Sie war müde. Es war Sonntag, ihr langer Lauftag. Sie joggte dann auch mal zehn, fünfzehn Kilometer. Nun war sie schon auf dem Rückweg, der Akku ihrer Kopfhörer war leer, und sie lief den schmalen Weg am Weiher entlang, im Februarlicht, allein. Da bemerkte sie einen Schatten. Yanni Gentsch wurde noch mal wach.
Was dann geschah, ist längst viral gegangen. Yanni Gentsch erzählt ihre Geschichte trotzdem noch einmal. Die Sonne kam von links, „und rechts konnte ich in dem Moment gut einen Schatten sehen“. Sie wunderte sich: Irgendjemand verharrte hinter ihr, länger, als es sein müsste. „Als Frau hat man seine Umgebung in solchen Momenten ja schon immer im Blick.“
„Sie haben mich beim Laufen gefilmt. Vermutlich meinen Arsch!“
Sie drehte sich um, und dann ging alles ganz schnell. Ein Mann fuhr auf dem Rad hinter ihr und filmte sie. Und weil Yanni Gentsch einfach stehen blieb, fuhr er ihr direkt in die Arme. Sie kann heute nicht mehr sagen, wie sie auf die Idee kam, den Mann nun ihrerseits zu filmen. „Ich hatte gar keine Zeit, mir groß was zu überlegen oder Entscheidungen zu treffen. Das war ein Reflex. In dem Moment hatte ich die große Mission: Lösch dieses Video!“ Aber auch noch etwas anderes dachte sie sich: Das glaubt mir doch kein Mensch. „Weil das einfach so absurd war! Auch wenn ich weiß, dass so etwas regelmäßig passiert.“
Im Video der Dreißigjährigen kann man das alles genau nachverfolgen: Der Mann sucht auf dem Handy nach den Aufnahmen. Immer wieder muss sie ihn auffordern, das Video auch wirklich zu löschen. „Das eine Video war auch lang, bestimmt 20 Sekunden“, erinnert sie sich. Zu sehen sei sie von hinten gewesen, erst von Weitem, dann zoomte die Aufnahme auf ihren Po. „Da stecken doch so viele Teilentscheidungen dahinter“, sagt Gentsch. „Er hat mich von Weitem gesehen, meinen Körper sexualisiert und dann beschlossen, mich zu filmen.“ Als der Mann die Videos schließlich gelöscht hat, fordert er Gentsch auf, sie solle nun auch ihres löschen. „Natürlich nicht!“, antwortet sie.

Danach wollte Gentsch einfach nur weg, weg vom Weiher, weg von dem Mann, „die Luft war raus“. Sie habe gemerkt, dass die Entschuldigung des Mannes nicht ernst gemeint gewesen sei. „Da war keinerlei Reue“, sagt sie, höchstens darüber, dass sie ihn erwischt hatte. Sie ging, doch der Mann wollte weiterdiskutieren. „Da habe ich dann die Videofunktion ganz bewusst noch einmal eingeschaltet.“ In der zweiten Hälfte ihres viralen Videos ist diese Situation zu sehen: Sie erklärt dem Mann sein Fehlverhalten. Er will wissen, warum sie „so aggressiv“ sei – er habe doch nichts gemacht. „Sie haben mich beim Laufen gefilmt. Vermutlich meinen Arsch!“ Warum, fragt er, trage sie auch eine solche Hose? „Weil ich laufen gehe!“ Sie könne doch eine „normale“ Hose tragen – Gentsch trug eine Laufhose.
„Dass Hosen in meinem Leben mal eine solche Rolle spielen, hätte ich nicht gedacht“, sagt Yanni Gentsch, während sie am Decksteiner Weiher entlangläuft. Auch hier geht sie zuweilen joggen, so wie viele andere Kölnerinnen. Beim Laufen, sagt sie, denke sie nicht darüber nach, ob sie anderen gefalle. Sie will einfach Sport machen. „Existieren.“
Anzeige erstatten konnte Yanni Gentsch nicht
Nach dem Vorfall rief sie eine Freundin an, kam nach Hause und lud das Video hoch, noch bevor sie duschen ging. Das Gesicht des Mannes machte sie unkenntlich. Mehr als 16 Millionen Mal wurde das Video auf Instagram inzwischen aufgerufen, fünf Millionen Mal auf Tiktok. Mit dieser Resonanz hatte Gentsch, die selbst im Marketing arbeitet, nicht gerechnet. „Virale Videos kann man nicht planen.“ Sie hatte vorher einen ganz normalen Instagram-Account, auf dem sie ihren Alltag teilte. „Ich benutze Instagram wie ein Tagebuch.“ So wie viele andere auch. „Man könnte jetzt sagen: Das war einfach eine weitere Anekdote aus meinem Leben.“ Irgendwie hatte sie das Bedürfnis, diese festzuhalten. „Und ich dachte mir auch: Es gibt so selten Beweise für übergriffiges Verhalten. Dabei kommt es so oft vor! Und ich muss damit jetzt nicht allein sein.“
Über den Austausch, der unter dem Video und über das Video hinaus entstand, freute sie sich. Hunderttausende Kommentare finden sich darunter, Frauen, die sich bedanken, für ihren Mut und ihre Entschlossenheit. Männer, die sich über den Mann im Video aufregen. Und immer wieder auch die Frage: „Warum hast du ihn nicht angezeigt?“

Am Tag nach dem Vorfall ging Yanni Gentsch zur Polizei. Sie trug dem Beamten ihr Anliegen vor. Der erklärte ihr: Anzeige erstatten könne sie nicht. Streng genommen war das, was der Mann getan hatte, nämlich nicht strafbar. „Ich glaube, in dem Moment war ich verblüffter als nach dem Vorfall selbst.“ Für den Polizisten war die Sache damit erledigt. Aber Yanni Gentsch hatte Fragen.
