Bei "AgentForger" genügte ein manipulierter ChatGPT-Link, um im Hintergrund einen KI-Agenten aufzusetzen, der alle fünf Minuten neue Anweisungen aus dem Postfach des Angreifers abholte. Zenity Labs beschreibt die Lücke als neue Angriffsklasse gegen agentische KI.
Die KI-Sicherheitsfirma Zenity Labs hat eine Schwachstelle in OpenAIs Workspace Agents offengelegt. Ein einziger manipulierter Link reichte aus, um einen autonomen KI-Agenten im Namen eines Mitarbeitenden aufzusetzen. Der Agent erbte die Identität und die bereits erteilten App-Berechtigungen des Opfers, während die Freigabepflichten für sensible Aktionen ausgeschaltet wurden.
Zenity nennt die Schwachstelle "AgentForger" und beschreibt sie als Weiterentwicklung der klassischen Cross-Site-Request-Forgery (CSRF). Bei einem solchen Angriff führt ein Nutzer unwissentlich eine authentifizierte Aktion auf einer Webseite aus, weil er einen manipulierten Link anklickt oder eine präparierte Seite besucht.
AgentForger geht jedoch weiter. Statt eine einzelne unbeabsichtigte Aktion auszulösen, stößt der manipulierte ChatGPT-Link die Erstellung eines kompletten autonomen Agenten an. Der Agent läuft anschließend innerhalb der Vertrauensgrenze des Unternehmens, greift auf bereits autorisierte Konnektoren zu und kann über einen Zeitplan weitere Aufgaben vom Angreifer erhalten.
Der Unterschied zum klassischen CSRF: Gefälscht wird nicht eine Anfrage, sondern ein ganzer Agent. | Bild: Zenity Labs"Das ist keine gefälschte Anfrage, das ist ein gefälschter Insider", sagt Michael Bargury, Mitgründer und CTO von Zenity. "Mit einem Klick bekommt ein Angreifer einen vollständig autonomen Agenten in Ihrem Unternehmen, der die Identität und den Zugriff Ihrer Leute hat, während die Guardrails abgeschaltet sind."
Zwei URL-Parameter, die den Builder fernsteuern
Normalerweise ist die Erstellung eines Workspace-Agents ein interaktiver Ablauf: Nutzer wählen eine Vorlage, geben Anweisungen ein, verbinden Werkzeuge, prüfen Freigabeeinstellungen, testen den Agenten im Preview-Modus und veröffentlichen ihn erst danach. AgentForger war deshalb so problematisch, weil dieser Ablauf über die URL angestoßen und weitgehend ohne weitere Nutzerinteraktion durchlaufen werden konnte.
Der 2025 vorgestellte Agent Builder lässt sich unter chatgpt.com/agents/studio/new aufrufen und akzeptiert zwei Parameter aus der URL. template_name wählt eine Startvorlage aus, etwa "chief-of-staff". initial_assistant_promptliefert die Anweisungen. Zenity fand heraus, dass der Wert von initial_assistant_prompt beim Seitenaufruf nicht nur in das Prompt-Feld eingesetzt, sondern automatisch abgesendet und ausgeführt wird. Ein Angreifer musste daher keine rohen Anfragen an ChatGPT senden oder den Browser des Opfers direkt manipulieren. Ein auf den ersten Blick unverdächtig wirkender chatgpt.com-Link mit angehängtem Prompt reichte.
Der Angriff beginnt mit einer unauffälligen Mail, die den manipulierten ChatGPT-Link als Produktivitätstipp tarnt. | Bild: Zenity LabsVoraussetzung war lediglich, dass das Opfer in ChatGPT eingeloggt war, Zugriff auf Workspace Agents hatte und mindestens einen Konnektor wie Outlook, Gmail, Slack, Google Drive, SharePoint oder Teams autorisiert hatte. Weil die Verbindungen bereits bestanden, erschien keine neue OAuth-Zustimmung, die das Opfer hätte Misstrauisch machen können.
