Microsoft stellt Israel-Niederlassung nach Militär-Skandal vorerst unter französische Führung

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Microsoft Israel verliert seinen Landeschef Alon Haimovich nach einer internen Untersuchung über die Zusammenarbeit mit Israels Verteidigungsministerium. Recherchen der letzten Jahre zeigen, worum es im Kern gehen dürfte: Cloud-Infrastruktur, Massenüberwachung und KI-gestützte Zielauswahl in Gaza.

Microsoft Israel verliert seinen Landeschef Alon Haimovich. Laut einem Globes-Bericht verlässt Haimovich seinen Posten als Country General Manager nach vier Jahren. Hintergrund sei eine Untersuchung der globalen Microsoft-Führung zur Arbeit der israelischen Niederlassung mit dem israelischen Verteidigungsministerium. Mehrere Manager aus Microsoft Israels Governance-Abteilung sollen ebenfalls ausgeschieden sein. Microsoft Israel werde nun vorerst direkt von Microsoft France geführt.

Der Vorwurf betrifft nicht nur eine lokale Managementfrage. Laut Globes prüfte Microsoft, ob Microsoft Israel gegenüber der Konzernzentrale ausreichend transparent war, wie das Verteidigungsministerium Microsoft-Systeme nutzt. Im Raum steht demnach die Sorge, dass israelische Einheiten Microsofts Nutzungsbedingungen verletzt und Microsoft rechtlichen sowie regulatorischen Risiken in Europa ausgesetzt haben könnten. Microsoft ist anders als Google und Amazon kein Anbieter im israelischen Nimbus-Cloudprogramm. Teile der militärischen Nutzung sollen deshalb über Server auf europäischem Boden gelaufen sein.

Azure wurde offenbar zum Speicher für Massenüberwachung

Die wichtigste Spur führt zu Unit 8200, Israels militärischer Signalaufklärung. Vergangenes Jahr hatten Recherchen des Guardian ein System aufgedeckt, das seit 2022 große Mengen palästinensischer Telefonate aus Gaza und dem Westjordanland auf Microsoft Azure gespeichert haben soll. Laut Guardian erhielt Unit 8200 dafür Zugriff auf einen angepassten und abgeschotteten Bereich innerhalb von Azure. Microsoft sagt, CEO Satya Nadella sei nicht darüber informiert gewesen, welche Art von Daten die Einheit speichern wollte.

Laut Guardian ging es um Mitschnitte von Millionen Mobiltelefonaten pro Tag. Die Datenbank sollte Offizieren erlauben, Gespräche über längere Zeiträume zu speichern, wiederzugeben und zu analysieren. In geleakten Microsoft-Dateien sei von 11.500 Terabyte israelischer Militärdaten auf Azure-Servern in den Niederlanden die Rede, ein kleinerer Teil habe in Irland gelegen. Unklar blieb, ob die gesamte Datenmenge Unit 8200 zuzuordnen war.

Im September 2025 zog Microsoft Konsequenzen. Microsoft-Präsident Brad Smith schrieb, die laufende Prüfung habe Belege gefunden, die Teile der Guardian-Recherche stützten. Dazu gehörten Informationen zur Azure-Speichernutzung des israelischen Verteidigungsministeriums in den Niederlanden und zur Nutzung von KI-Diensten. Microsoft habe deshalb bestimmte Cloud-Speicher- und KI-Dienste für eine Einheit innerhalb des israelischen Verteidigungsministeriums deaktiviert.

Die Datenbank soll auch Zielrecherchen unterstützt haben

Der Guardian berichtete später, nach Veröffentlichung der Recherche seien die Daten offenbar aus dem Land verschoben worden. Quellen sagten dem Guardian, Unit 8200 habe eine Übertragung zu Amazon Web Services geplant.

Besonders relevant ist der operative Einsatz. Laut dem Bericht wurde die Azure-Plattform nicht nur als Archiv genutzt. Geheimdienstquellen sagten, die gespeicherten Telefonate seien in der Gaza-Offensive verwendet worden, um Luftangriffe vorzubereiten und Ziele zu identifizieren. Azure sei genutzt worden, um Informationen aus Massenüberwachung zu bündeln, zu transkribieren und zu übersetzen. Diese Daten könnten dann mit israelischen KI-Zielsystemen abgeglichen werden.

Microsoft hatte im Mai 2025 noch erklärt, nach einer internen und externen Prüfung keine Belege gefunden zu haben, dass Azure oder Microsoft-KI-Technologien genutzt worden seien, um Menschen in Gaza zu schädigen. Zugleich bestätigte Microsoft, dem israelischen Verteidigungsministerium Software, professionelle Dienste, Azure-Cloud-Dienste und Azure-KI-Dienste bereitgestellt zu haben. AP berichtete, Microsoft habe damit erstmals öffentlich eingeräumt, während des Krieges in Gaza fortgeschrittene KI- und Cloud-Dienste an das israelische Militär verkauft zu haben.

