Stand: 06.07.2026, 14:19 Uhr
Von: Florian Naumann
In Erdogans Türkei trifft sich die NATO zum heiklen Gipfel. Europa steht unter Druck, Trump im Team zu halten. Der liefert weitere Probleme. Eine Analyse.
32 Mitglieder hat die NATO – wenn am Dienstag ihr Gipfel in Ankara beginnt, richten sich die Blicke auf eines von ihnen: die USA von Donald Trump. Drei Kernthemen hat sich die NATO für das Treffen auf die Agenda geschrieben. Aber über allem steht eine andere, geradezu existenzielle Sorge, wie Sicherheitsexpertin Jana Puglierin dem Münchner Merkur von Ippen.Media sagt. „Die ganz große Frage ist: Geht von dem Gipfel ein Signal von transatlantischer Geschlossenheit aus – kann man sich zumindest noch darauf einigen, dass man eine Allianz ist, die gemeinsame Interessen hat und zusammensteht?“ Die Antwort hänge an einer einzigen Person. Trump. Besonders wichtig ist sie angesichts einer anderen Person: Wladimir Putin.

Beim Weltwirtschaftsforum in Davos schockierte Trump die Verbündeten, der G7-Gipfel verlief vergleichsweise geräuschlos. Besänftigenden Einfluss auf Trump könnte Gastgeber Recep Tayyip Erdogan (dessen problematische Innen- und Außenpolitik wohl kein Thema sein werden) haben, oder auch der wechselnd erfolgreiche Trump-Flüsterer an der NATO-Spitze, Mark Rutte. Doch eine Prognose scheint schwierig. „Man sagt, auf hoher See und vor Gericht sei man in Gottes Hand“, sagt Puglierin, Leiterin des Berliner Büros des Thinktanks European Council on Foreign Relations, „ein bisschen so ist es mit diesem Gipfel auch“. Etwas klarer wird der Schmerz der europäischen NATO-Partner anhand der drei Hauptthemen des Treffens, von Verteidigungsindustrie bis Ukraine-Hilfe. Ein Überblick:
NATO-Gipfel in Ankara: Die drei Hauptthemen – und Trumps Einfluss
Verteidigungsausgaben: In teils erstaunlichem Tempo haben die Europäer zuletzt ihre Verteidigungsausgaben hochgeschraubt. Das liegt an der Sorge vor Putin – aber natürlich auch an der, von Trump „unter den Bus geworfen“ zu werden. Nach NATO-Angaben erhöhten die europäischen Staaten und Kanada ihre Ausgaben 2024 um 18,6 und 2025 um 15,9 Prozent. Nur Belgien verfehlte demnach zuletzt noch das berühmte „Zwei-Prozent-Ziel“. Nun soll das Erreichte auf den Prüfstand, wie Puglierin erklärt. Wird aus versprochenem Geld auch echter Fortschritt – werden die Lücken im Verteidigungspotenzial gefüllt? Die USA haben Europa dabei vor neue Probleme gestellt.
Die NATO plant mit „Fähigkeiten“, die die Länder ihr melden. Trumps Regierung hat zuletzt eine Reduzierung eingereicht. Offiziell sind diese Daten geheim, sogar für die EU. Die New York Times berichtete aber, die USA wollten unter anderem 50 Kampfflugzeuge, ein zum Abschuss von Tomahawk-Raketen fähiges U-Boot, alle Luftbetankungsflugzeuge und einen Flugzeugträger aus Europa abziehen. Teils geht es um kritische Fähigkeiten, die Einsätze im Ernstfall erst ermöglichen.
„Die Europäer werden versuchen zu signalisieren, dass sie eigentlich alle Lücken schon geschlossen haben“, sagt Puglierin unserer Redaktion. In einigen Bereichen sei das korrekt, jedenfalls auf Sicht. In anderen gebe es aber massive Schwierigkeiten: „Man kann sich keinen Flugzeugträger aus den Rippen schneiden, das geht einfach nicht.“ Auch die Mittelstreckenraketen sind ein heikles Thema. Schließlich hatten die USA schon die fest eingeplante Stationierung von Tomahawk abgesagt. Und natürlich geht es im Hintergrund immer darum, Russland von einem möglichen Angriff auf (europäisches) NATO-Gebiet abzuschrecken. Europa will in dieser Hinsicht nicht an Trumps Rockzipfel hängen. Aber vorerst sind die USA weiter nötig.