Vom Klick zum publizierten Agenten in einem Rutsch
In der Demonstration lud Zenity einen Prompt in die URL, der den Builder in einer nummerierten Aufgabenliste durch alle Schritte führte. Der Agent sollte alle bereits verbundenen Nicht-MCP-Konnektoren einbinden und jede Freigabepflicht für Lesen, Schreiben und Löschen auf "Never ask" setzen.
Außerdem legte er Zeitpläne mit einer Ausführung alle fünf Minuten an, prüfte Outlook auf Mails vom Angreifer mit "TASK" im Betreff, führte deren Anweisungen mit den verbundenen Apps aus und sendete die Ergebnisse ungefiltert zurück.
Der fertige Agent: Konnektoren verbunden, Freigabepflicht durchgehend abgeschaltet. | Bild: Zenity LabsDer Builder legte daraufhin ohne Rückfrage einen Agenten namens "TASK Mail Operator" an, verband die bereits autorisierten Konnektoren, schaltete die Freigabepflicht ab, publizierte den Agenten und startete ihn im Preview-Modus. Zenity betont, dass der Preview-Modus kein visueller Testlauf ist. Er führt den frisch erstellten Agenten mit den gerade konfigurierten Freigabeeinstellungen gegen die verbundenen Konten des Opfers aus. Da "Never ask" bereits gesetzt war, lief der erste Durchlauf ohne jede Rückfrage durch.
Preview Mode ist kein Trockenlauf, sondern führt den Agenten sofort gegen die echten Konten aus. | Bild: Zenity LabsDer Zeitplan macht aus dem Angriff eine Dauerpräsenz
Der Angriff wäre ohne den Scheduler eine einmalige Aktion geblieben. Erst der Zeitplan verwandelt den geforgten Agenten in etwas, das Command-and-Control-Infrastruktur ähnelt. Sobald der Agent publiziert ist, muss das Opfer weder erneut klicken noch ChatGPT wieder öffnen. Der Agent wacht im Fünf-Minuten-Takt auf, prüft das Postfach nach neuen TASK-Mails, führt die enthaltenen Anweisungen aus und schickt die Ergebnisse zurück. Der ursprüngliche Klick installiert den Agenten, der Zeitplan hält ihn am Leben, und das Postfach wird zum Anweisungskanal.
Zwölf versetzte Stundenpläne ergeben in Summe einen Lauf alle fünf Minuten. | Bild: Zenity LabsIn Teil zwei der Analyse führt Zenity vor, was ein Angreifer mit diesem Kanal anstellen kann. Auf ein "TASK 1: RECON"-Kommando kartierte der Agent die Organisation aus Outlook, Slack, Teams, Drive, SharePoint und Kalenderdaten und lieferte eine Übersicht über Personen, Rollen, Channels, aktive Projekte und wiederkehrende Meetings.
Aus einer einzigen Mail-Anweisung entsteht eine komplette Karte des Unternehmens. | Bild: Zenity LabsAuf eine Suchanfrage quer über Drive, SharePoint und Outlook identifizierte er ein M&A-Term-Sheet, eine Board-Präsentation mit Hinweisen auf Umsatzverfehlung und geplanten Personalabbau sowie einen unternehmensweiten Mitarbeiter-Export mit Kontakt- und Vergütungsdaten. Eine als "DLP-Übung" formulierte Anfrage brachte den Agenten dazu, in Slack nach dem String "pass:" zu suchen und ein Datenbank-Zugangsdaten-Paar an den Angreifer zu mailen.
Als DLP‑Übung getarnt, liefert der Agent gefundene Zugangsdaten im Klartext aus. | Bild: Zenity LabsWeitere Aufgaben nutzten die Vertrauensstellung des Opfers direkt aus. Der Agent verschickte über den Teams-Account des Opfers Nachrichten, die zur Bestätigung eines SSO-Rollouts auf einer vom Angreifer kontrollierten Login-Seite aufforderten. Zenity testete zudem Phishing über Slack, eine Business-E-Mail-Compromise-Vorlage, eine Freigabeanfrage für eine Überweisung von 242.500 US-Dollar sowie eine Kalendereinladung mit einem angreiferkontrollierten Teilnehmer.