Die Verletzung des Intimbereichs durch Bildaufnahmen, im Strafgesetzbuch in Paragraph 184k geregelt, greift in Gentschs Fall nicht – weil sie zu angezogen war, trotz Laufhose. Hier geht es um „Upskirting“ oder „Downblousing“, also das ungewollte Fotografieren ins Dekolleté oder unter den Rock. Hätte sie einen Rock und Unterwäsche getragen, wäre es also schon wieder etwas anderes gewesen.
Auch verbreitet oder veröffentlicht wurden die Aufnahmen nicht, sie befanden sich zudem im öffentlichen Raum. Und der Mann hatte Gentsch nie berührt. Die Aufnahme des Mannes von Yanni Gentschs Gesäß beim Laufen war keine Straftat. „Damit hatte ich dann echt ein Problem“, sagt Gentsch. Sie fühlte sich ungerecht behandelt. „Da beiße ich mich dann fest.“ Gemeinsam mit einer Polizistin füllte sie einen Beobachtungs- und Feststellungsbericht aus. Sie hatte zwar keine Kontaktdaten des Mannes vom Weiher, doch sie zeigte der Beamtin die Aufnahmen, die sie gemacht hatte. „Unzensiert natürlich.“ Als ihr Video dann später viral gegangen war, rief eine andere Mitarbeiterin der Polizei sie an. Sie und ihre Kolleginnen hätten geweint. Weil sie Gentsch so gern geholfen hätten.
Sie ist erst fertig, wenn alle Frauen joggen gehen können
Kurz darauf bekam Yanni Gentsch eine Mail, Betreff: Voyeur-Aufnahmen strafbar machen. Eine Mitarbeiterin der Plattform „Innit“ fragte Gentsch, ob sie nicht eine Petition starten wolle. Wollte sie. Gentsch schreibt in ihrer Petition: „Die aktuelle Gesetzeslage schützt Täter, nicht Opfer.“ Selbst wer im Fitnessstudio von unten gefilmt werde, könne sich strafrechtlich nicht wehren.
Als die Petition 125.000 Unterschriften erreicht hatte, nahm der nordrhein-westfälische Justizminister Benjamin Limbach von den Grünen die Petition persönlich entgegen. Der Fall lege eine Lücke im Strafrecht „schonungslos offen“, sagte er. Es handele sich angesichts der vielen Millionen Smartphones in Deutschland nicht um eine Bagatelle. Limbach schlägt vor, den Paragraph 184k, also den Upskirting-Paragraphen, zu erweitern. Noch am selben Tag setzte Limbach das Thema auf die Agenda für die Justizministerkonferenz. Dort wird im November darüber entschieden, ob das Thema an Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) übergeben wird.
Noch einmal anschauen möchte sich Yanni Gentsch das Video an diesem Nachmittag nicht. „Es ist nicht horrorschlimm. Aber ich vermeide es schon.“ Warum sollte sie sich diesen Moment, in dem ihre Grenzen überschritten wurden, immer wieder anschauen? Sie glaubt nicht, dass sie noch ein neues Detail entdecken würde. Stört es sie, dass so viele Menschen sie nun gesehen haben? „Verletzlichkeit zeigen, das ist für mich die eigentliche Stärke“, sagt Gentsch. Sie wirkt trotzdem ziemlich tough, ist schlagfertig, dabei aber stets freundlich.
Aufhören will sie nicht. Ihr Instagram-Account ist nicht mehr nur ihr Tagebuch, es ist der Account einer Aktivistin. „Warum ist das überhaupt passiert? Weil es patriarchale Strukturen gibt. Und weil der Mann es ja rein rechtlich immer noch darf.“ Ihr ist es aber wichtig, alle mitzunehmen. „Es hilft auch Männern, wenn wir über diese Missstände aufklären und etwas dagegen tun.“ Was sie besonders stört: der Vorwurf, dass Frauen, die in engen Hosen laufen gehen, Aufmerksamkeit wollten. „Frauen machen das, weil sie Lust drauf haben, und nicht, weil sie Männern gefallen wollen. Letzteres hat sogar eher einen negativen Effekt.“
Je stärker sich Frauen sexualisiert fühlten, desto eher entschieden sie sich dagegen, laufen zu gehen, meint Gentsch. „Die Entscheidungen, die ich in meinem Alltag als Läuferin treffe, sind doch alle von meinen Erfahrungen mit Männern beeinflusst: Welche Strecke nehme ich, weil sie sicher ist? Zu welcher Uhrzeit gehe ich laufen? Mit wem fühle ich mich beim Laufen sicher? Gehe ich lieber nicht allein laufen? Und viele Frauen fragen sich eben auch: Was ziehe ich beim Laufen an?“ Darum ist ihr Job auch nicht getan, selbst wenn ihre Petition am Ende Erfolg haben sollte, glaubt Gentsch. Sie ist erst fertig, wenn alle Frauen joggen gehen können. Jederzeit und überall. Allein, selbstbestimmt – und in der Hose ihrer Wahl.



