Microsoft-Analyse: Deutschland bei KI-Verbreitung nur auf Platz 21

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Die weltweite Nutzung generativer KI steigt weiter, doch der Abstand zwischen Industrie- und Entwicklungsländern vergrößert sich. Südkorea verzeichnet den stärksten Zuwachs, während Chinas Deepseek in Afrika an Boden gewinnt.

Etwa jeder sechste Mensch weltweit nutzt mittlerweile generative KI-Werkzeuge. Das geht aus einem Bericht des Microsoft AI Economy Institute hervor, der die globale KI-Verbreitung im zweiten Halbjahr 2025 analysiert. Die Nutzungsrate stieg demnach von 15,1 Prozent auf 16,3 Prozent der Weltbevölkerung.

Doch hinter dem Wachstum verbirgt sich eine zunehmende Ungleichheit: In den Industrieländern wuchs die Verbreitung um 1,8 Prozentpunkte auf 24,7 Prozent, während Entwicklungs- und Schwellenländer nur um 1,0 Prozentpunkte auf 14,1 Prozent zulegten. Die Kluft zwischen beiden Regionen vergrößerte sich damit von 9,8 auf 10,6 Prozentpunkte.

Laut Microsoft befinden sich alle zehn Länder mit dem stärksten Wachstum in der Gruppe der Hocheinkommensländer. Die Vorteile der KI-Technologie verbreiten sich demnach zwar, aber nicht gleichmäßig.

Auch an der Spitze klaffen erhebliche Lücken

Die Vereinigten Arabischen Emirate bauten ihre Führungsposition aus und erreichten eine Nutzungsrate von 64 Prozent, gefolgt von Singapur mit 60,9 Prozent. Beide Länder bilden eine eigene Liga: Bereits zum drittplatzierten Norwegen mit 46,4 Prozent beträgt der Abstand fast 18 Prozentpunkte.

Die nachfolgenden europäischen Länder liegen noch weiter zurück. Irland erreicht 44,6 Prozent, Frankreich 44 Prozent und Spanien 41,8 Prozent. Zwischen dem Spitzenreiter VAE und dem sechstplatzierten Spanien liegen damit über 22 Prozentpunkte, obwohl beide Länder zu den führenden Nationen zählen.

Die USA fielen von Rang 23 auf Rang 24 zurück, obwohl das Land bei KI-Infrastruktur und der Entwicklung von Spitzenmodellen führend ist. Mit einer Nutzungsrate von 28,3 Prozent liegt es deutlich hinter kleineren, stärker digitalisierten Volkswirtschaften. Der Bericht folgert daraus, dass Führung bei Innovation und Infrastruktur allein keine breite Verbreitung garantiert.

Deutschland rangiert vor den USA auf Platz 21 mit einer Nutzungsrate von 28,6 Prozent.

Südkoreas bemerkenswerter Aufstieg

Die deutlichste Veränderung verzeichnete Südkorea: Das Land stieg von Platz 25 auf Platz 18 und verbuchte mit 4,8 Prozentpunkten das stärkste Wachstum aller Länder. Die Nutzungsrate kletterte auf 30,7 Prozent, das Gesamtwachstum seit Oktober 2024 beträgt laut Microsoft über 80 Prozent. Südkorea ist damit der zweitgrößte Markt für zahlende ChatGPT-Nutzer weltweit.

Der Bericht identifiziert drei Treiber für diesen Anstieg: Erstens verabschiedete die Regierung im September 2025 ein KI-Grundlagengesetz und richtete ein nationales KI-Strategiekomitee ein. Die Regierung kündigte zudem Investitionen von 1,2 Milliarden US-Dollar in KI-Bildung an.

Zweitens verbesserten sich die Sprachfähigkeiten großer Sprachmodelle im Koreanischen drastisch. Während GPT-3.5 im koreanischen Hochschuleignungstest nur 16 Punkte erreichte, erzielte GPT-4o 75 und GPT-5 volle 100 Punkte. Für koreanischsprachige Nutzer sei GPT-4o der Wendepunkt gewesen, der alltägliche Aufgaben wie Konversation, Textentwürfe und Übersetzungen erstmals zuverlässig ermöglichte, heißt es in dem Bericht.

Drittens löste ein viraler Kulturmoment im April 2025 einen Nutzeransturm aus: Bilder im Ghibli-Stil, die mit ChatGPT generiert wurden, verbreiteten sich auf koreanischen Plattformen und führten Millionen Erstnutzer an die Technologie heran. OpenAI eröffnete daraufhin ein Büro in Seoul.

Deepseek gewinnt in Afrika und sanktionierten Ländern

Eine der unerwarteten Entwicklungen des Jahres war laut dem Bericht der Aufstieg von Deepseek. Das chinesische Unternehmen veröffentlichte sein Modell unter einer quelloffenen MIT-Lizenz und bietet einen vollständig kostenlosen Chatbot an, was viele finanzielle und technische Barrieren beseitigte.

Die stärkste Verbreitung erreichte Deepseek in Ländern, die von westlichen KI-Plattformen unterversorgt sind oder Zugangsbeschränkungen unterliegen: China verzeichnet einen Marktanteil von 89 Prozent, Belarus 56 Prozent, Kuba 49 Prozent und Russland 43 Prozent. In Afrika liegt die Deepseek-Nutzung laut Microsoft zwei- bis viermal höher als in anderen Regionen.

Der Bericht führt dies auf strategische Partnerschaften mit Unternehmen wie Huawei zurück, die das Modell aktiv in afrikanischen Märkten bewerben und in Telekommunikationsdienste integrieren. Microsoft bezeichnet den Vorgang als Beispiel dafür, wie quelloffene KI als geopolitisches Instrument fungieren kann, das chinesischen Einfluss in Regionen ausdehnt, in denen westliche Plattformen nicht operieren können.

Vertrauen als unterschätzter Faktor

Der Bericht hebt hervor, dass die VAE ihren Vorsprung nicht zufällig erreichten. Bereits 2017, fünf Jahre vor dem ChatGPT-Durchbruch, ernannte das Land den weltweit ersten KI-Minister und verabschiedete eine nationale KI-Strategie für neun Schwerpunktbereiche. Als die aktuelle Welle generativer KI ankam, war die Bevölkerung bereits mit der Technologie vertraut.

Laut dem Edelman Trust Barometer 2025 vertrauen 67 Prozent der Bevölkerung in den VAE der KI-Technologie, in den USA sind es lediglich 32 Prozent. Diese Vertrauenslücke von 35 Prozentpunkten gehört zu den größten messbaren Unterschieden in der Technologiewahrnehmung zwischen Ländern.

Microsoft räumt ein, dass keine einzelne Kennzahl perfekt sei. Die Daten basieren auf aggregierten und anonymisierten Telemetriedaten des Unternehmens, angepasst für Betriebssystem-Marktanteile, Internetdurchdringung und Bevölkerungszahlen. Details zur verwendeten Methode finden sich in einem begleitenden Paper.

Die zentrale Schlussfolgerung des Berichts: Die nächste Welle von KI-Nutzern könnte nicht aus traditionellen Technologiezentren kommen, sondern aus Entwicklungs- und Schwellenländern, ermöglicht durch quelloffene Modelle. Die Herausforderung bestehe darin, sicherzustellen, dass diese Entwicklung Gräben verkleinert statt vertieft.

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