NATO fordert Raketen-Umleitung nach Kiew

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Stand: 04.11.2026, 08:45 Uhr

Von: Reinhard Schlieker

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Scharfes Schießen der deutschen Luftverteidigung auf Kreta

Luftwaffe feuert eine Patriot-Flugabwehrrakete © Kay Nietfeld/dpa

Die NATO fordert Abwehrraketen für Kiew. Doch Europas Vorräte sind knapp, Nachschub braucht Jahre. Wie viel kann das Bündnis abgeben?

Es war ein ungewöhnlich direkter Appell für eine Spitzenfunktionärin des Bündnisses. NATO-Vizegeneralsekretärin Radmila Šekerinska forderte letzte Woche auf einer Veranstaltung des “Kyiv Security Forum” in Brüssel die europäischen Bündnisstaaten auf, beherzt in ihre Bestände zu greifen: Wer Patriot-PAC-2- oder PAC-3-Abfangraketen habe, solle sie abgeben. Mehr noch: Auch Lieferungen, die laut Planung erst in den kommenden Wochen und Monaten bei den Verbündeten eintreffen sollen, müssten nach Kiew umgeleitet werden. Die eigenen Lager ließen sich ja später über Nachbestellungen wieder auffüllen.  

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Dieser Artikel entstand in Kooperation mit The European.

Die Lücke bei der Luftverteidigung bezeichnete sie als wahrscheinlich wichtigste Herausforderung, vor der das Bündnis derzeit stehe. Die Industrie komme mit der Nachfrage aus dem Ukraine-Krieg und anderen Konflikten nicht hinterher. Das meint natürlich die prekäre Ruhe in Nahost, wo Raketenabwehr zuletzt eine Schwäche der Golfstaaten offenbarte. 

Dass die Nummer zwei des atlantischen Bündnisses öffentlich um Raketen bettelt, zeigt, wie knapp dieses Rüstungsgut geworden ist. Nach ihren Angaben stammen 99 Prozent der Flugabwehrsysteme, die die Ukraine einsetzt, von NATO-Partnern. Neben Patriot-Raketen nannte sie AIM-9-Lenkwaffen, Komponenten für das französisch-italienische SAMP/T-System und 20-Millimeter-Munition – also die gesamte Bandbreite von der Ballistikabwehr bis zur Drohnenbekämpfung. Und vor allem der Drohnenbekämpfung. Die sich verstärkenden russischen Angriffe auf zivile Ziele in der Ukraine vor dem herannahenden Winter erfordern Gegenmittel, die Kiew kaum noch in ausreichendem Maße hat. 

Russland setzt auf ballistische Raketen

Wie ernst die Lage ist, zeigte sich bereits Mitte Oktober. Nach einem CNN-Bericht hatte die Ukraine ihre Patriot-Abfangraketen zu diesem Zeitpunkt vollständig verschossen; bei einem Großangriff seien fast alle russischen ballistischen Raketen durchgekommen. Patriot ist neben SAMP/T das einzige System im ukrainischen Arsenal, das die russischen Iskander- oder Kinschal-Raketen abfangen kann. Für alles andere Abwehrfeuer sind sie zu schnell. 

Moskau hat die Schwäche erkannt und nutzt sie. Allein in der vergangenen Woche feuerte Russland nach Angaben von Wolodymyr Selenskyj 1.940 Angriffsdrohnen, über 1.580 Gleitbomben und 44 Raketen auf die Ukraine ab – 36 der letzteren ballistisch. In der Nacht zum Sonntag trafen Angriffe Umspannwerke und Leitungen in vier Regionen; hunderttausende Haushalte waren ohne Strom. Die Russen versuchten, den Mangel an Ballistik-Abfangraketen maximal auszunutzen, schrieb der Präsident auf Telegram. Für den Winter sei die Ballistik Moskaus Hauptwette darauf, der Ukraine schlicht die Lebensgrundlagen zu entziehen. 

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Selenskyj kritisiert Liefertempo aus den USA

Kiew fordert für die Wintermonate 100 der neueren PAC-3-Raketen pro Monat, um Kraftwerke, Wasserversorgung und Fernwärmenetze abzuschirmen. Tatsächlich geliefert worden seien aus den USA in diesem Jahr im Schnitt aber nur zwölf Patriot-Raketen monatlich, kritisierte Selenskyj – eine Zahl, die NATO-Oberbefehlshaber Alexus Grynkewich am Freitag in Riga allerdings indirekt zurückwies: Alles, was über das europäisch finanzierte PURL-Programm bezahlt worden sei, sei ohne Verzögerung geliefert worden, zuletzt in der vergangenen Woche. Zahlen und Typen nannte er nicht. PURL (Prioritised Ukraine Requirements List) ist ein Programm, nach dem dringend benötigte Rüstungsgüter mit Vorrang an die Ukraine abgegeben werden. 

