudem in Kürze einen Bericht veröffentlichen, der zeigt, wie das Unternehmen mit seiner fortschrittlichsten KI zehn zuvor ungelöste mathematische Probleme gelöst hat. Damit will OpenAI die Leistungsfähigkeit seiner aktuellen Modelle demonstrieren.
Astra soll erstes Modell unter neuem US-Regulierungsrahmen werden
Die Modelle befinden sich laut The Information bereits in der Testphase. Sie sollen die ersten sein, die das geplante neue Framework der Trump-Administration durchlaufen. Das Regelwerk sieht vor, dass KI-Modelle der Bundesregierung vorgelegt werden, bevor sie öffentlich freigegeben werden. Die Administration strebt an, es bis zum Wochenende zu finalisieren.
Interessant wird dabei die Frage, wie anfällig die Modelle in langlaufenden Arbeitsprozessen für sich aufschaukelnde Fehler sind. Entscheidend ist, ob sie sich selbst korrigieren können, wenn sich ein Arbeitsablauf in die falsche Richtung entwickelt und der Kontext immer weiter anwächst. Genau das ist eine Schwachstelle aktueller agentischer Systeme.
Auch Multi-Agenten-Set-ups, wie es Astra sein soll, sind kein Selbstläufer: Bei stark aufeinander aufbauenden Aufgaben wie Planung verschlechtern sie die Leistung bislang teils deutlich, weil Koordinationsaufwand und Fehlerverstärkung die Gewinne aufzehren.
Fernziel autonome KI-Forschung
Die Gerüchte zu Astra passen zu früheren Aussagen des Unternehmens. Chief Scientist Jakub Pachocki erklärte im offiziellen OpenAI-Podcast, dass OpenAI KI-Systeme entwickeln wolle, die über Stunden oder Tage hinweg an einem Problem arbeiten. Derzeitige Systeme seien oft auf kurze Aufgaben beschränkt. OpenAI wolle jedoch Modelle bauen, die langfristig planen, denken und experimentieren können. Ende letzten Jahres stellte das Unternehmen sogar die Frage, wie man über Systeme nachdenken soll, die Aufgaben lösen könnten, für die ein Mensch Jahrhunderte bräuchte.
Bis März 2028 will das Unternehmen einen vollautonomen KI-Forscher fertigstellen, der eigenständig Forschungsprojekte durchführt. Auch dieser dürfte auf langlaufende KI-Prozesse angewiesen sein. Noch in diesem September soll ein KI-System mit den Fähigkeiten eines Forschungspraktikanten entstehen, das menschliche Wissenschaftler deutlich beschleunigen soll. Möglicherweise handelt es sich dabei um Astra.
Pachocki sagte auch, dass diese Systeme deutlich mehr Rechenleistung benötigen würden: OpenAIs langfristige Infrastrukturplanung unterstreicht diese Ambitionen. Offen bleibt, ob der Umsatz des Startups schnell genug wächst, um diesen massiven Ausbau finanziell stemmen zu können.
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