Druck von Trump, Sorge vor Putin: „Die Europäer stecken in einem großen Dilemma“
Verteidigungsindustrie: Unstrittig unter Experten ist: Zu Abschreckung und zur eigenen Sicherheit gehört auch das Potenzial, selbst dringend nötige Rüstungsgüter zu produzieren. Da tut sich Europa weiter schwer, nicht nur beim gescheiterten Kampfjetprojekt FCAS. Zu geringe Stückzahlen, zu teuer, zu wenig mit Partnerstaaten kompatibel – so etwa lautet das Fazit von Ökonomen. Aber auch an dieser Stelle macht Trump den Partnern das Leben schwer. Er fordert, dass ansehnliche Teile der steigenden Verteidigungsbudgets in Importe aus den USA investiert werden. Rutte präsentierte ihm zuletzt nicht nur eine „Trump-Billion“ an Verteidigungsausgaben, sondern auch Schaubilder über Milliarden-Bestellungen bei US-Unternehmen.
„Da beißt sich die Katze in den Schwanz, die Europäer stecken in einem großen Dilemma“, sagt Puglierin. Wie wichtig eine eigene Produktion ist, zeige die Ukraine. Etwa, wenn es an Luftabwehr fehlt – oder, wenn erst eigene weitreichende Waffen Fortschritte bringen, weil Partner die Einsatzmöglichkeiten für die von ihnen gelieferten Güter beschränkten. Angesichts von Trumps Druck würden einige Partner nun wohl wieder in den USA statt in Europa kaufen, meint die Expertin. Zu bewältigen sei ein Drahtseilakt zwischen europäischer Produktion und US-Import bestenfalls für finanziell starke Länder wie Deutschland. In einer funktionierenden NATO sei eine Verteidigungsindustrie-Kooperation angesichts des großen Bedarfs sogar sinnvoll. Eigentlich. Aber man wisse eben nicht, wie verlässlich die USA im Ernstfall noch sind – auch als Zulieferer.
Hilfe für Kiew im Ukraine-Krieg: Puglierin sieht ein zweites Wunschziel der Europäer für den NATO-Gipfel, neben einem Signal der Geschlossenheit. Auch dabei geht es um ein Zeichen an Moskau – um glaubwürdige Unterstützung für die Ukraine. Das könne ein weiteres Problem werden. „Es gibt meines Erachtens einen Riss in der NATO, was die Bedrohungseinschätzung gegenüber Russland betrifft – und auch das Verständnis, dass die Ukraine ein Teil europäischer Sicherheit ist“, sagt Puglierin. Mit dem vorab von den Europäern und Kanada ausgehandelten 140-Milliarden-Hilfspaket über zwei Jahre sei man immerhin schon einen Schritt weiter. Das signalisiere, dass man die Ukraine nicht fallen lassen werde.
„Man muss aber abwarten, was im Gipfel-Kommuniqué im genauen Wortlaut steht“, mahnt die Wissenschaftlerin. Europa und Kiew betonten, die Ukraine sei auf sich keine Last, sondern ein verteidigungspolitischer Trumpf – „so sehen es die US-Amerikaner aber nicht“. „Was wir immer wieder gesehen haben, ist Trumps Reflex, mehr Druck auf die Ukraine auszuüben als auf Russland“, erinnert Puglierin. Ein Treffen des US-Präsidenten mit Wolodymyr Selenskyj ist für Mittwoch angesetzt, später will Trump mit Putin telefonieren – Potenzial für eine weitere Ausgabe von Trumps „Spiel“. Bisher hätten die US-Friedensbemühungen nichts gebracht, sagt Puglierin. Große Hoffnung auf kommende Durchbrüche sieht sie nicht. (Quellen: Jana Puglierin, NATO, New York Times, AFP, eigene Recherchen)