Lavender soll Menschen markieren, The Gospel Gebäude

Die von israelisch-palästinensischen Medien beschriebene Zielauswahl erinnert funktional an KI-getriebene Systeme wie Palantirs im Iran-Krieg eingesetztes Maven, weil große Datenbestände zusammengeführt, bewertet und in operative Entscheidungen übersetzt werden. In einer Antwort an das Business & Human Rights Resource Centre betonte das Unternehmen jedoch, die israelischen Systeme seien unabhängig von Palantir und hätten bereits vor der 2024 angekündigten Partnerschaft mit Israels Verteidigungsministerium existiert.

+972 Magazine und Local Call berichteten im April 2024 über ein KI-System namens "Lavender". Laut sechs israelischen Geheimdienstoffizieren soll Lavender mutmaßliche Mitglieder der militärischen Flügel von Hamas und Islamischem Dschihad markieren, darunter auch niedrigrangige Personen. In den ersten Kriegswochen habe das Militär die Ausgaben des Systems weitgehend übernommen. Lavender habe zeitweise bis zu 37.000 Palästinenser als mutmaßliche Kämpfer und mögliche Ziele markiert.

Laut dem Bericht war die menschliche Prüfung teilweise minimal. Eine Quelle sagte, Personal habe oft nur etwa "20 Sekunden" pro Ziel aufgewendet, vor allem um zu prüfen, ob die markierte Person männlich sei. Die israelische Armee bestreitet die Darstellung einer automatisierten Todesliste und erklärte gegenüber +972 und Local Call, solche Systeme seien Hilfswerkzeuge für Analysten und ersetzten keine menschliche Entscheidung.

"The Gospel", auf Hebräisch "Habsora", funktioniert laut den Recherchen anders. Während Lavender Menschen markiere, soll The Gospel Gebäude und Strukturen als mögliche Ziele vorschlagen. Der Guardian beschrieb das System bereits Ende 2023 als KI-Zielplattform, die eine Zielproduktion deutlich beschleunige. +972 und Local Call schrieben, die Plattform habe eine große Zahl möglicher Ziele erzeugt, darunter Wohnhäuser mutmaßlicher Hamas- oder Islamischer-Dschihad-Mitglieder.

"Where's Daddy?" soll Ziele ins Familienhaus verfolgt haben

Eine dritte Komponente ist laut +972 und Local Call "Where's Daddy?". Das System soll dazu gedient haben, von Lavender markierte Personen zu verfolgen und anzuzeigen, wenn sie in ihre Familienhäuser zurückkehrten. Diese Häuser seien dann angegriffen worden, oft nachts und während Angehörige anwesend waren.

Laut den Quellen griff das Militär gezielt Wohnhäuser an, weil Personen dort leichter zu lokalisieren gewesen seien als während militärischer Aktivitäten. Verzögerungen zwischen der Meldung durch "Where's Daddy?" und dem Luftangriff habe es dennoch gegeben, so der Bericht. In einigen Fällen sei das Haus getroffen worden, obwohl die Zielperson nicht mehr dort gewesen sei.

AP ergänzt, dass die israelischen KI‑Systeme Menschen nach Wahrscheinlichkeiten bewerten. Lavender habe Personen auf einer Skala von 0 bis 100 danach eingestuft, wie wahrscheinlich sie militante Kämpfer seien, sagte ein Geheimdienstoffizier der Nachrichtenagentur. Faktoren konnten demnach Familienbeziehungen, frühere Inhaftierungen von Angehörigen und abgefangene Telefonate sein. AP berichtet auch über Fehlerrisiken, etwa falsche Übersetzungen und fehlerhafte Daten in Personenprofilen.

Microsoft ist einfacher anzugreifen als die Nimbus-Anbieter

Microsofts Sonderrolle erklärt den Druck auf die Israel-Tochter. Laut Globes gilt Microsoft unter den großen Cloudanbietern als besonders anfällig, weil es keinen speziellen Vertrag mit der israelischen Regierung und dem Verteidigungsministerium geschlossen hat. Amazon und Google hätten im Rahmen von Nimbus israelische Rechenzentren zugesagt, um Regierungs- und Sicherheitsdaten nicht ausländischer Regulierung auszusetzen.

Doch trotz fehlendem Nimbus-Vertrag und dem Skandal um Unit 8200 blieb Microsoft für das israelische Verteidigungsministerium wichtig. Viele Vereinbarungen, darunter Lizenzen für Office und Windows, liefen weiter.

Der Abgang Haimovichs, die gemeldeten Wechsel in der Governance-Abteilung und die vorläufige Unterstellung von Microsoft Israel unter Microsoft France deuten aber auf einen grundsätzlichen Vertrauensverlust gegenüber der lokalen Führung hin. Nach Globes geht es genau um diese Frage: ob Microsoft Israel der Konzernzentrale ausreichend transparent gemacht hat, wie das israelische Verteidigungsministerium Microsoft-Systeme nutzte.

Laut Globes soll das Ministerium den Microsoft-Vertrag Ende 2026 erneuern wollen, allerdings in kleinerem Umfang. Verteidigungs-IT-Einheiten hätten bereits große Teile ihrer Cloud-Infrastruktur zu Amazon und Google verlagert. Microsoft blieben demnach vorrangig einfachere Anwendungen wie Desktopsoftware.

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