Am selben Tag genehmigte das US-Außenministerium den Verkauf von 500 PAC-3-MSE-Raketen an die Ukraine, Wert rund 2,1 Milliarden Dollar. Bezahlt wird allerdings nicht von Washington: Kanada, Deutschland und Norwegen finanzieren dies über einen eigenen Dringlichkeitsmechanismus, dazu kommen Mittel aus dem laufenden EU-Unterstützungskredit. Der Haken: Die Raketen sind noch nicht einmal gebaut. Nach Reuters-Informationen aus “Kreisen, die mit der Entscheidung vertraut” sind, dürften sie die Ukraine erst in den 2030er-Jahren erreichen. 

Selenskyj reagierte mit einem Vorschlag, der die Logik der NATO-Vizegeneralsekretärin spiegelt: Europäische Partner sollten jetzt jeweils zehn bis 30 Raketen aus ihren Beständen “leihen” und später aus dem 500er-Kontrakt zurückerhalten – ein Tausch der Warteschlangenplätze. Genau dieser Mechanismus ist nun der Kern des Verteilungskonflikts. 

Die Produktionsmauer

Denn die Warteschlange ist lang. Sehr lang. US-Hersteller Lockheed Martin lieferte 2025 rund 620 PAC-3 MSE aus und will die Kapazität bis 2030 sukzessive auf etwa 2000 pro Jahr steigern; die US-Armee vergab dazu im Juli einen Rahmenvertrag über bis zu 58,6 Milliarden Dollar. Gleichzeitig haben die USA im Iran-Krieg erhebliche Mengen verschossen. Eine Analyse des Center for Strategic and International Studies (CSIS) schätzt die aktuellen US-Bestände auf unter 1000 Abfangraketen. Donald Trump hat dennoch eine Lizenzfertigung in der Ukraine als “gefährlich” abgelehnt und erklärt, die USA bräuchten die Raketen selbst. 

In Europa ist der Spielraum kaum größer. Deutschland hat drei komplette Patriot-Systeme abgegeben und zwei weitere über ein Tauschgeschäft mit den USA organisiert. Im September kündigte Verteidigungsminister Boris Pistorius in der Ukraine-Kontaktgruppe an, PAC-2-Raketen direkt aus Bundeswehrbeständen abzugeben – und räumte ein, die Abwägung zwischen eigenen Sicherheitsanforderungen und der Hilfe für Kiew sei nicht leicht. Die in Schrobenhausen gefertigten PAC-2 GEM-T, die Deutschland für die Ukraine finanziert, kommen nicht vor 2027. Brigadegeneral Jürgen Schrödl, Deputy Chief of Staff Strategic Plans and Policy im Supreme Allied Command Transformation der NATO in Virginia, sagte nach dem Gipfel des Bündnisses in Ankara, man erreiche die Grenzen der Leistungsfähigkeit und müsse auch die eigene Verteidigung sicherstellen. 

Dazu passt, dass Anfang November Generalleutnant Alexander Sollfrank, stellvertretender Generalinspekteur und Befehlshaber des Operativen Führungskommandos der Bundeswehr, vor einem durchaus realistischen Bedrohungsszenario durch Russland warnte. In einem Interview mit “Politico” bezeichnet er einen Angriff als “sehr, sehr realistisch”, wenn auch nicht aktuell. 

Mit alldem verschiebt sich der Druck. Nach Politico-Informationen drängen Berlin und die nordeuropäischen Hauptstädte darauf, dass Staaten mit noch vorhandenen Beständen liefern – gemeint sind Polen, Spanien und Griechenland. Kiew soll in Athen bis zu 200 ältere PAC-2 angefragt haben. Je näher aber ein Land an Russland liegt, desto weniger ist es bereit, Flugabwehr abzugeben; die Südflanke soll nun einspringen. Polen wiederum sicherte sich gerade das 227 Millionen Euro teure europäische Wartungszentrum für PAC-3-Raketen, um Instandsetzungszeiten zu verkürzen – ein Hinweis darauf, dass auch Reparatur zur knappen Ressource wird. 

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