Nach Andrulis-Abgang: Kanadisches Start-up Cohere übernimmt Aleph Alpha

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Nur wenige Monate nach dem Rückzug von Gründer Jonas Andrulis übernimmt das kanadische KI-Unternehmen Cohere den einstigen deutschen OpenAI-Hoffnungsträger Aleph Alpha. Die Schwarz-Gruppe investiert 600 Millionen Dollar.

Das kanadische KI-Unternehmen Cohere hat eine Übernahme von Aleph Alpha vereinbart, die das fusionierte Unternehmen auf rund 20 Milliarden US-Dollar bewertet. Cohere behält als der größere Partner seinen Namen und operiert künftig mit Doppelsitz in Kanada und Deutschland. Ob die Marke Aleph Alpha in irgendeiner Form fortbestehen wird, geht aus den vorliegenden Mitteilungen nicht hervor. Die Transaktion steht noch unter dem Vorbehalt der Zustimmung der Aleph-Alpha-Aktionäre und der zuständigen Behörden.

Laut CNBC erhalten Aleph-Alpha-Aktionäre eine Cohere-Aktie für je neun gehaltene Anteile. Die Schwarz-Gruppe, Mutterkonzern von Lidl und mit über 20 Prozent an Aleph Alpha beteiligt, führt eine Finanzierungsrunde über 600 Millionen US-Dollar an. Die Cloud-Plattform STACKIT von Schwarz Digits soll als technische Infrastruktur für den Einsatz von Coheres KI-Systemen dienen.

Der Deal zielt auf sogenannte "souveräne KI": Systeme, bei denen Kunden die Kontrolle über Daten und Infrastruktur behalten. Beide Unternehmen konzentrieren sich auf Unternehmens- und Regierungskunden in regulierten Sektoren wie Finanzen, Verteidigung und Gesundheitswesen. Aleph Alpha bringt bestehende Verträge mit dem deutschen Digitalministerium und der Landesregierung Baden-Württemberg ein, was laut einer mit den Plänen vertrauten Quelle ein wesentlicher Anreiz für Cohere war.

Berlin und Ottawa stützen den Deal politisch

Die Übernahme wird von beiden Regierungen unterstützt. Kanadas KI-Minister Evan Solomon sagte der FT, der Zusammenschluss sei "super mutually beneficial". Man wolle sicherstellen, "dass Regierungen und Unternehmen eine Option zwischen den Hyperscalern und dem Hegemon haben".

Das deutsche Digitalministerium bezeichnete den Deal als von "hohem geostrategischem und wirtschaftlichem Wert". Berlin plant, als Ankerkunde aufzutreten und souveräne KI-Lösungen in der öffentlichen Beschaffung zu priorisieren.

Aleph Alphas Abstieg vom deutschen OpenAI-Hoffnungsträger

Cohere wurde 2019 von von KI-Forschern um den früheren Google-Brain-Forscher Aidan Gomez in Toronto gegründet, hat bislang rund 1,6 Milliarden US-Dollar eingesammelt und wurde 2025 mit knapp 7 Milliarden Dollar bewertet.

Das ebenfalls 2019 in Heidelberg gegründete Unternehmen Alpeh Alpha sammelte Ende 2023 in einer Series-B-Runde über 500 Millionen Dollar von Schwarz-Gruppe, Bosch Ventures, SAP und HPE ein - die umfasste jedoch nicht nur Eigenkapital, sondern auch Forschungs-, Geschäfts- und Lizenzzusagen. Während französische Konkurrenten wie Mistral zwischenzeitlich auf knapp zwölf Milliarden Euro bewertet wurden, blieb Aleph Alphas Bewertung stehen.

Im September 2024 vollzog das Unternehmen einen Strategiewechsel: Statt weiter in das Rennen um immer größere Sprachmodelle zu investieren, positionierte sich Aleph Alpha mit der Plattform PhariaAI als "Betriebssystem für generative KI", das auch fremde Modelle integrieren kann. Gründer Jonas Andrulis begründete den Schritt damals damit, dass ein rein europäisches LLM kein tragfähiges Geschäftsmodell mehr sei.

Parallel wuchs der Einfluss der Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland), die über Schwarz Digits bereits rund 20 Prozent hielt und zunehmend auf Strategie und Personalentscheidungen einwirkte. Im August 2025 rückte mit Reto Spörri, zuvor Leiter des Online-Geschäfts bei Lidl, ein Schwarz-Manager als Co-CEO neben Andrulis. Im Oktober 2025 musste Andrulis den CEO-Posten ganz räumen und sollte in den Beirat wechseln. Als zweiter Co-CEO wurde Ilhan Scheer benannt, zuvor Chief Growth Officer und aus der Beratung Accenture gekommen.

Anfang 2026 strich Aleph Alpha rund 50 und Andrulis teilte der NZZ mit, er habe das Unternehmen vollständig verlassen: "Ich bin raus." Kurz darauf kündigte er zusammen mit der Beratung Roland Berger ein neues KI-Start-up an.

Europas späte Antwort auf die US-Dominanz

Aleph Alpha galt in deutschen Medien lange als europäische Gegenentwicklung zu OpenAI, konnte den Anspruch aber nie einlösen. Mitverantwortlich dürften die früh verhallten Rufe nach europäischen Alternativen zu GPT-3 sein: EU und Bundesregierung reagierten erst mit mehreren Jahren Verzögerung, als OpenAI, Google und Anthropic den Markt längst unter sich aufteilten.

Mit den Folgen dieser späten Reaktion haben Deutschland und die EU bis heute zu kämpfen. Dass nun ein kanadisches Unternehmen den prominentesten deutschen KI-Hoffnungsträger übernimmt, illustriert die Abhängigkeit deutlicher als jedes Strategiepapier.

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