Vier Bausteine statt starrer Formeln
Laut OpenAI besteht ein wirksamer Prompt aus vier optionalen Elementen: dem Ziel ("Goal"), dem Kontext ("Context"), dem gewünschten Ausgabeformat ("Output") und den Grenzen ("Boundaries"). Nutzer müssten nicht alle Felder ausfüllen, sondern nur jene, die für die konkrete Aufgabe relevant sind. Ein kurzer Prompt reiche oft aus; erst bei größeren Aufgaben lohne es sich, alle Bestandteile zu benennen.
Die Dokumentation empfiehlt ausdrücklich, mit dem Resultat statt mit einer Schrittfolge einzusteigen. "Beschreibe einen Prozess nur dann, wenn der Prozess selbst zählt. Sonst lasse ChatGPT Raum, um zu suchen, zu vergleichen und seinen Ansatz anzupassen", heißt es im Leitfaden. Wer eine Zielgruppe oder ein Format nennt, verändere die Ausgabe wesentlich stärker als durch detaillierte Anweisungen.
Grenzen als wichtigstes Steuerungsmittel
Ein zentraler Abschnitt widmet sich den sogenannten Boundaries. Laut OpenAI reichen ein bis zwei präzise Regeln, um unerwünschte Aktionen zu verhindern, etwa "Ändere die genehmigten Termine und Budgetzahlen nicht" oder "Bereite die Nachricht als Entwurf vor. Sende sie nicht." Das Dokument warnt davor, jeden Schritt kontrollieren zu wollen.
Für den Kontext gilt Ähnliches: Nur die Quellen anhängen, die die Antwort beeinflussen. OpenAI verweist auf Anhänge wie Tabellen und PDFs, auf Bildeingaben, auf die Websuche für aktuelle Informationen und auf Projekte, wenn mehrere Aufgaben dieselben Dateien teilen sollen. Über Plugins lassen sich Google Drive, Gmail, Slack oder GitHub anbinden. Für wichtige Aufgaben empfiehlt OpenAI, ChatGPT explizit um einen abschließenden Selbstcheck zu bitten, etwa ob jedem nächsten Schritt ein Verantwortlicher und ein Fälligkeitsdatum zugeordnet ist.
Chat, Work und Follow-ups
Die Dokumentation unterscheidet zwischen Chat für schnelle Fragen und Umformulierungen und "Work" für Aufgaben, die mehrere Quellen einbeziehen, Änderungen vornehmen oder umfangreichere Ergebnisse wie Berichte oder Präsentationen erzeugen. Work-Aufgaben verbrauchen mehr Credits, lohnen sich laut OpenAI aber dann, wenn sie Zeit sparen oder wichtige Entscheidungen stützen. Für wiederkehrende Aufgaben empfiehlt der Guide, den Prompt erst in einer regulären Aufgabe zu verfeinern und ihn danach zu automatisieren.
Der erste Prompt müsse nicht perfekt sein: Follow-up-Nachrichten seien der reguläre Weg, um Ergebnisse zu verbessern. Dauerhafte Präferenzen sollen unter "Einstellungen > Personalisierung" als "Individuelle Hinweise" ("Custom Instructions") hinterlegt werden, aufgabenspezifische Details bleiben im Prompt selbst.
Steering, Queuing und Sandbox in Codex
Für den Coding-Assistenten Codex führt OpenAI zwei Mechanismen ein, um laufende Aufgaben zu beeinflussen: "Steer" fügt eine Nachricht dem aktuellen Lauf hinzu und ändert dessen Richtung, "Queue" reiht sie für den nächsten Lauf ein. In der CLI dienen Enter und Tab als Kurzbefehle.
Codex führt lokale Befehle innerhalb einer Sandbox aus, die den Datei- und Netzwerkzugriff einschränkt. Muss eine Aufgabe diese Grenze überschreiten, verlangt Codex eine Freigabe. Für mehrschrittige Vorhaben stehen die Slash-Kommandos "/plan" und "/goal" zur Verfügung: "/plan" fordert Codex auf, den Code zunächst zu analysieren und einen Lösungsansatz vorzuschlagen, bevor Änderungen vorgenommen werden. "/goal" legt darauf aufbauend ein übergeordnetes Ziel fest, an dem sich Codex über mehrere Arbeitsschritte hinweg orientieren soll. Für Reviews stehen der lokale Befehl "/review" und auf GitHub die Kommentar-Erwähnung "@codex review" bereit, die sich mit spezifischen Fokus-Anweisungen wie "review for security vulnerabilities" ergänzen lässt.
Die Unterscheidung zwischen Chat und Work in der neuen Dokumentation ist kein Zufall: OpenAI hatte kurz zuvor ChatGPT Work als eigenständiges Produkt gestartet, das auf Codex-Technologie und dem frisch freigegebenen Modell GPT-5.6 basiert. ChatGPT Work soll stundenlang an komplexen Projekten arbeiten, über Apps und Dateien hinweg agieren und fertige Arbeitsergebnisse wie Excel- oder Word-Dokumente produzieren. Damit verschmelzen ChatGPT und Codex zunehmend zu einer Art "Super-App", was auch erklärt, warum der neue Prompting-Leitfaden beide Oberflächen in einem einzigen Rahmen behandelt.



