Konferenz "Cables of Resistance": Widerstand gegen Big Tech

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Die Veranstalter der Konferenz „Cables of Resistance“ wollen die Veranstaltung als Sammelpunkt für Aktivisten verstanden wissen, die sich kritisch mit der Dominanz von Technologiekonzernen auseinandersetzen und Widerstand organisieren. Über 600 Besucher waren der Einladung nach Berlin am Wochenende gefolgt.

Zum Auftakt sprach die Journalistin und Autorin Nina Scholz vom Beginn eines „Bewegungszyklus“: Noch hätten Protest und Widerstand gegen Big Tech als Bewegung nicht die gleiche Größe und gesellschaftliche Relevanz erreicht wie andere Bewegungsthemen.

Beispiel Lieferketten: Die steigende Nachfrage nach Rohstoffen, die bei der Produktion von Elektronik zum Einsatz kommen, hat Folgen in den Herkunftsländern. In der Demokratischen Republik Kongo, aus der 70 Prozent der weltweiten Kobaltproduktion stammt, befeuere diese Nachfrage den bewaffneten Konflikt, sagte Sarah Pomame N'Sabaka von der Organisation „FreeCongo Collective“.

Aber auch anderswo sei Rohstoffabbau mit Eingriffen in natürliche Ökosysteme und die Lebensgrundlagen von Menschen verbunden, machten Konferenzteilnehmer deutlich: Beim Abbau seltener Erden in Myanmar würden giftige Schwermetalle freigesetzt und unkontrolliert in Flüsse geleitet. In der Region um die Stadt Bor in Serbien würden beim Abbau von Kupfer regelmäßig Schwellwerte für Arsen und Cadmium um ein Vielfaches überschritten. In Brandenburg belaste die Tesla Giga Factory das Wasserschutzgebiet.

Die Gruppe „Aufstände der Allmende“ aus der deutschsprachigen Schweiz berichtete über den Stand der Protestbewegung gegen Rechenzentren in der Eidgenossenschaft. „Der Widerstand lässt noch zu wünschen übrig“, lautet das vorläufige Fazit. Dabei werde die Schweiz jetzt schon durch Rechenzentren geprägt: Das kleine Land hat die zweithöchste Dichte an Datenzentren pro Kopf weltweit.

Konzerne wie Google prägen in Zürich ganze Straßenzüge derjenigen Stadt, die gleich von mehreren Big-Tech-Unternehmen als Standort ausgewählt wurde. In der von 5200 Menschen bewohnten Gemeinde Beringen steht der Bau von zwei oder drei neuen Datenzentren in der Nähe des Rheinfalls an. Im Betrieb würden diese einen Großteil des Stroms des Kantons Schaffhausen verbrauchen und der Wasserverbrauch würde nötig machen, auf Trinkwasser aus anderen Gemeinden zurückzugreifen.

Neben der Debatte ums große Ganze wurde es auf der Konferenz in kleineren Seminarräumen auch konkret und praktisch: Das Projekt compost.party wirkt wie ein digitales Biotop. Im Kern handelt es sich um einen experimentellen Webserver, der auf einem alten Smartphone läuft und ausschließlich durch Photovoltaik betrieben wird. Anlass war ein Telefon mit defektem Display und ein geschenktes Solarmodul. Mit PostmarketOS wurde aus dem Android-Gerät ein Linux-Server auf einem Dach in Berlin.

Das ungewöhnliche Setup ist nicht nur technische Spielerei, sondern programmatische Haltung: Das Projekt versteht sich als Teil Permacomputing-Bewegung, also dem Ansatz, der digitale Technik im Sinne nachhaltiger, kreislauforientierter Praktiken neu denkt und dabei Fortschritt nicht über Wachstum und Austauschzyklen definiert, sondern über ihre Vereinbarkeit mit ökologischen Grenzen und langfristiger Funktionalität. Charakteristisch ist die bewusst fragile Infrastruktur: Der Webserver liefert die Seiten nur aus, solange die Sonne genug Energie liefert. Das wird durch eine Batteriestandanzeige auf der Seite transparent gemacht und macht compost.party zu einem Gegenentwurf zur permanent verfügbaren Cloud. Nutzer können eigene kleine Projekte, Texte oder Seiten beisteuern, die auf dem Kompost Blumen blühen lassen.

(Bild: CC BY-SA, Cables of Resistance)

Mit dem Fall der Schauspielerin Collien Fernandes ist die sogenannte „digitale Gewalt“ ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt. Allein mit dem Schließen von Strafbarkeitslücken sei es nicht getan, sagte Anne Roth, die für die Fraktion Die Linke im Bundestag zu Digitalpolitik arbeitet. Der Gesetzentwurf zum Paragrafen 184k im Strafgesetzbuch, mit dem die Regierungskoalition auch sogenannte „Deep-Fake-Pornos“ unter Strafe stellen möchte, reiche nicht aus: „Strafrecht allein ist keine Lösung“, so Roth. Wichtig sei etwa Schutz und Unterstützung für Betroffene.

Die Formen digitaler Gewalt, die sich mehrheitlich gegen Frauen richten, beschränken sich nicht auf Deep Fakes, sondern umfassen auch sogenannte Stalkerware für Mobiltelefone. Entsprechende Spionagesoftware wird mit Anzeigen mit der Frage „Wie kann ich das Handy meiner Freundin überwachen?“ offen beworben. Laut Roth bestehe ein ganzer Markt für Überwachungstechnologie, die bei digitaler Gewalt zum Einsatz kommen, etwa in Form von getarnten Minikameras.

Weitere Panels zu KI als Treiber „technofaschistischer Ideologie“ oder den Einsatz in Militärtechnologie zeichneten eher düstere Aussichten auf die Zukunft. Die Bewegung gegen Big Tech hat sich allerdings auch kein Politikfeld mit Wohlfühlgarantie ausgesucht.

(jam)

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