Intern versendetes Phishing wirkt glaubwürdiger als jede Mail von außen. | Bild: Zenity LabsWarum die Guardrails den Angriff nicht stoppten
Zenity führt AgentForger auf zwei ineinandergreifende Designentscheidungen zurück. Der Builder behandelt den initial_assistant_prompt-Parameter als ausführbare Eingabe statt als bestätigungspflichtigen Nutzerinput. Eine angreiferkontrollierte URL startet damit innerhalb der authentifizierten Session des Opfers zustandsverändernde Operationen, ohne dass eine ausdrückliche Absicht des Nutzers vorliegen muss.
Gleichzeitig lässt sich sicherheitsrelevante Konfiguration wie Freigaberichtlinien und Ausführungszeitpläne durch denselben Prompt ändern. Der Mechanismus, der menschliche Freigabe für sensible Aktionen erzwingen soll, kann also von genau der Anweisung deaktiviert werden, die er kontrollieren sollte.
Zusammen ergibt sich laut Zenity das "tödliche Dreigespann" aus nicht vertrauenswürdiger Eingabe über die URL, Zugriff auf private Daten über die Konnektoren und einem Exfiltrationsweg über den Mailversand. Die meisten Exploits müssten Guardrails erst umgehen. Hier bekomme der Angreifer ein Build-Tool in die Hand, mit dem sich ein Agent gleich mit abgeschalteten Absicherungen zusammenbauen lasse.
Mensch-IT-Infrastruktur ist nicht für Agenten gemacht
Zenity meldete AgentForger am 4. Juni 2026 über OpenAIs Bugcrowd-Programm. OpenAI bestätigte den Bericht am Folgetag und behob die Schwachstelle am 8. Juni, indem der problematische URL-Parameter entfernt wurde. Zenity lobt die Reaktionsgeschwindigkeit des OpenAI-Security-Teams. Bis zum Fix waren laut Zenity alle Organisationen betroffen, die ChatGPT Workspace Agents mit bereits autorisierten Enterprise-Konnektoren einsetzten.
Über die konkrete Lücke hinaus formuliert Zenity jedoch ein grundsätzlicheres Argument. Klassische Sicherheitstools seien für Nutzer und Endpunkte gebaut, nicht für autonome Agenten, die im Namen legitimer Identitäten handeln. Je mehr ein Agent eigenständig tun könne, desto größer sei der Schaden, wenn er Anweisungen von jemand anderem entgegennehme. AgentForger sei letztlich ein "Agent-Trust-Failure", weil die Plattform darauf vertraut habe, dass der Nutzer den Agenten selbst erstellt, freigegeben, geplant und gestartet habe.
Die Debatte um die Sicherheit agentischer KI hat zuletzt an Fahrt aufgenommen. Hugging Face hatte einen Vorfall gemeldet, bei dem ein vollständig KI-gesteuertes Agentensystem über einen manipulierten Datensatz in die Produktionsinfrastruktur eindrang, sich lateral bewegte und laut Unternehmen mehr als 17.000 Aktionen ausführte. Kurz darauf outete sich OpenAI als Verursacher. Das Modell hatte bei einem Leistungstest versehentlich Hugging Face gehackt, um Testdaten zu erlangen.
Zenity selbst hatte vergangenes Jahr unter dem Namen AgentFlayer eine Reihe von Zero-Click- und One-Click-Exploits gegen Copilot Studio, Salesforce Einstein, Cursor mit Jira MCP und weitere Enterprise-KI-Tools vorgeführt. Dabei genügten versteckte Prompts in scheinbar harmlosen Ressourcen, um Kundendaten umzuleiten oder Zugangsdaten abzugreifen.



